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Gedenkstätte Berliner Mauer : Wo Menschen aus Fenstern in die Freiheit sprangen

Berliner Dualismus: Der Mauerstreifen an der Bernauer Straße vereint den städtischen Alltag (links) mit dem Ernst konzentrierten Gedenkens (rechts). Bild: Julia Zimmermann

Früher wurde sie viel kritisiert. Doch inzwischen ist die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße zum Symbol der Wiedervereinigung geworden. Am Sonntag eröffnet Angela Merkel den Erweiterungsbau.

          3 Min.

          Wenn man früher, das ist jetzt schon lange her, aus den Fenstern des Gemeindehauses der Berliner Versöhnungskirche schaute, sah man die Mauer. Ein Monstrum auf der anderen Straßenseite, das achtundzwanzig Jahre lang eine Weltengrenze markierte, eine lebendige Stadt zerschnitt, Nachbarn und Familien trennte und diese Gemeinde von ihrer Kirche. Die Bernauer Straße ist seit jenem August 1961, als aus den Fenstern der Häuser gegenüber Menschen sprangen, irgendwohin in die Tiefe, wo nun schon Westen war und die Feuerwehr Sprungtücher aufhielt, im Bildgedächtnis der Welt gespeichert.

          Regina Mönch
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Die Häuser wurden später abgerissen, genauso wie die Kirche. 1985 hatte der Staatssekretär für Kirchenfragen in der DDR, Klaus Gysi, den Sprengungsbefehl für das Gotteshaus unterzeichnet, weil die Grenztruppen ein „freies Schussfeld“ brauchten. 1986 nahm die Versöhnungsgemeinde auf der Westseite der Straße mit einem Trauergottesdienst Abschied von ihrer verwüsteten Kirche auf der Ostseite; auf der Aussichtsplattform - für westliche Mauertouristen - neben dem Gemeindehaus predigte damals Pfarrer Manfred Fischer. Noch später hat er alles getan, damit die Bernauer Straße eine Gedenkstätte wird, eine offene, die die Stadt nicht ausschließt, sondern ein lebendiger Teil von ihr ist. Das ist jetzt, 25 Jahre nach dem Fall der Schandmauer, endlich vollendet: Das Gemeindehaus ist nun ein Dokumentationszentrum, mit großer Fensterfront, die den Blick freigibt auf eine einzigartige Stadtlandschaft - die Narbe der geheilten Stadt Berlin.

          Fenster in die Zeit

          Das Dokumentationszentrum ist gerade noch einmal erweitert und aufwendig saniert worden; am Sonntag wird es die Bundeskanzlerin eröffnen. Die Geschichtsmeile erstreckt sich auf anderthalb Kilometern, vom Nordbahnhof bis fast an die Schönhauser Allee, und die restaurierte, aber originale Mauer steht wieder an einem Bürgersteig, der seinen Namen zu Recht trägt. Die vielen Lücken zwischen der Mauer sind verbunden mit rostfarbenen Stahlstelen, eine imaginäre Mauerflucht, durch die manchmal Hunde hin und her flitzen und Kinder und Passanten eilen.

          Mauerteile: Sie machen ein durchlässiges Stadtbild möglich.
          Mauerteile: Sie machen ein durchlässiges Stadtbild möglich. : Bild: dpa

          Den Todesstreifen aber hat Gras überwuchert, immer mal wieder unterbrochen von Betonkästen - archäologische Fenster in die Zeit, da hier ein Betonwall die Lebensadern der Stadt zertrennt hatte. Am Boden dieser Fenster erkennt man Reste der gesprengten Häuser, das Pflaster einer Querstraße, die es nicht mehr gibt, oder das, was von den Postenwegen der Grenzer blieb.

          Krieg und Freizeit

          In der Mitte eines der Grasfelder, über die jeden Tag Tausende Besucher laufen und schauen und die Mauergeschichten auf den Schildern studieren, steht eine rostfarbene Stahlwand. In ihren Nischen sind die Porträts der Erschossenen zu sehen, darunter nur ihre Namen und neben dem Geburtsdatum das des Mordtages. Eine Toteninsel mitten in der Stadt, deren Laternenlicht sich nachts in den Porträts spiegelt und eine Geistermauer auferstehen lässt.

          Ein hölzernes Kreuz erinnert an die Mauer.
          Ein hölzernes Kreuz erinnert an die Mauer. : Bild: dpa

          Es ist viel und vor allem sehr lange gestritten worden, wie sich Berlin seiner Mauerzeit erinnern sollte. Mehr direkte Anschauung, also mehr Schrecken, wurde oft lautstark gefordert, und eine große Gruppe von Bundestagsabgeordneten verlangte vor Jahren gar, die Mauer am Reichstag wieder hinzustellen, sozusagen Kalter Krieg als Disneyland. Die Tourismusbranche war begeistert. Zum Glück haben sie alle nicht recht bekommen, vor allem jene nicht, die der Bernauer Straße Abgelegenheit unterstellten (sie liegt im Bezirk Mitte), weil dort fast nichts mehr zu sehen sei.

          Symbol für Wiedervereinigung

          Vom Gegenteil haben sich in kürzester Zeit fast fünf Millionen Menschen aus aller Welt überzeugt, und jeden Tag werden es mehr. Das Dokumentationszentrum ist immer überfüllt und wird es wohl auch künftig, obwohl gerade erweitert, sein. Vor den lebensgroßen Fotowänden - über die Straße verteilt - mit absurd-traurigen Alltagsszenen aus der Mauerzeit stehen ständig Menschentrauben. Ebenso vor der riesigen roststählernen Gedenkwand, an der die Kränze niedergelegt werden. Die unmäßige Wucht, die diese Wand ausstrahlte, als sie noch allein, weil zuerst fertig geworden, dort stand, ist jetzt gemildert, aufgefangen vom städtischen Leben ringsum.

          Niemand in Berlin wird die Mauer vergessen, nicht diejenigen, die erst kamen, als sie geschleift worden war. Und schon gar nicht all jene, die mit ihr leben mussten. Die Gedenkstätte Berliner Mauer ist ein Glücksfall für die Stadt, sie nimmt ihr nichts weg, gibt vielmehr zurück, was auseinandergemauert und zerstört worden war; eine Geschichtsmeile, die zum Symbol der Wiedervereinigung geworden ist.

          Porträts in der Fotoausstellung erinnern an die Maueropfern.
          Porträts in der Fotoausstellung erinnern an die Maueropfern. : Bild: dpa

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