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Nach Steuerreform : Zahl der Kirchenaustritte steigt dramatisch

Ab durch die Mitte: Alleine die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern zählte im ersten Halbjahr 2014 fast 15.000 Austritte. Bild: dpa

Massenweise treten Kirchenmitglieder derzeit aus, nach F.A.Z.-Informationen sind die Zahlen im Vergleich zur Vorjahr teilweise um mehr als 50 Prozent gestiegen. Zumindest eine Mitverantwortung hierfür trägt Peer Steinbrück.

          Die Kirchensteuer wird deutlich seltener als Grund für den Austritt aus der Kirche angeführt als noch vor zehn Jahren. Das war einer der wenigen aus kirchlicher Sicht erfreulichen Aspekte, als die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im Frühjahr ihre neue Mitgliedschaftsuntersuchung vorstellte. Nun wird deutlich, dass die Leute bei der Kirchensteuer vielleicht doch noch etwas empfindlicher sind, als angenommen wurde. Denn einhergehend mit dem neuen Verfahren zur Erhebung der Kirchensteuer auf Kapitalerträge ist die Zahl der Austritte 2014 sprunghaft in die Höhe geschnellt.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Die dahingehenden Ahnungen aus den vergangenen Wochen lassen sich nun erstmals mit Zahlen aus drei der größten Landeskirchen belegen. So verzeichnet die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern von Januar bis einschließlich Juni 2014 etwa 14.800 Austritte, wie dieser Zeitung auf Nachfrage mitgeteilt wurde. Das sind mehr als 50 Prozent mehr als im Vorjahr, denn im Vergleichszeitraum 2013 betrug die Zahl der Austritte etwa 9.700. In der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers hofft man, mit nur etwa 30 bis 40 Prozent mehr Austritten davonzukommen.

          Daten aus der Evangelischen Landeskirche in Württemberg allerdings bestätigen eher den bayerischen Trend. Denn auch im Südwesten beträgt die Steigerung mehr als 50 Prozent, dort schnellte die Zahl der Austritte im ersten Quartal 2014 auf 5.500, wie dieser Zeitung am Donnerstag mitgeteilt wurde. Im ersten Quartal 2013 waren es nur 3.500 Austritte gewesen. „Diese Zahlen legen die Vermutung nahe, dass es tatsächlich einen direkten Zusammenhang zwischen dem ab 1. Januar 2015 geplanten neuen Verfahren bei der Erhebung von Kirchensteuer auf Kapitalertragsteuer und den vermehrten Kirchenaustritten gibt“, heißt es aus Stuttgart. Die bayerische Kirche kann diese Vermutung sogar mit einer Beobachtung untermauern: „Zum ersten Mal gab es eine sichtbare Welle von Austritten über 65 Jahre“, sagt ein Sprecher – Austritte von Leuten also, die bisher selten groß mit der Kirchensteuer zu schaffen hatten.

          „Wir machen das nicht wegen der erwarteten Mehreinnahmen.“

          Mitverantwortlich für die Austrittswelle ist in gewisser Weise Peer Steinbrück (SPD). Denn bis zur vom damaligen Bundesfinanzminister im Jahr 2009 eingeführten pauschalen Abgeltungsteuer in Höhe von 25 Prozent wurden Kapitalerträge mit dem jeweiligen Einkommensteuersatz belastet. Die neue Abgeltungsteuer mochte etwas ungerechter sein – aber dafür war sie charmant einfach. Freilich nicht für die Kirchen. Denn mit der neuen Abgeltungsteuer stellte sich die Frage, woher die Banken erfahren sollen, wer in welcher Religionsgemeinschaft Mitglied ist. Für eine Übergangszeit konnten Kirchenmitglieder bisher entweder freiwillig eine Auskunft erteilen oder ihre Kapitaleinkünfte später bei der Steuererklärung der Kirchensteuer unterwerfen. Das taten allerdings, wie gemutmaßt wird, bei weitem nicht alle.

          Vereinbart war deshalb von Beginn an eine Automatisierung. Deren Einführung zum 1. Januar 2015 führt nun zu der Austrittswelle. Denn die Bankkunden werden in Schreiben davon unterrichtet, dass die Banken ihre Religionszugehörigkeit bei den Behörden abfragen, außer sie widersprechen ausdrücklich. Dann aber müssen die Kunden später bei der Steuererklärung ein Formular ausfüllen – zwingend.

          Die Austrittszahlen legen nahe, dass der Ärger vieler Bürger darüber groß ist. Möglicherweise habe die Verquickung der beiden Reizworte Bank und Kirche Verunsicherung ausgelöst, wird in den Kirchenämtern gemutmaßt. Dabei sei doch gar keine neue Steuer eingeführt, sondern nur das Verfahren automatisiert worden, rechtfertigt man sich. Und es sei ja nur gerecht, wenn die Kirchensteuer nicht nur auf den Lohn, sondern auch auf Kapitaleinkünfte gezahlt werde. Der für Finanzfragen zuständige EKD-Oberkirchenrat Thomas Begrich behauptet sogar: „Wir machen das nicht wegen der erwarteten Mehreinnahmen.“ Wegen der vermutlich einigen zehntausend Austritte wahrscheinlich aber auch nicht.

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