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Zehntausende Missbrauchsfälle : Entsetzen in katholischer Kirche der Niederlande

In den Niederlanden sind in Einrichtungen der katholischen Kirche nach Angaben einer unabhängigen Kommission zwischen 1945 und 2010 „mehrere zehntausend Minderjährige“ sexuell missbraucht worden.

          In den Niederlanden sind in Einrichtungen der katholischen Kirche seit 1945 „mehrere zehntausend“ Minderjährige Opfer sexueller Übergriffe geworden, darunter „zehn- bis zwanzigtausend Katholiken“. Eine unabhängige Untersuchungskommission, die von den katholischen Bischöfen und Ordensoberen beauftragt worden war, Ausmaß und Art des sexuellen Missbrauchs im Raum der Kirche zu untersuchen, kam angesichts dieser Zahlen zu dem Schluss, das Ausmaß sexueller Übergriffe durch Personen im Dienst der Kirche sei „prozentual betrachtet relativ gering, aber an den absoluten Zahlen gemessen ein großes Problem“.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Mit dieser Feststellung trat die Kommission am Freitag dem weitverbreiteten Eindruck entgegen, sexueller Missbrauch sei ein spezifisches Problem der katholischen Kirche. Eine Repräsentativbefragung der Bevölkerung habe ergeben, dass annähernd ein Prozent der Niederländer als Kind oder Jugendlicher wider Willen sexuellen Avancen von Personen ausgesetzt gewesen sei, die nicht der eigenen Familie angehörten, heißt es in dem Abschlussbericht. In Schulen und anderen Erziehungseinrichtungen sei das Risiko doppelt so groß gewesen wie in anderen sozialen Zusammenhängen. Indes unterschieden sich katholische Schulen und Internate hinsichtlich des Ausmaßes sexueller Übergriffe nicht von nicht signifikant von Einrichtungen in anderer Trägerschaft. Bischöfe und Ordensobere zeigten sich am Freitag ob dieser Befunde entsetzt und beschämt nicht nur ob der Schuld der Täter und des Leids der Opfer, sondern auch eigenen Versagens.

          In der Kirche selbst konnte die Kommission anhand von Akten und Berichten von Missbrauchsopfern konnte etwa 800 Personen identifizieren, die sich in den vergangenen 65 Jahren als Priester, Bruder, Ordensschwester, aber auch als Laie im kirchlichen Dienst an Minderjährigen vergriffen haben. Etwa 700 und damit etwa 90 Prozent sind verstorben.

          Wie hoch der prozentuale Anteil der 800 nachweisbaren Täter an der Gesamtzahl der Priester, Ordensleute und Laien ist, die in den Niederlanden tätig waren oder sind, hat die Kommission mangels hinreichender Statistiken nicht ermitteln können. Gleichwohl fehlt nicht der Hinweis, dass noch im Jahr 1967 in den Niederlanden etwa 13500 Priester und 40000 Laienbrüder und Schwestern lebten.

          Auf festerem Grund bewegte sich die Kommission dort, wo sie anhand der Akten von sieben Diözesen und 16 Orden und Kongregationen der Frage nachging, wie die Bischöfe und Ordensobere reagierten, wenn ihnen Fälle sexuellen Missbrauchs bekannt wurden. Von einer „Kultur des Schweigens“ konnte den Erkenntnissen zufolge nie und nirgends die Rede sein, jedenfalls nicht nach innen hin. Großen Schwankungen unterlag einzig die Aufmerksamkeit, die den Vorkommnissen auf der jeweiligen Leitungsebene gewidmet wurde.

          Homosexuelle Subkultur ein entscheidender Faktor

          Diese war in den vierziger und fünfziger Jahren weitaus höher als in den sechziger und siebziger Jahren. Damals wiegten sich offenbar viele in der Hoffnung, dass sich mit der mutmaßlich bevorstehenden Abschaffung des Zölibats auch das Missbrauchsthema erledigen werde. Diese Hoffnung erwies sich insofern als trügerisch, als die Zölibatsverpflichtung für Kleriker bis heute in Kraft ist, ohne dass es je einen monokausalen Zusammenhang zwischen Zölibat und sexuellen Übergriffen auf Kinder und Jugendliche gegeben hätte.

          Schilderungen der Kommission über sexuellen Missbrauch von Jungen speziell in Ordenseinrichtungen lassen indes darauf schließen, dass eine homosexuelle Subkultur ein entscheidender Faktor für Übergriffigkeit war und ist.

          Pädosexuelle aus Priestermangel

          Eher hoch war der Kommission zufolge stets das Bestreben von Bischöfen und Ordensoberen, den Tätern Therapie und Hilfe angedeihen zu lassen, eher niedrig das Interesse an den Opfern – es sei denn, dass sie davon abgebracht werden sollten, sich an die Justiz zu wenden. Mitunter musste selbst die Beichte dafür herhalten, Opfer zum Schweigen zu bringen.

          Der meist benevolente Umgang mit Tätern und die Missachtung der Opfer endete erst in der jüngsten Vergangenheit. Doch noch Ende der neunziger Jahre machten die Bischöfe nicht von der von Rom eröffneten Möglichkeit Gebrauch, Pädosexuelle aus dem Priesteramt zu entlassen. Und schon in den achtziger Jahren hatte der Priestermangel ein solches Ausmaß angenommen, dass auch Männer zu den Weihen zugelassen wurden, die wegen sexueller Übergriffe auf Kinder und Jugendliche straffällig geworden waren.

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