https://www.faz.net/-gpf-3fdn

Wörter-See : Kompetenzteam

  • -Aktualisiert am

WÖRTER-SEE - Das wöchentliche Glossar der Politik Bild: FEM Grafik

Kaum hat Stoiber sein Kompetenzteam aufgestellt, droht das Schlamassel: Wohin nur mit all den Köpfen nach einem Wahlsieg? Wir behaupten jedoch: Einer fehlt noch. Ein Wörter-See.

          2 Min.

          Als daletzt bei Lothar Matthäus das Handy im Sakko vibrierte und sich die bayerische Staatskanzlei meldete, wunderte sich der Fußballer kein bißchen. „Überraschung! Edmund Stoiber will Sie in sein Kompetenzteam holen“, sagte
          der Mann von der Staatskanzlei. Die Matthäussche Funkstille dauerte höchstens eine Sekunde. „Natürlich!“, rief der Bayer begeistert. Bundessportminister, aber gerne, freilich. Das sei ihm erstens eine große Ehre und zweitens sei er ein großer Fan von Edmund Stoiber. „Eine dolle Sache“, erklärte er dem Mann von der Staatskanzlei, der in Wirklichkeit vom Radio war.

          Geben wir es zu, liebe Leser: Auch wir wären nicht wirklich überrascht. Weil erstens, was heißt schon Kompetenz? Zuständigkeit und nicht Können. Und zuständig wird man durch einen Telefonanruf. So funktioniert das in der Politik. Weil zweitens, wer wird denn schon angerufen? Dafür braucht man einen Namen, den jeder kennt. Und weil drittens eine Telefonkette nicht unterbrochen werden darf. Das bringt Unglück, im Wahlkampf erst recht.

          So erscheinen in regelmäßigen Abständen diese hübschen Bilder mit einem lächelnden Stoiber zur Rechten und einer lächelnden Merkel zur Linken und einem ebenfalls lächelnden Kompetenzkandidaten in der Mitte. Lothar Späth war der Erste, und vielleicht hat er deswegen nicht nur gelächelt, sondern gleich gegrinst. Es könnte natürlich auch sein, dass er sehr wohl in der K-Frage ein wenig durcheinander gekommen war und Kompetenz doch für Können hielt. „Wir können im Augenblick bei Steuersenkungen gar nichts versprechen“, sagte Späth wenige Tage nach seiner Ernennung, Aufnahme, Nominierung (oder wie auch immer der Aufstieg in die nationale Unionsmannschaft genannt wird) und erzählte damit das komplette Gegenteil zu den Aussagen des CDU/CSU-Wahlprogamms.

          Stoiber kann nicht alles können

          Gut, könnte man sagen, der Stoiber kann schließlich nicht alles können, aber dafür kann er telefonieren und nominieren. Auf Späth folgte Annette Schavan, als Kultusministerin kompetent in Bildungs- und Wissenschaftsfragen. Danach kam Wolfgang Schäuble zum Zug, der, weil er bereits Innenminister war und Kanzlerkandidat nicht mehr sein darf, dieses Mal eben für das Äußere und Europa spricht. Alle mit S wie Süden übrigens und alle aus Baden-Württemberg außer Horst Seehofer (genau, der alte und vielleicht neue Gesundheitsminister) der zwar das S-Kriterium erfüllt, bber aus Bayern stammt.

          Ups, muss Stoiber gedacht und daraufhin im Telefonbuch geblättert haben, wo er bei M nein, nicht bei Merkel - die will sich ja bekanntlich nicht von ihrem ehemaligen Konkurrenten berufen lassen -, bei M wie Mitte oder Merz landete, der aus N wie Norden, immerhin Nordrhein-Westfalen, kommt, und ihm F wie Finanzpolitik zuordnete. Doch, oh!, wo bleibt der Osten? Den soll nun Katherina Reiche, eine 28-jährige Bundestagsabgeordnete aus Brandenburg, abdecken - zwar keine Ex-Ministerin, aber doch frischer als Claudia Nolte. In der Fraktion ist sie Beauftragte für Humangenetik, im Kompetenzteam soll sie halt Familienpolitik machen.

          Der Konflikt ist nicht weit

          Stoiber sollte schleunigst den Hörer beiseite legen und ein Lexikon zur Hand nehmen. Kompetenzkonflikt folgt dort gleich auf Kompetenz. Gewinnt die Union die Wahl und trägt die FDP ihren Teil dazu bei, hat er das Schlamassel. Wenn er noch will, wird Späth sein Superministerium für Wirtschaft, Arbeit und den Osten bekommen, Beckstein das Innenministerium, Seehofer die Ressorts Gesundheit und Soziales. Schäuble hingegen ist als Bundestagspräsident
          vorgesehen, und Reiche wird als Umweltministerin gehandelt. Wo Merz und Schavan Platz nehmen sollen, ist ungewiss. Und womit tröstet sich Merkel? Zu allem Übel werden auch die Liberalen Ansprüche stellen, so kompetent wie sie sich im Außenministerium, im Wirtschaftsressort und in der Bildung fühlen.

          Wir fassen zusammen: Im Kompetenzteam herrscht bald heilloses Durcheinander, weil es vom eigenen Kapitän kopflos ausgespielt wird. Irgendwas muss also noch passieren, ein fulminanter Spielerwechsel, ein golden goal. Wie beim Poker, wo man die dicksten Trümpfe erst ganz am Schluss aus dem Ärmel schüttelt. Wir setzen auf Helmut Kohl.

          Weitere Themen

          Putin und Selenskyj treffen erstmals aufeinander Video-Seite öffnen

          Ukraine-Gipfel in Paris : Putin und Selenskyj treffen erstmals aufeinander

          Beim Ukraine-Gipfel in Paris beraten die Staatschefs der Ukraine, Russlands, Frankreichs und Bundeskanzlerin Angela Merkel über eine Friedenslösung. Außerdem nehmen Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Macron an dem Treffen teil.

          Topmeldungen

          Unser Sprinter-Autor: Jasper von Altenbockum

          F.A.Z.-Sprinter : Im Treibhaus der Klimakonferenzen

          Auf der Klimakonferenz in Madrid wird es ernst, mit dem Kohleausstieg allerdings noch nicht – und auch das Klimapaket lässt auf sich warten. Was sonst noch wichtig ist, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.