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Wolgograd nach den Anschlägen : Die „Heldenstadt“ in Angst

Spiritus rector des Terrors

Der islamistische Terrorismus ist auch in Russland nicht zentral organisiert; Umarow, dessen Handlungsspielraum als Russlands „Staatsfeind Nummer eins“ begrenzt ist, gilt indes als Inspirationsquelle für die „Dschamaate“ (Vereinigungen), unabhängig voneinander agierende Zellen. Der Mann, der mehrfach totgesagt wurde, tritt als Spiritus rector des Terrors gegen „Ungläubige“ in Russland und – ausdrücklich – weltweit auf.

Umarow, geboren 1964 in Tschetschenien, kämpfte im ersten Tschetschenienkrieg in den neunziger Jahren für einen unabhängigen, säkularen tschetschenischen Nationalstaat. Erst im Oktober 2007 erklärte er sich selbst zum „Emir des Kaukasus“, passend zu dem Ziel, das er seither verfolgt: die Errichtung eines islamischen Gottesstaats, der über ethnische Grenzen hinweg den gesamten Nordkaukasus umfassen soll. Und wie Umarow selbst seine muslimischen Wurzeln entdeckte, hat sich der (gleichsam traditionelle) ethnisch-separatistische Widerstand in den vergangenen Jahren „islamisiert“.

Eher selten erregen dabei große Anschläge wie der auf den Moskauer Flughafen Domodjedowo vor bald zwei Jahren oder auf die Moskauer U-Bahn auch international Aufmerksamkeit; kaum beachtet werden die Anschläge, die im Nordkaukasus nahezu jede Woche Todesopfer fordern – mittlerweile kaum mehr in Tschetschenien, wo Ramsan Kadyrow mit Moskaus Plazet nach Gutdünken herrscht, aber in Dagestan, in Inguschetien. Doch selbst jetzt, nach den Anschlägen von Wolgograd, scheint im Westen die Sorge um den „sicheren Verlauf der Spiele“, um die gut geschützten Sportfunktionäre und Athleten, allem Anschein nach größer als das Mitgefühl mit der Zivilbevölkerung, die unter dem Terror leidet – und, so befürchten viele, weiter, womöglich noch stärker leiden wird, wenn nach dem Ende der Winterspiele das massive Aufgebot der Sicherheitskräfte im Nordkaukasus verringert werden wird.

Folter, Hinrichtungen, Korruption

Denn deren brutales Vorgehen, einschließlich Folter und willkürlichen Tötungen, gepaart mit wirtschaftlicher Not und Korruption – viele Steuermittel, die zur Entwicklung dienen sollen, werden „zweckentfremdet“ – trägt zu dem Teufelskreis der Gewalt bei und treibt Leute in den Untergrund. Der Schriftsteller Boris Akunin kritisierte am Montag in seinem Blog Russlands Politik, im Kampf gegen den Terrorismus alles den Spezialkräften zu überlassen – und Tschetschenien als problematischste Region des Nordkaukasus „dem Kadyrow-Clan als Privatbesitz zu überlassen“. Die tragischen Ereignisse von Wolgograd zeigten, dass „all das nicht funktioniert“, schrieb Akunin, der mit der Opposition gegen Putin sympathisiert. Das ständige „harte Durchgreifen“ löse die Probleme nicht – als ob einen Selbstmordattentäter die Aussicht auf eine Hinrichtung schrecken könne. Es gebe, beklagte Akunin, nur Feindseligkeit und Spaltung, aber keinerlei Dialog – und Dialog, das umfasse auch Gewaltenteilung.

Nach den Anschlägen von Wolgograd deutet freilich nichts darauf hin, dass sich an der harten Linie Moskaus etwas ändern könnte; es wurde mitgeteilt, Sicherheitsmaßnahmen sollten ausgeweitet werden; es wurden die schon bestehenden Maßnahmen gelobt, etwa, wenn es von Seiten der Ermittler hieß, am Bahnhof hätten noch mehr Menschen getötet werden können, wäre der Täter nicht an einer Sicherheitsschleuse aufgehalten worden.

Und es hieß, alle Entscheidungsträger entsprechender Einrichtungen trügen „persönliche Verantwortung“ für die Umsetzung der Maßnahmen im Antiterrorkampf. Kadyrow meldete sich mit der Einschätzung zu Wort, mit Spielereien in Demokratie und Humanität werde man das Übel nicht ausmerzen; er warb für das tschetschenische Modell, Terror mitsamt seinen Wurzeln auszureißen.

In Moskau kündigten muslimische Vertreter derweil an, Spenden für die Opfer der Anschläge von Wolgograd zu sammeln, in der „Heldenstadt“ selbst lösten Sicherheitskräfte am Montag eine „Volksversammlung“ einiger Dutzend russischer Nationalisten auf. Alle Neujahrsfeierlichkeiten in der Stadt wurden abgesagt, und für die Zeit vom 1. bis 3 Januar ist Trauer angeordnet.

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