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Wolfgang Gerke : Die Karrieren des Allgegenwärtigen

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Wolfgang Gerke Bild: Wolfgang Gerke

Der Mann füllt eine Marktlücke. Gleichgültig, ob ein Vorstandsvorsitzender für die Deutsche Börse gesucht wird - "Rudolf Ferscha wäre ein guter Nachfolger" - oder ob es um die Schuldenpolitik der Bundesregierung geht, Wolfgang Gerke hat immer eine Meinung, tagesaktuell und stets griffig.

          Der Mann füllt eine Marktlücke. Gleichgültig, ob ein Vorstandsvorsitzender für die Deutsche Börse gesucht wird - "Rudolf Ferscha wäre ein guter Nachfolger" - oder ob es um die Schuldenpolitik der Bundesregierung geht, Wolfgang Gerke hat immer eine Meinung, tagesaktuell und stets griffig. Und diese Meinung verkündet der Mann mit der Fliege auf allen Kanälen, im "Heute-Journal", bei Sabine Christiansen, in der "Tageszeitung", im "Stern", in der "Börsen-Zeitung". Auf mehr als 40000 Einträge bringt er es in den gängigen Internet-Suchmaschinen.

          Als Börsenexperte, Wirtschaftsprofessor und Bankenfachmann erreicht Gerke eine Medienpräsenz, die bald an Franz Beckenbauer heranreichen könnte - mit dem Unterschied, daß Gerke bisher nicht als Werbefigur aufgetreten ist. Aber das kann ja noch kommen. Früher besetzte Norbert Walter als Chefvolkswirt der Deutschen Bank die Rolle des überall und jederzeit präsenten TV-Ökonomen. Mittlerweile versteht es Gerke genausogut, schwierige Zusammenhänge in ein Zehn-Sekunden-Statement zu zwängen. Offenbar herrscht im Fernsehen ein großer Bedarf an Expertenaussagen, auch wenn sie Formen annehmen wie: "Der Kurs ist schon erstaunlich gestiegen" oder: "Die Börsen schauen nach vorn."

          Nun strebt Gerke eine weitere Karriere an. Zum Jahresende verläßt der 61 Jahre alte Professor seinen Lehrstuhl für Banken- und Börsenwesen an der Universität Erlangen-Nürnberg und will Anfang kommenden Jahres einen eigenen Hedge-Fonds auflegen. Hedge-Fonds? Das ist doch eines jener Anlagevehikel, die der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering als "Heuschrecken" identifiziert hatte. Fallen sie nicht in Scharen über die deutschen Unternehmen her und hinterlassen eine kahlgefressene Volkswirtschaft? Münteferings Kritik hatte Gerke natürlich auch kritisiert. "Die Politiker betreiben ihr Spielchen", vertraute Gerke der "Taz" an. Die Kritik aus der SPD an der Deutschen Bank sei im übrigen noch weniger gerechtfertigt: "Es ist der ganz normale Kapitalismus, den die Deutsche Bank lebt."

          Solche Systemkritik ist indes auch Gerke nicht fremd. Schließlich bezeichnet er sich selbst als Achtundsechziger, der sogar gegen den Vietnam-Krieg demonstriert hatte. Doch auch er hat sich längst mit dem Kapitalismus ausgesöhnt. Zusammen mit drei Kollegen werde er den Fonds betreiben, bei der Anlagepolitik konsequent die quantitative Methode anwenden und mit dynamischen Volatilitäten die Finanzmärkte analysieren. Man brauche zwar eine gewisse Größe für einen solchen Fonds und damit einen Vertrieb, um ihn bei institutionellen Anlegern zu plazieren - ein Volumen von mehr als 100 Millionen Euro sei schon sein Ziel. Aber das Startkapital werde "eher bei 30 Millionen als bei 300 Millionen liegen". Tatsächlich, sagt Gerke, ginge es ihm um die "Umsetzung von Wissenschaft", wobei er die wissenschaftliche Betreuung des Fonds übernehme. "Das wird eine ganz spannende Sache, die auch für mich eine völlig neue Erfahrung ist", formuliert er routiniert in sein Mobiltelefon, während er auf die Fähre zu seinem Urlaubsort wartet.

          Doch sind Ökonomen wirklich die besseren Anleger? Der längst verstorbene Börsenessayist Andre Kostolanyi hatte seine Zweifel. Im Fall des amerikanischen Investmentfonds LTCM behielt er auch recht. Der Fonds brachte durch seine spektakuläre Schieflage in den neunziger Jahre einen Augenblick das internationale Währungsgefüge ins Wanken, obwohl sich der Fonds von den Wirtschaftsnobelpreisträgern Robert Merton und Myron Scholes beraten ließ. Auch Gerke kennt an der Börse Höhen und Tiefen. Sagte er noch 1999 auf dem Höhepunkt der Interneteuphorie, daß er durch seine Börsengeschäfte "finanziell ein relativ freier Mensch geworden sei", klingt er heute bescheidener und räumt ein, daß auch er Verluste erleide. "Man lernt aus seinen Fehlern", sagt Gerke nun. Manche Beobachter in Frankfurt behaupten, daß er genau deshalb so präsent in der Öffentlichkeit sei, weil er durch die Honorare für seine Auftritte Aktienverluste ausgleichen müsse.

          Nun wird sich zeigen, ob die vielen Karrieren des Professors Gerke auf Dauer zusammenpassen, ob ein emeritierter Professor im Fernsehen genauso gefragt ist wie ein aktiver, ob ein in der Theorie bewanderter Ökonom genauso erfolgreich anlegt wie ein praxisorientierter Finanzmarktexperte und vor allem, ob ein Wissenschaftler, der sein Wissen populär präsentieren kann, auch als Fondsmanager ernst genommen wird. Geschäftsideen hatte Gerke viele. Doch einzig mit der Rolle als Conferencier hatte er bisher wirklich Erfolg.

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