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Wörter-See : Schicksalstag

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WÖRTER-SEE - das Glossar der Politik Bild: FEM Grafik

Der Kanzler hält eine Rede, und Deutschland steht Kopf? Die Heilserwartungen an Schröders Auftritt im Bundestag sind maßlos überzogen. Ein „Schicksalstag“, wie BDI-Präsident Rogowski übertrieb, ist dieser Freitag schon gar nicht.

          Was für eine Übertreibung: Einen „Schicksalstag für Deutschland“ hat Michael Rogowski, Präsident des Bundesverbandes der Industrie, diesen Freitag genannt: „Wenn an dem Tag nichts Entscheidendes passiert, steigen wir endgültig ab in die Zweit- oder Drittklassigkeit.“ Aber was soll denn passieren, Herr Rogowski? Schröder hält eine Rede im Bundestag. Mehr nicht.

          Dabei hat der Kanzler, dessen Entourage seit Wochen am Redemanuskript feilt, selbst geradezu Heilserwartungen geweckt - und sei es auch nur in Teilen der von den Wählern immer stärker geschmähten SPD. Auf die Frage, wann es dem wirtschaftlich geschüttelten Deutschland besser gehen werde, antwortete Schröder: „Am Freitag.“ Wie viel Ironie ihn dabei trieb, bleibt der öffentlichen Interpretation überlassen.

          Ruck-Rede inmitten der Kakophonie

          Der 14. März 2003 und eine Ruck-Rede inmitten der Kakophonie soll in die Geschichte eingehen? Lächerlich. Das Land hat schon ganz andere Daten erlitten oder auch gefeiert, die es wahrlich verdienten, mit dem Schicksal in Verbindung gebracht zu werden.

          Drei Tage im November, am neunten: 1918, 1938, 1989. Oder zwei im August: „Hurra, es ist Krieg“, jubelten viele Verblendete am 1. August 1914 als der Erste Weltkrieg ausbrach. Und dann der 13. August 1961, als das Land von Fassungslosigkeit gelähmt dem Mauerbau in Berlin zusah.

          Selbst Bundeskanzler Schröder hat schon Tage hinter sich bringen müssen, die diesen Freitag im März 2003 in ihrer Bedeutung wohl übersteigen: den 16. November 2001, an dem über der Vertrauensfrage zum Bundeswehreinsatz im Anti-Terror-Kampf fast seine Koalition zerbrochen wäre. Oder der 11. Mai 2000, als Schröder in einer Regierungserklärung hochmütig weniger als 3,5 Millionen Arbeitslose versprach. Das hätte ihm im vergangenen Wahlkampf fast das Genick gebrochen, wenn er sich nicht noch auf Glück und sein präzises Gespür für deutsche Befindlichkeiten hätte verlassen können.

          Nicht nur Rhetorik

          Schröder gilt als guter Redner. Doch allein darauf wird es nicht ankommen. Er muss sich zerreißen. Er wird von der Wirtschaft daran gemessen werden, wie konkret er seine Ankündigungen fasst, wie weitreichend die verkündeten Reformschritte sind. Die Linken in der SPD werden argwöhnisch messen, wie weit sich der Kanzler mit seinen Reformschritten von sozialdemokratischen Grundüberzeugungen entfernt. Damit kehrt - um es mit dem Göttinger Politologen Franz Walter zu sagen - eine beinahe schon vergessene sozialdemokratische Turnübung aus den achtziger Jahren zurück: der Spagat.

          Die SPD also wartet auf einen entschlossenen Kanzler, der eine langfristige Vision entwickelt - nicht gerade eine von Schröders Stärken. Er muss um sein Schicksal an diesem Tag dennoch kaum fürchten: Bei allem Streit und trotz aller anhaltenden Umfragetiefs wird die Partei ihn nicht in den Ruhestand schicken.

          „Den folgenden Morgen floß der Main, in dem sich die schönste Stadt des Landes gespiegelt hatte, langsam und gelassen durch Schutt und Asche, hinaus in die Zeit.“ Das war vor fast genau 58 Jahren, am 16. März 1945. Gerade hatte eine Elitestaffel der Royal Air Force Würzburg zerstört. Und heute? Schröder hält eine Rede. Mehr nicht.

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