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Yücel-Kommentar : Frei, aber noch lange kein Frühling

Nach einem Jahr wieder frei: Deniz Yücel am Freitag mit seiner Frau in Istanbul Bild: AFP

Entspannungssignale sollten aber nicht ignoriert werden. Ein vernünftiges Verhältnis zur Türkei ist nach wie vor im deutschen Interesse.

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          „Auf keinen Fall, solange ich in diesem Amt bin, niemals!“ Das sagte der türkische Staatspräsident Erdogan im April 2017 zur Frage, ob die Türkei den verhafteten deutschen Journalisten Yücel, der auch türkischer Staatsangehöriger ist, nach Deutschland ausreisen lasse. Denn Yücel, der vom Erdogan-Regime ein Jahr lang ohne Anklageschrift festgehalten wurde, sei ein „Agent“ und „Terrorist“. Und auch Deutschland liefere der Türkei schließlich keine Menschen aus, die – aus türkischer Sicht – des Terrorismus verdächtigt werden.

          Nun ist Yücel, wie von Ministerpräsidenten Yildirim vor seinem Besuch bei Merkel angedeutet, aus der „Untersuchungshaft“ entlassen worden. Auch die Ausreise nach Deutschland soll ihm erlaubt werden. Erdogan muss seine eigenen Worte aufessen. Das wird ihm sicher nicht schmecken.

          Doch wenigstens seinen Beratern muss klar geworden sein, dass die Isolation, in die Erdogans Innen- und Außenpolitik die Türkei führte, keine glorreiche ist. Die türkische Wirtschaft und Währung leiden erheblich unter dem Vertrauensverlust bei westlichen Investoren, die angesichts Erdogans nationalistischem und islamistischem Egotrip lieber die Finger von einem Engagement in seiner Autokratie lassen.

          Russland aber kann, so gerne Putin das möchte, der Türkei nicht die Perspektiven bieten, die sie im Westen verliert. Auch die Entfremdung von engsten Verbündeten wie Deutschland und Amerika bringt Erdogans Reich keinen Gewinn. In den syrischen Kurdengebieten könnte es sogar zu einer direkten Konfrontation zwischen türkischen und amerikanischen Soldaten kommen, denen Erdogan mit der „osmanischen Ohrfeige“ drohte. Sein osmanischer Größenwahn ist brandgefährlich geworden.

          Markiert die Entlassung Yücels eine Trendwende in Erdogans Politik, wenigstens im Verhältnis zu Berlin? Freigelassene Geiseln machen noch keinen Frühling. Es sitzen weitere Deutsche aus politischen Gründen in Erdogans Verließen, von den Abertausenden Türken ganz zu schweigen.

          Doch deuten Yücels Abschiebung (mit der Androhung von 18 Jahren Haft) und andere Zeichen zumindest darauf hin, dass dem Nato-Partner Türkei nach langer Eiszeit etwas an Entspannung gelegen ist. Das sollte bei aller gebotenen Skepsis entsprechend beantwortet werden, denn ein vernünftiges Verhältnis zum Verbündeten am Bosporus ist nach wie vor im deutschen Interesse.

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