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China : Die größte Volkszählung der Welt

Die letzte Volkszählung in China vor zehn Jahren ergab eine Zahl von 1,29533 Milliarden Bürgern. Bild: dpa

China zählt sein Volk - zum ersten Mal seit zehn Jahren. 6,5 Millionen Regierungsmitarbeiter schwärmen dazu im ganzen Land aus. Besonders schwierig erweist sich die Erfassung der Millionen von Wanderarbeitern. Auch in China lebende Ausländer sollen gezählt werden.

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          Die Volksrepublik China hat die größte Bevölkerung der Welt, so viel ist klar. Doch wie viele Chinesen gibt es eigentlich genau? Diese scheinbar einfache Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Denn angesichts solch einer gewaltigen Bevölkerung ist es schwierig, verlässliche Zahlen zu bekommen.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Die letzte große Volkszählung in China ist schon zehn Jahre her. Damals wurden 1,29533 Milliarden Bürger gezählt. Doch hielten viele das Ergebnis schon damals für höchstens halbwegs akkurat, weil viele Millionen Menschen nicht mitgezählt worden waren, da sie entweder nicht zu Hause waren, gerade umzogen oder sich den Volkszählern schlicht verweigert hatten.

          Vor allem hatte die Zählung keine verlässlichen Angaben über die Millionen von Wanderarbeitern geliefert, die überall im Land aus den Dörfern in die Städte gezogen waren. In der offiziellen Statistik fehlten außerdem viele von den Kindern, die nicht offiziell registriert waren, weil ihre Eltern sie aufgrund der strengen Ein-Kind-Politik versteckt hielten.

          Wer nach Mitternacht geboren wird, wird erst 2020 in die Statistik aufgenommen

          Seit Montag wird in China nun wieder gezählt. Man spricht von „der größten Volkszählung der Welt“. In den kommenden zehn Tagen schwärmen 6,5 Millionen Menschen aus, die meist aus Nachbarschaftskomitees und unter den lokalen Anwohnern rekrutiert werden, und die den Bürgern in 400 Millionen Haushalten einen Bogen mit insgesamt 18 Fragen zu Namen, Geschlecht, Ausbildung und ethnische Zugehörigkeit und ähnliches vorlegen sollen.

          Die Erhebung hat offiziell um Mitternacht begonnen. Wer danach geboren wird, wird erst bei der nächsten Zählung im Jahr 2020 mit in die Statistik aufgenommen. Die Zählenden dürften nun auf ähnliche Probleme stoßen wie schon bei der vorangegangenen fünften Erhebung im Jahr 2000. Es könnte sogar noch schwieriger werden, exakte Angaben zu bekommen, weil auch die Chinesen immer mehr auf ihre Privatsphäre achten. Schon in den Wochen zuvor haben die Behörden das Volk deshalb mit Spruchbändern und Medienberichten eingestimmt. Der stellvertretende Ministerpräsident Li Keqiang forderte die Menschen dazu auf, „aktiv“ an der Volkszählung teilzunehmen. Er versprach außerdem, dass die Daten der Bürger geschützt werden sollten.

          Das größte Problem dürfte auch diesmal sein, das Heer der geschätzten 200 Millionen Wanderarbeiter dazu zu bringen, ihr Misstrauen den Behörden gegenüber aufzugeben. Viele von ihnen fürchten Strafen oder den Verlust ihres Arbeitsplatzes, weil sie in den Städten nicht offiziell als Einwohner registriert sind. Vor zehn Jahren sollen auf den Baustellen sogar die Betten und Zahnbürsten gezählt worden sein. Um diesmal ein realistischeres Bild über den Aufenthaltsort zum Beispiel der Wanderarbeiter zu bekommen, werden die Chinesen nun zum ersten Mal dort gezählt, wo sie tatsächlich wohnen, nicht an dem Ort, an dem sie offiziell registriert sind. Um außerdem die Eltern zu ermutigen, ihren „illegalen“ Nachwuchs ebenfalls zählen zu lassen, wurden die Bußgelder für einen Verstoß gegen die Ein-Kind-Politik gesenkt. Denn gerade die Daten über Wanderarbeiter und ihren Nachwuchs sind wichtig für die Regierung, um unter anderem das rudimentäre Sozial- und Gesundheitssystem zu entwickeln.

          Zum ersten Mal werden in China lebende Ausländer gezählt

          Peking erhofft sich durch die Zählung zudem neue Erkenntnisse über die demographischen Probleme, über deren möglicherweise schwerwiegende Folgen für die Wirtschaftsnation seit längerem diskutiert wird. Aufgrund der Geburtenkontrolle und des wachsenden Wohlstands der Bevölkerung altert Chinas Bevölkerung besonders schnell. Weil viele Chinesen die Söhne den Töchtern vorziehen, gibt es außerdem seit Jahren ein extremes Missverhältnis bei der Geburtenrate weiblicher und männlicher Nachkommen. Nun sollen außerdem zum ersten Mal die in China lebenden Ausländer gezählt werden. Die Veröffentlichung der Daten ist für April 2011 geplant. Das Vorhaben wird etwa 700 Millionen Yuan kosten, umgerechnet 75 Millionen Euro.

          Um die Zählung vorzubereiten, hatten die Behörden in den vergangenen Monaten schon ihre Helfer geschickt, die die Wohnsitzregistrierungen der Einwohner prüften. Sie waren dabei auf erheblichen Widerstand in der Bevölkerung gestoßen. Viele hatten sich geweigert, Angaben zu machen, und öffneten gar nicht erst ihre Haustüren.

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