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Zeitgeist in Deutschland : Optimistisch und intolerant

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Wohl kein anderer Begriff der deutschen Sprache ist in seiner Bedeutung so unscharf, schwer fassbar und gleichzeitig so einzigartig, dass er unverändert in andere Sprachen übernommen wurde. Was kennzeichnet den „Zeitgeist“ unserer Tage? Die Analyse der Allensbach-Demoskopen für die F.A.Z. Von Elisabeth Noelle und Thomas Petersen.

          6 Min.

          „Wenn eine Seite nun besonders hervortritt“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe mit Blick auf öffentliche Diskussionen, „sich der Menge bemächtigt und in dem Grade triumphiert, dass die entgegengesetzte sich in die Enge zurückziehen und für den Augenblick im Stillen verbergen muss, so nennt man jenes Übergewicht den Zeitgeist, der dann auch eine Zeitlang sein Wesen treibt.“

          Man fragt sich, an welche Zeitspanne Goethe dachte, als er „eine Zeitlang“ schrieb. Ein Vorschlag stammt von Arthur Schopenhauer, der beobachtete, „dass wir den wissenschaftlichen, literarischen und artistischen Zeitgeist ungefähr alle 30 Jahre deklarierten Bankrott machen sehen. In solcher Zeit nämlich haben alsdann die jedesmaligen Irrtümer sich so gesteigert, dass sie unter der Last ihrer Absurdität zusammenstürzen.“

          Unscharfe Vorstellungen

          „Zeitgeist“. Wohl kein anderer Begriff der deutschen Sprache ist in seiner Bedeutung so unscharf, schwer fassbar und gleichzeitig so einzigartig, dass er unverändert in andere Sprachen übernommen wurde. Was ist das für eine Strömung, die anscheinend das gesellschaftliche Klima, die moralischen Maßstäbe und die Sprachregelungen über einen gewissen Zeitraum bestimmt, und was kennzeichnet den Zeitgeist unserer Tage?

          Bild: F.A.Z.

          Diesen Fragen ist das Institut für Demoskopie Allensbach in seiner Umfrage für die F.A.Z. nachgegangen.Zwar antwortet eine deutliche relative Mehrheit von 42 Prozent auf die Frage, ob es denn „zur Zeit in Deutschland einen ganz bestimmten ,Zeitgeist'“ gibt oder nicht, es gebe einen solchen Zeitgeist, während nur 29 Prozent die Gegenposition einnehmen, doch die Antworten auf die Nachfrage „Könnten Sie mir sagen, was den derzeitigen Zeitgeist bei uns in Deutschland ausmacht?“ offenbaren die Verwirrung, die der Begriff bei den Befragten hervorruft.

          Ein knappes Fünftel derjenigen, die überhaupt eine Antwort geben, verweist auf einen angeblichen Pessimismus, auf Zukunftsängste in der Gesellschaft. Ebenso viele klagen über Egoismus oder Geldgier, acht Prozent verweisen auf den Klimawandel, sieben Prozent auf soziale Ungerechtigkeiten. Die Mehrzahl der Antworten beschränkt sich auf die Wiedergabe politischer Schlagwörter.

          Doch so unscharf die Vorstellungen vom „Zeitgeist“ auch sind, so deutlich ist der Eindruck bei einem großen Teil der Befragten, dass es sich dabei um etwas Negatives handelt, von dem man sich besser distanzieren sollte. 47 Prozent sagen, sie richteten sich „in aller Regel“ nicht nach dem Zeitgeist, nur 26 Prozent widersprechen ausdrücklich. Eine grundlegende Zeitströmung, der sich die Hälfte der Bevölkerung verweigert, erscheint jedoch als Widerspruch in sich.

          Tiefer Pessimismus schwächt sich ab

          Das Erste, was auffällt, ist, dass sich der tiefe Pessimismus, der die Deutschen seit Jahren geprägt hat, erheblich abgeschwächt hat. Dies wird zum Beispiel deutlich an den Antworten auf die Frage „Wie würden Sie die Zeit beschreiben, in der wir heute leben, was trifft auf unsere Zeit zu?“. Dazu wurde eine Liste mit fünf positiven und fünf negativen Aussagen zur Auswahl vorgelegt. Der Aussage „Deutschland ist in einer Krise, es muss sich unbedingt etwas ändern“ stimmten vor zwei Jahren 82 Prozent der Befragten zu, heute sind es noch 48 Prozent.

          Der Anteil derjenigen, die meinen, die Zeiten würden ernster, das Leben werde härter werden, ist in derselben Zeit von 76 auf 64 Prozent zurückgegangen. „All die Belastungen um einen herum, das wird immer bedrückender“, meinten im Jahr 2005 62 Prozent, heute liegt der Anteil bei 49 Prozent. Bei fast allen positiven Aussagen ist dagegen ein Zuwachs zu verzeichnen. „Es gibt bei uns in Deutschland viele Probleme, aber das kriegen wir schon in den Griff“, sagen heute 38 Prozent, vor zwei Jahren waren es 25 Prozent (Tabelle).

          Trends aus den Sechzigern haben Höhepunkt erreicht

          Diese Entwicklung ist nicht - zumindest nicht allein - eine kurzfristige Reaktion auf die verbesserte Wirtschaftslage, sondern eine langsame, über Jahrzehnte dauernde, gleichsam „tektonische“ Verschiebung der Wahrnehmung. Erkennbar wird dies an der Frage „Würden Sie sagen, wir leben heute alles in allem in einer glücklichen Zeit, oder haben Sie das Gefühl, dass wir ziemlich schwierige Zeiten durchmachen?“. Diese Frage wurde zum ersten Mal im Jahr 1963 gestellt und ist seitdem in den Umfragen des Allensbacher Instituts oft wiederholt worden. Betrachtet man die Antworten über die Jahrzehnte hinweg, zeigt sich ein charakteristisches Muster: Vom Ende der sechziger Jahre an stieg, sieht man von kurzfristigen Schwankungen ab, der Anteil derjenigen in Westdeutschland, die meinten, wir lebten in schwierigen Zeiten, langsam, aber beharrlich von 37 Prozent auf 67 Prozent im Jahr 1993 an.

          Seitdem hat sich der Trend umgekehrt, wenn auch der Wert aus der Befragung vom März 2007 mit 50 Prozent noch hoch ist. Dieses Muster ist zu charakteristisch, und es wiederholt sich bei anderen Fragen zur Werteorientierung und Weltsicht der Bevölkerung zu oft, als dass man es auf den Zufall zurückführen könnte. Ob bei Fragen zur Kindererziehung, zur Wertschätzung bürgerlicher Tugenden, zur Arbeitsethik, zur politischen Links-rechts-Orientierung oder zur Verwendung von Naturheilmitteln - immer wieder zeigt sich, dass Trends, die in der Mitte der sechziger Jahre ihren Anfang genommen und sich in den darauffolgenden Jahrzehnten fortgesetzt hatten, in den neunziger Jahren ihren Höhepunkt erreichten und überschritten.

          Moralischer Druck gegenüber Meinungen

          Hier wird vermutlich der erste Zyklus des Zeitgeistes erkennbar, der von Anfang bis Ende von der Demoskopie in Deutschland begleitet und dokumentiert werden konnte. Dabei fällt auf, dass die Zeitspanne zwischen den Trendwenden am Anfang und am Ende der Entwicklung fast exakt 30 Jahre umfasst, also die Länge hat, von der schon Schopenhauer gesprochen hatte.

          Der Charakter einer Zeit zeigt sich in ihren Tabus, an dem moralischen Druck, den die Gesellschaft gegenüber bestimmten Meinungen aufbaut. Was Goethe meinte, wenn er schrieb, dass eine „Seite“ sich angesichts des Drucks des Zeitgeistes „in die Enge zurückziehen“ und „im Stillen verbergen“ müsse, wird deutlich, wenn man die Befragten mit Verstößen gegen ungeschriebene Gesetze, gegen gesellschaftliche Sprachregelungen konfrontiert. Das Allensbacher Institut tat dies unter anderem mit der Frage „Unabhängig davon, welche Meinung man selbst hat, gibt es ja Aussagen, die sollte niemand öffentlich sagen, und es gibt Aussagen, die sollte jeder äußern können, der diese Meinung hat. Wenn Sie die Aussage hören 'Mütter gehören nach Hause zu ihren Kindern und nicht in den Beruf', finden Sie es in Ordnung, wenn jemand so etwas sagt, oder darf man das nicht sagen?“.

          Druck auf Minderheitsmeinungen notwendig

          Nur 25 Prozent der Befragten waren der Ansicht, diese Äußerung müsse erlaubt sein, 56 Prozent meinten: „Das darf man nicht sagen.“ In ähnlich formulierten Fragen vertraten 50 Prozent die Ansicht, die Aussage „Umweltorganisationen wie BUND, Greenpeace und anderen geht es in Wahrheit gar nicht um die Umwelt, sondern nur darum, sich selbst darzustellen“ dürfte nicht erlaubt sein, 49 Prozent sagten das Gleiche über die These „Entwicklungshilfe ist doch nutzlos, deshalb sollte man sie einstellen“, ebenfalls eine relative Mehrheit von 42 Prozent fand das Zitat „Wir brauchen in Deutschland mehr Kernkraftwerke“ als Aussage nicht akzeptabel. Hier zeigt sich der harte, der intolerante Zug des Zeitgeistes, der jeden mit gesellschaftlicher Isolation bestraft, der sich ihm nicht anschließt.

          Sozialpsychologisch betrachtet, ist der moralische Druck auf Minderheitenmeinungen bis zu einem gewissen Grade notwendig, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Die Mechanismen der öffentlichen Meinung - und damit auch des Zeitgeistes, der eine Spielart öffentlicher Meinung ist - halten dadurch, dass sie vom Konsens abweichende Meinungen unter Druck setzen, die Gesellschaft auch in strittigen Fragen entscheidungsfähig.

          Gewachsene Unduldsamkeit in der Bevölkerung

          Doch es spricht einiges dafür, dass die Tendenz zur Intoleranz in Deutschland eher zu- als abnimmt. Wie eingeschüchtert diejenigen sind, deren Meinung nicht mit dem Zeitgeist übereinstimmt, ist am Beispiel der Gegner eines Rauchverbots in Gaststätten zu sehen. Die Frage dazu lautete: „Angenommen, Sie haben eine fünfstündige Eisenbahnfahrt vor sich, und jemand in Ihrem Abteil fängt an, sich ganz dafür auszusprechen, das Rauchen in allen Gaststätten und Restaurants zu verbieten. Würden Sie sich gern mit diesem Menschen unterhalten, oder würden Sie keinen großen Wert darauf legen?“ Die Befragten, die selbst für ein Rauchverbot in Gaststätten eintreten, sagen zu 53 Prozent, dass sie sich mit dem Mitreisenden gerne unterhalten würden, die Gegner eines Rauchverbots sagen dagegen zu zwei Dritteln, dass sie unter diesen Umständen keinen Wert auf ein Gespräch legen.

          Eine andere Variante der Frage lautet, dass sich der Mitreisende im Zug ganz gegen ein Rauchverbot ausspricht. Auch unter diesen Bedingungen sind die Gegner des Rauchverbots nur zu einem Drittel bereit, sich an dem Gespräch zu beteiligen. Eine deutliche Mehrheit von 53 Prozent winkt ab. Selbst wenn ihre Meinung von dem Mitreisenden im Zug ausdrücklich unterstützt wird, trauen sich die meisten nicht, sich zu ihrer Position zu bekennen.

          Trendfragen zeigen, dass die Bereitschaft der Gesellschaft, Regelverstöße zu dulden, in den letzten 25 Jahren alles in allem leicht zurückgegangen ist. Die gewachsene Unduldsamkeit wird von der Bevölkerung auch durchaus wahrgenommen. 48 Prozent der Befragten meinen, ein Kennzeichen der Zeit sei, dass es immer mehr Verbote und Vorschriften gebe - doch eine ernste Gefahr wird in dieser Entwicklung nicht gesehen. Forderungen nach neuen Verboten, Kontrollen oder Strafen werden in aller Regel von einer Mehrheit der Bevölkerung unterstützt.

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