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Im Gespräch: Frank-Walter Steinmeier : „Wir haben uns Amerika nicht aufgedrängt“

  • Aktualisiert am

Frank-Walter Steinmeier Bild: Daniel Pilar

Frank-Walter Steinmeier, damals Kanzleramtschef, im Gespräch mit der F.A.S. über den 11. September, die Solidarität Deutschlands gegenüber den Vereinigten Staaten, den Druck aus Washington und ein Scheppern auf dem Auto.

          7 Min.

          Sie waren 2001 der Chef des Bundeskanzleramtes und damit Koordinator der deutschen Geheimdienste. Wie haben Sie am 11. September von den Anschlägen in New York und Washington erfahren, Herr Steinmeier?

          Ich war im Auto, auf der Rückfahrt von einem Kurzurlaub mit der Familie in Frankreich. Wir fuhren gerade durch Stuttgart, als das Telefon klingelte. Mein Büroleiter war dran, der völlig irritiert berichtete, er habe gerade eben im Fernsehen gesehen, dass ein Flugzeug in das World Trade Center geflogen sei. Und während wir darüber rätselten, was da passiert sein könnte, sagte er: Und jetzt ein zweites. Uns war klar, das konnte kein Unfall sein. Ich bin dann nur noch ein paar Kilometer weitergefahren und habe einen Platz zum Parken gesucht, um in Ruhe telefonieren zu können. Der Kopf war voll mit Gedanken, was in den nächsten Minuten zu veranlassen ist. Ich fand auch schnell eine Parkgarage, in die ich hineinfuhr. Erst ein knarzendes Scheppern erinnerte daran, dass die Fahrräder auf dem Dach waren. Die sahen nicht gut aus. Aber es gab Wichtigeres an diesem Tag.

          Wann haben Sie Näheres erfahren?

          Mein Mitarbeiter hatte auf meine Bitte ersten Kontakt mit Ernst Uhrlau aufgenommen, der damals im Kanzleramt als Abteilungsleiter für Geheimdienstfragen zuständig war. Zu diesem Zeitpunkt deutete schon alles auf einen Terroranschlag hin. Wir hatten aber an diesem Nachmittag noch keine belastbaren Hinweise, wer verantwortlich dafür sein könnte.

          11. September 2001

          Was ging Ihnen in diesen ersten Stunden durch den Kopf?

          Weder wussten wir am Anfang, dass es insgesamt vier Flugzeuge waren, die entführt waren. Noch konnten die Amerikaner ausschließen, dass womöglich weitere Flugzeuge in der Hand von Terroristen sind. Auch das jede Vorstellung überschreitende Maß der Katastrophe war nicht von Anfang an bekannt. Erst als ich wenig später bei Freunden die Bilder von Menschen sah, die sich in den Tod stürzten, dann die einstürzenden Türme, wurde mir das grausame Ausmaß der Katastrophe allmählich deutlicher.

          Wann haben Sie zum ersten Mal mit Bundeskanzler Schröder gesprochen?

          Am Nachmittag des 11. September gegen 15.30 Uhr. Ich habe dann noch etliche Male mit meinem Stab und dem Abteilungsleiter für die Geheimdienste telefoniert.

          Was war die erste Maßnahme, die Sie ergriffen haben?

          Ich habe angewiesen, unser Lagezentrum auszubauen, also mehr Personal dorthin abzustellen. Das Lagezentrum des Kanzleramtes ist die Schaltstelle, über die wir technisch mit dem Ausland verbunden sind. Da Amerika betroffen war und auch ansonsten Gesprächsbedarf mit ausländischen Partnern zu erwarten war, musste dort eine erhöhte Einsatzbereitschaft hergestellt werden. Auch banale Dinge: Ein Hubschrauber musste organisiert werden, um rasch nach Berlin zu kommen. Der wurde noch nachts auf die Reise geschickt, und ich war frühmorgens in Berlin für die erste Sicherheitslage.

          Bleiben wir noch einen Moment beim 11. September. Sie standen ja ständig in Kontakt zum Kanzleramt. Wie kam die Entscheidung Gerhard Schröders zustande, den Amerikanern öffentlich „uneingeschränkte Solidarität“ zuzusagen?

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