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Wulff im Interview : Der Zweifel bleibt

  • Aktualisiert am

Bild: dpa

Christian Wulff will Bundespräsident bleiben. In einem Fernsehinterview gestand er zwar Fehler ein, lehnte einen Rücktritt aber ab. Die „Bild“-Zeitung widersprach Wulffs Darstellung, er habe einen Bericht des Blattes nur hinauszögern, nicht aber verhindern wollen.

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          Bundespräsident Christian Wulff trotzt dem massiven Druck in der Hauskredit-Affäre und lehnt einen Rücktritt ab. Ungeachtet des verheerenden Medienechos beteuerte Wulff am Mittwoch in einem Interview bei ARD und ZDF, nichts Unrechtes getan zu haben. Er gab aber zu, der Drohanruf bei „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann sei „ein schwerer Fehler“ gewesen. Die „Bild“-Zeitung hatte vor drei Wochen zuerst über die Umstände des Kredits im Wert von einer halben Million Euro berichtet. Die Frau eines befreundeten Unternehmers hatte das Darlehen gewährt.

          Nach der Rückkehr des Staatsoberhauptes aus dem Weihnachtsurlaub hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in der seit Mitte Dezember schwelenden Affäre abermals Klärung verlangt. In der Opposition blieben nach dem Interview Zweifel, ob Wulff dem Amt noch gewachsen ist. Bei den Regierungsparteien Union und FDP überwog Erleichterung. Aktuelle Meinungsumfragen vor dem Interview zeigten, dass die Bürger in der Frage eines Wulff-Rücktritts gespalten sind.

          Das gesamte Interview : Der Bundespräsident erklärt sich

          Wulff wies den Vorwurf zurück, er informiere die Öffentlichkeit per Salami-Taktik. Die etwa 400 Anfragen von Journalisten seien von seinen Anwälten umfassend beantwortet worden. Am diesem Donnerstag sollen alle Details im Internet veröffentlicht werden, kündigte Wulff an. Er wende sich gegen die Vorstellung, Präsident in einem Land zu sein, in dem man sich kein Geld von Freunden leihen könne.

          „Ich nehme meine Verantwortung gerne wahr“

          „Ich nehme meine Verantwortung gerne wahr“, sagte ein sichtlich angespannter Wulff den Berliner Hauptstadtstudioleitern Ulrich Deppendorf (ARD) und Bettina Schausten (ZDF). Er übe sein Amt mit Freude aus und wisse, dass er nichts Unrechtes getan habe. „Es gibt auch Menschenrechte - selbst für Bundespräsidenten.“

          Stellte sich nach langem Zögern den Fragen der Journalisten: Christian Wulff, Ulrich Deppendorf (ARD), Bettina Schausten (ZDF, v.l.) Bilderstrecke
          Stellte sich nach langem Zögern den Fragen der Journalisten: Christian Wulff, Ulrich Deppendorf (ARD), Bettina Schausten (ZDF, v.l.) :

          Die Formulierung, ein Bundespräsident auf Bewährung zu sein, wies er zurück. „Den Begriff der Bewährung halte ich für abwegig“, sagte Wulff. Er habe weder als Bundespräsident noch als niedersächsischer Ministerpräsident gegen irgendein Gesetz verstoßen.

          Wulff bestreitet Versuch der Unterdrückung der Berichterstattung

          Der Präsident muss sich gegen Vorwürfe wehren, beim Kauf eines Eigenheimes als Ministerpräsident die genauen Umstände der Kreditaufnahme verschwiegen zu haben. Eine neue Dimension erhielt das Geschäft in den vergangenen Tagen dadurch, dass er „Bild“- Chefredakteur Diekmann Drohungen auf dessen Mobilbox hinterließ.

          Wulff bestritt, er habe mit dem Anruf versucht, die Berichterstattung zu unterdrücken. Ihm sei es darum gegangen, den Artikel über die Umstände der Kreditaufnahme um einen Tag bis zu seiner Rückkehr von einer Auslandsreise zu verschieben. Er habe sich bei der „Bild“-Zeitung entschuldigt, und die Entschuldigung sei angenommen worden.

          Der Präsident bat, sein Vorgehen menschlich zu verstehen - vor dem Hintergrund der Belastung für seine Familie, die er habe schützen wollen. Dies sei auch vor dem Hintergrund geschehen, „was im Internet alles verbreitet wird über meine Frau“. Wulff sprach dabei von Fantasien. Das Haus-Darlehen der BW Bank verteidigte der Präsident als normal und mit üblichen Konditionen ausgestattet. Er habe keine Vorteile genossen, es handele sich um ein Angebot wie für andere auch.

          Zu den kritisierten Urlauben bei befreundeten Unternehmern sagte Wulff, einen Verstoß gegen das niedersächsische Ministergesetz erkenne er nicht. Es handele sich auch um Freunde aus Schulzeiten, die er seit seinem 14. Lebensjahr kenne.

          „Bild“ widerspricht Wulff

          Die „Bild“-Zeitung hat nach einem Bericht des Deutschlandfunks inzwischen Wulffs Aussage widersprochen, er habe mit seinem Anruf bei Chefredakteur Kai Diekmann eine Berichterstattung zu seiner Hausfinanzierung nicht verhindern wollen. Der stellvertretende Chefredakteur Nikolaus Blome sagte nach Angaben des Senders am Mittwochabend im Deutschlandfunk, „den Satz von Herrn Bundespräsident Wulff, ich wollte die Berichterstattung nicht verhindern, das haben wir damals deutlich anders wahrgenommen.“

          Blome bezeichnete die auf der Mailbox von Diekmann hinterlassene Nachricht als „große Dummheit“. Blome weiter: „Es war ein Anruf, der ganz klar das Ziel hatte, diese Berichterstattung zu unterbinden.“

          Eine „Causa Merkel“?

          Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Hubertus Heil sagte in einer ersten Stellungnahme, Wulffs Interview sei „kein Befreiungsschlag“ für den Bundespräsidenten. Es blieben noch immer Fragen offen, etwa zu Wulffs Amtsverständnis und seinem umstrittenen Kredit, sagte Heil dem ZDF.

          In der schwarz-gelben Koalition wurde der Fernsehauftritt Wulffs mit Erleichterung aufgenommen. „Ich bin sicher, dass Christian Wulff damit erfolgreich Vertrauen in der Bevölkerung zurückgewinnen wird“, erklärte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe. Aus der FDP hieß es, es
          sei gut, dass Wulff zu den Vorwürfen Stellung genommen und Fehler eingeräumt habe. „Das war ein wichtiger Schritt“, sagte der designierte FDP-Generalsekretär Patrick Döring.

          Dagegen sehen SPD, Linke und Grüne weiteren Aufklärungsbedarf. Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel forderte Kanzlerin Angela Merkel
          auf, dessen Eignung für das höchste Staatsamt zu überprüfen. „Das ist keine Causa Wulff mehr, das ist eine Causa Merkel.“ Der stellvertretende SPD-Fraktionschef Hubertus Heil sagte: „Es bleiben Fragen offen, die aufgeklärt werden müssen.“

          Auch die Grünen bezweifeln, dass die Kanzlerin mit der Erklärung Wulffs zufrieden sein könne. Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke sagte: „Wir erwarten, dass sie dazu Stellung nimmt.“ Merkel hatte vor dem Interview erklären lassen, dass sie Wulffs Arbeit nach wie vor schätze. Sie vertraue auf umfassende Antworten Wulffs.

          Nach dem jüngsten ARD-Deutschlandtrend meinen nur noch 47 Prozent, dass Wulff im Amt bleiben kann. Damit verlor das Staatsoberhaupt seit Wochenbeginn kontinuierlich an Zustimmung: Am Montag hatten sich noch 63 Prozent der Befragten für einen Verbleib Wulffs im Amt ausgesprochen, 34 Prozent für einen Rücktritt. Am Dienstag waren es nur noch 53 Prozent, die an Wulff als Bundespräsident festhielten, 44 sprachen sich hingegen für seinen Rücktritt aus. Die letzte Befragung am Mittwoch fand allerdings noch vor der Ausstrahlung des Wulff-Interviews statt.

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