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Wladyslaw Bartoszewski : Ein Kämpfer mit neuem Feindbild

Der frühere polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski: Einst selbst gefangen in Auschwitz Bild: picture-alliance/ dpa

Unter Hitler und Stalin hat sich Wladyslaw Bartoszewski immer die größten Gegner gesucht. Jetzt, in seinem 87. Lebensjahr, hat der Pole mit der vipernschnellen Zunge und der gewaltigen Willenskraft wieder einen Feind gefunden: Eine Frau - Erika Steinbach.

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          Wladyslaw Bartoszewski hat sich immer die größten Gegner gesucht. Hitlers Drittes Reich schickte ihn nach Auschwitz, was ihn nicht daran hinderte, im Untergrund Juden zu retten. Stalins Vollstrecker steckten ihn ins Gefängnis, und zum dritten Mal holten sie ihn ab, als General Jaruzelski die „Solidarnosc“ zerschlug.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Jetzt, in seinem 87. Lebensjahr, hat der Alte mit der vipernschnellen Zunge und der gewaltigen Willenskraft wieder einen Feind gefunden - und mancher mag mit leiser Melancholie an die Zeit zurückdenken, in welcher die Kampfbereitschaft dieses Mannes, seine Gabe zum donnernden Zorn und zum beißenden Humor, noch Zielen galt, die seinem Maß entsprachen.

          Die neue Feindin ist Erika Steinbach, die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV). Mitte Februar hat Bartoszewski auf die von Angela Merkel übermittelte Nachricht, man werde sie nicht im Guten vom geplanten Berliner Vertriebenen-Zentrum fernhalten können, mit einem biblischen Donnerwetter reagiert. Eine „grobe Unanständigkeit“ wäre das, rief er in die Mikrophone - ganz so, als wolle der Papst den Holocaust-Leugner Williamson zu seinem Vertreter in Israel machen.

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          Als Außenminister ein Tabu gebrochen

          Die Gründe dieses Wutausbruchs reichen zurück in die Jahre der Wende. Liberale polnische Intellektuelle waren damals überzeugt, um den Kommunismus zu überwinden, müsse man auch seine Propaganda entlarven. Der Mythos vom „deutschen Feind“ aber war eine der zentralen ideologischen Konstruktionen der Kommunisten gewesen. Versöhnung mit Deutschland galt damals als Befreiung von den Tabus der Diktatur, aber der Weg war riskant. Der Ausgleich verlangte, der schwer traumatisierten Nation klarzumachen, dass Polen im Verhältnis zu Deutschen nicht nur Opfer gewesen waren, sondern in den Jahren der Vertreibung auch Schuldige. Jeder, der darauf hinwies, musste damit rechnen, als Verräter an die Wand gestellt zu werden.

          Bartoszewski ist das Risiko damals eingegangen. Als Außenminister hielt er 1995 im Bundestag eine Rede, die alle Tabus durchbrach: Unter Berufung auf den Essayisten Lipski stellte er fest, „das uns angetane Böse, auch das größte“, dürfe keine Rechtfertigung sein „für das Böse, das wir selbst anderen zugefügt haben; die Aussiedlung der Menschen aus ihrer Heimat kann bestenfalls ein kleineres Übel sein, niemals eine gute Tat“. Bartoszewski hat damals eine Bresche geschlagen. In den Jahren danach erschienen in Polen eine Reihe wichtiger Bücher über die eigene Verantwortung im Zusammenhang der Vertreibung.

          Steinbach löste vor zehn Jahren deutsch-polnische Krise aus

          1998 übernahm dann Erika Steinbach die Führung im Bund der Vertriebenen. Aus der Sicht von Bartoszewskis Freunden sprach schon damals vieles gegen sie. Anfang der neunziger Jahre hatte sie gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze gestimmt, und nun verlangte sie, Polen aus der EU fernzuhalten, wenn das Land die Entschädigungsforderungen der Vertriebenen nicht erfülle. Von dem atemberaubenden Prozess der Selbsterforschung, der damals in Warschau unter hohem Risiko vorangetrieben wurde, schien sie nichts bemerkt zu haben.

          Es ist damals zu einer veritablen deutsch-polnischen Krise gekommen. Im Wahlkampf 1998 hatten CDU/CSU und FDP eine Entschließung des Bundestags durchgesetzt, die von Polen verlangte, die „legitimen Interessen“ der Vertriebenen zu beachten. Was diese Interessen wären, sagte in der Debatte die Abgeordnete Steinbach: Entschädigung für das Vermögen der Vertriebenen. Später regte sie an, zur Fernhaltung „uneinsichtiger Kandidaten“ von Europa nicht „Kampfflugzeuge“ einzusetzen, sondern „ein schlichtes Veto“.

          Bartoszewskis Politik lag in Trümmern. Nach all den Bekenntnissen zu polnischer Verantwortung hatte er keine Versöhnung erreicht, sondern nur Regressforderungen Vorschub geleistet. Die Stimmung in Polen erfuhr einen jähen Klimasturz, der Sejm antwortete dem Bundestag mit einer gepfefferten Gegenresolution ohne Gegenstimmen, und die „Öffner“ fühlten sich bloßgestellt als „nützliche Idioten“ und Einflussagenten der Deutschen.

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