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Wolgograd nach den Anschlägen : Die „Heldenstadt“ in Angst

Die Bombe explodierte in diesem Bus der Linie 15 Bild: REUTERS

Schon zum zweiten Mal innerhalb von 24 Stunden wird Wolgograd Ziel eines heimtückischen Anschlags. Die Bewohner fürchten weitere Explosionen, die eigentlich den Olympischen Spielen in Sotschi gelten. Wer kann, bleibt zu Hause.

          „Heldenstadt“ darf sich Wolgograd, das bis 1961 Stalingrad hieß, wegen seiner Rolle und der seiner Bewohner im Zweiten Weltkrieg nennen. Zentraler Gedenkort der Stadt, die im Krieg vollkommen zerstört und danach in wuchtiger Betonpracht neu aufgebaut wurde, ist der Mamajew-Hügel; ihn überragt eine 87 Meter hohe Figur der „Mutter Heimat“, die ein Schwert in die Höhe reckt. Nach dem dritten Anschlag in Wolgograd innerhalb von gut zwei Monaten und dem zweiten binnen nur zwei Tagen deutet vieles darauf hin, dass die „Heldenstadt“ zum jüngsten Schauplatz eines ganz anderen Krieges geworden ist, als ihn die Rote Armee seinerzeit gegen die deutsche Wehrmacht führen musste: des Krieges gegen den islamistischen Terrorismus.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Wer die Opfer in diesem Krieg sind, fasst ein Bewohner von Wolgograd am Montagmorgen wenige Stunden nach dem Anschlag auf den Oberleitungsbus der Linie 15 im Gespräch mit dem Radiosender „Echo Moskau“ zusammen: Schüler, Studenten, Lehrer – Menschen, die, um am Montagmorgen um halb neun aus ihrem Wohnviertel ins Stadtzentrum zu gelangen, auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind. Wie schon die Opfer des Selbstmordattentäters vom Sonntag, der am Bahnhof der Stadt mindestens 16 Menschen mit in den Tod riss.

          „Die Menschen sind wirklich in Panik“

          Die Leute in Wolgograd wüssten nicht, was sie jetzt machen sollten, sagt der Mann aus Wolgograd am Telefon – man rufe einander an, wenn es das Netz gerade zulasse. Gerüchte machen die Runde: Warum gerade diese Route? Der Selbstmordattentäter vom Montag zündete seinen Sprengsatz gegenüber einem Marktplatz, riss mindestens 13 Menschen mit in den Tod. Bilder zeigen Leichname, die auf der Straße liegen, kaum bedeckt. Handtaschen stehen neben Trümmern des zerfetzten Busses. Der Mann berichtet, wer könne, bleibe nun zu Hause, wer hinaus müsse, meide Straßenbahnen und Busse, gehe zu Fuß. „Die Menschen sind wirklich in Panik“ – und die Behörden seien nicht imstande, die Situation unter Kontrolle zu bringen.

          Beide Anschläge, der auf den Bahnhof und der auf den Bus, tragen die Handschrift islamistischer Terroristen – auch wenn sich dieses Mal, anders als es in ersten Berichten über das Geschehen vom Sonntag noch geheißen hatte, offenbar keine der berüchtigten „schwarzen Witwen“ in die Luft sprengte, eine Attentäterin also, deren Mann und/oder Angehörige von den russischen Sicherheitskräften getötet und die so (zusätzlich) radikalisiert wurde.

          „Kavkazcenter.com“, eineWebsite der Islamisten, zitierte nach dem Anschlag vom Sonntag genüsslich „Fachleute“ mit der Aussage, „Männer slawischen Aussehens“ – wie der mutmaßliche Selbstmordattentäter vom Bahnhof, ein Konvertit zum Islam – könnten sich in eine Menge mischen, ohne Aufsehen zu erregen. Nun werden die Drohungen des Terrorführers Doku Umarow wieder zitiert; Anfang Juli hatte er die „Mudschahedin“ dazu aufgerufen, die Olympischen Winterspiele in Sotschi, wo die Armee des Zaren im 19. Jahrhundert muslimische Tscherkessen getötet hatte, mit allen Mitteln zu verhindern.

          Sotschi wird zur Festung

          Während der Schwarzmeerort Sotschi wegen der Spiele zur Festung wird und auch in Moskau die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt worden sind, suchen sich die Terroristen, so wird nun argumentiert, andere Orte – „weiche Ziele“, an denen sie leichter zuschlagen können. Sie wollen dabei auch Präsident Wladimir Putin treffen, der sein Ansehen mit den Spielen verknüpft hat – denn klar ist, dass es auch „Sotschi“ schadet, wenn in anderen Teilen des Landes Angst und Schrecken herrschen. Wolgograd, so mutmaßen Quellen aus den Sicherheitskräften nun, sei als Wirtschafts- und Transportknotenpunkt des russischen Südens dabei für die „Wahhabiten“ interessant.

          Darüber hinaus vermuten diese Kreise, dass in der Gegend eine straff organisierte, gut ausgerüstete Terrorzelle ansässig ist; diese stecke auch schon hinter dem Anschlag auf einen Linienbus in Wolgograd im Oktober, als eine Selbstmordattentäterin sechs Menschen mit in den Tod riss. Dazu passt, was „kavkazcenter.com“ nun in Erinnerung rief: Pawel Kosopalow – ein wegen mehrerer Terroranschläge gesuchter Russe, der sich seit seiner Hinwendung zum Islam Muhammad nennt – stammt aus der Gegend von Wolgograd.

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