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„Supermacht“ Amerika : Nach zehn Jahren

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Die amerikanische Flagge vor einem der beiden brennenden Türme des World Trade Center Bild: AFP

Nach dem 11. September 2001 zog Amerika in den Krieg. Zuerst gegen Afghanistan, dann gegen den Irak. Die langen Kämpfe haben gezeigt, dass militärische Macht zur Umgestaltung ganzer Staaten nicht ausreicht. Sie haben Amerika an die Grenzen seiner politischen Möglichkeiten geführt.

          Die terroristischen Angriffe am 11. September 2001, bei denen allein in den „Twin Towers“ des Welthandelszentrums in New York fast dreitausend Menschen ihr Leben verloren, haben nicht nur die Amerikaner in ihrem insularen Sicherheitsbewusstsein tief erschüttert. Sie sind zu Recht als ein Angriff auf die gesamte zivilisierte Welt begriffen worden, weil schnell klar wurde, dass dies die Kriegserklärung von Terroristen war, die sich nicht den Kampf für nationale Befreiung oder gegen soziale Ungerechtigkeiten auf die Fahnen geschrieben hatten.

          Die Namen Al Qaida und Usama Bin Ladin, die zuvor nur Geheimdienstkreisen und Spezialisten bekannt gewesen waren, wurden zu Metaphern für eine Herausforderung, die auf nichts weniger zielte als die Veränderung und Vernichtung der bestehenden Weltordnung. Deshalb war es geradezu zwingend, dass der damalige Bundeskanzler Schröder in dieser Zeitung drei Tage nach „Nine-Eleven“ den Vereinigten Staaten die „uneingeschränkte Solidarität“ Deutschlands zusicherte und die Nato einen Tag später den Bündnisfall nach Artikel 5 beschloss und am 2. Oktober, zum ersten Mal in ihrer Geschichte, ausrief.

          Es war aber auch eine Selbstverständlichkeit, dass der amerikanische Präsident George W. Bush den 11. September zuerst einmal als Kriegserklärung an das eigene Land ansah und sie zum Kern seiner Präsidentschaft machte. Der Krieg gegen das radikal-islamische afghanische Taliban-Regime, das Al Qaida beherbergt und unterstützt hatte, begann zwei Monate nach dem 11. September – unter Beteiligung anderer Nationen, die zunächst nur eine Nebenrolle spielten. Als deutsche Soldaten im Januar 2002 erstmals in Kabul Patrouille liefen, hatte die übermächtige amerikanische Kriegsmaschinerie das Taliban-Regime bereits zerschlagen. Es gehört zu den tragischen Momenten des „Krieges gegen den Terror“, dass es den amerikanischen Spezialkräften damals nicht gelang, der Haupttäter um Usama Bin Ladin habhaft zu werden. Hätte man diese Symbolfiguren früh zur Strecke gebracht, hätte der Kampf gegen den Terrorismus, hätte das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts vielleicht einen anderen Verlauf genommen. Doch dann kam der Irakkrieg.

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          Die Demokratisierung begann nicht im Irak, sondern in Nordafrika

          Der Krieg gegen Saddam Hussein, den Bush im März 2003 begann – aufgrund ungewisser Vermutungen über irakische Massenvernichtungswaffen und angeblicher, weitgehend erfundener Verbindungen zu Al Qaida – entsprang einer zwar gut gemeinten, aber von Hybris durchtränkten Gegenstrategie. Weil der islamische Terrorismus in der arabischen Welt mit ihren menschenverachtenden Diktaturen seinen Ursprung hatte, sollte er mit seinen Wurzeln ausgerissen werden: Ein demokratischer Irak sollte als Vorbild für die Nachbarstaaten eine Kettenreaktion hervorrufen – „making the world safe for democracy“. Zu den bitteren Ironien der Geschichte gehört es, dass diese Bewegung zehn Jahre später in Tunesien und Ägypten begann, nicht als kriegerischer „Demokratie-Import“, sondern als innerer Aufstand gegen die Willkür kleptokratischer Herrscher. Welche Aus- und Nachwirkungen diese Umwälzungen in der arabischen Welt haben, lässt sich selbst heute noch nicht erahnen.

          Der Irakkrieg sah die Vereinigten Staaten auf dem Höhepunkt ihrer Macht – sechs Wochen nach dem ersten Bombenangriff sagte Präsident Bush auf einem amerikanischen Flugzeugträger den Satz: „Mission accomplished“. Es war der größte Irrtum seiner Amtszeit. Der Irakkrieg wurde aber auch zum politischen Debakel: Auf die uneingeschränkte Solidarität der Verbündeten folgte die Spaltung des Bündnisses, folgten bittere Polemiken über die Methoden, mit denen die Amerikaner ihren Krieg gegen den Terrorismus führten. Die wichtigsten Stichworte heißen Abu Ghraib und Guantánamo.

          Amerikas Ansehen ist beschädigt

          Die langen Kämpfe, die auf die kurzen Kriege in Afghanistan und im Irak folgten, haben gezeigt, dass militärische Macht zur Umgestaltung ganzer Staaten und guter Wille zur Veränderung fremder Kulturen nicht ausreichen. Sie haben Amerika und den Westen insgesamt an die Grenzen ihrer politischen Möglichkeiten und damit auch ihrer künftigen Interventionsbereitschaft geführt.

          Al Qaida ist zumindest als Terrorzentrale, die hinter islamistischen Anschlägen steckt, besiegt: Der Tod Usama Bin Ladins war mehr Symbol als die Wirklichkeit verändernde Tat. Zu dieser Wirklichkeit gehört aber auch, dass sich während des Krieges in Afghanistan und dann vor allem wegen des Krieges im Irak Terrormetastasen unter der Marke „Al Qaida“ über die Welt verbreiteten, auch in Europa, wo teils von einheimischen Islamisten geführte Zellen Anschläge planten und ausführten. Die Attentate am 11. März 2004 in Madrid und am 7. Juli 2005 in London – wie dasjenige 2002 in Bali – sind die blutigsten Zeugnisse dieser anhaltenden Gefährdung.

          Die Auswüchse des Krieges gegen den Terror haben Amerikas Ansehen beschädigt. Die Pyrrhus-Siege im Irak und in Afghanistan – Staaten, deren Zukunft noch nicht gesichert ist – haben Amerika aber auch ökonomisch und politisch geschwächt: Die Ära der „einzig verbliebenen Supermacht“ geht zu Ende, es zeichnet sich eine Ära der Unsicherheit ab, in der die Macht in der Welt neu verteilt wird.

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