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Wirecard-Skandal : Mutmaßliche Fluchthelfer Marsaleks in Österreich verhaftet

Gesucht: Jan Marsalek auf einem Fahndungsplakat in Berlin Bild: EPA

In Österreich sind mutmaßliche Fluchthelfer des Wirecard-Drahtziehers Jan Marsalek verhaftet worden. Sie sind im innerösterreichischen Affärensumpf keine Unbekannten.

          2 Min.

          Jan Marsalek, einer der Hauptverdächtigen in der Milliarden-Euro-Betrugsaffäre des Finanzdienstleisters Wirecard, ist seit vergangenen Sommer verschwunden. Mit internationalen Fahndungsplakaten sucht die Polizei nach ihm. Wie ist er abgetaucht? Eine Antwort darauf können möglicherweise zwei Männer geben, die in Österreich vergangene Woche festgenommen sind. Sie sollen die Flucht Marsaleks aus München am 19./20. Juni über den österreichischen Flugplatz Vöslau-Kottingbrunn in einem Charterflugzeug nach Minsk (Belarus) organisiert haben. Die beiden sind aber auch im innerösterreichischen Affärensumpf der vergangenen Jahre keine Unbekannten.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Der eine ist ein ehemaliger Abteilungsleiter des österreichischen Verfassungsschutzes (BVT), Martin W. Er soll – so lautet der Verdacht der Staatsanwaltschaft – jahrelang zusammen mit anderen Verfassungsschutz-Mitarbeitern für Marsalek Informationen beschafft haben, die Wirecard für seine Geschäfte benötigte. Der andere ist ein ehemaliger Abgeordneter zum Nationalrat für die rechte Partei FPÖ, Thomas Schellenbacher. Er wird wegen einer Korruptionsaffäre verdächtigt und wurde deshalb festgenommen. Er hat laut Berichten mehrerer österreichischer Medien, die aus den Unterlagen der Ermittler zitieren, bei dieser Gelegenheit zugegeben, Marsalek zur Flucht verholfen zu haben – auf Vermittlung jenes Ex-Verfassungsschutz-Beamten W.

          Die letzte Person, die Marsalek vor seiner Flucht traf

          W. war die letzte Person, von der bekannt war, dass sie Marsalek vor seiner Flucht getroffen hat. Die beiden aßen am Abend vor seinem Verschwinden in einem italienischen Restaurant in München miteinander. Marsalek hatte sich während seiner Zeit als Wirecard-Vorstand gerne seiner Geheimdienstkontakte gebrüstet. Jetzt sagte Schellenbacher (laut Protokoll, das die Online-Plattform „zackzack“ wiedergibt) aus: „W. hat mich beauftragt, einen Flug für Marsalek nach Minsk zu organisieren. Ich habe das gemacht, hatte aber schon meine Bedenken. Mir ist der Arsch schon auf Grund gegangen, wie man sagt, da ich mir gedacht habe, es stimmt da etwas nicht.“ Laut der Wiener „Presse“ zahlte Marsalek in bar für den von Schellenbacher organisierten Flug FTY5 mit einer Cessna.

          Nach Lage der Dinge dürfte eine Fluchthilfe für Marsalek nicht strafbar sein. Zur Fahndung öffentlich ausgeschrieben war er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Doch die Staatsanwaltschaft wirft W. vor, er habe mit anderen im österreichischen Verfassungsschutz für Wirecard nebenberuflich die Aufgabe übernommen, „die Zahlungsfähigkeit von Anbietern pornografischer Internetseiten zu überprüfen”. In dieser schmuddeligen Sparte hatte der Zahlungsdienstleister zunächst Fuß gefasst, ehe er zum DAX-Star wurde. Marsalek habe sie beauftragt, durch „hoheitliche (Ermittlungs-)Tätigkeiten personenbezogene Daten zu ausschließlich privaten Zwecken“ für Wirecard zu erheben. Welche Tätigkeiten genau das betrifft und wer neben W. verwickelt sein soll, dazu bleibt der Text des Haftbefehls unbestimmt; es gilt die Unschuldsvermutung.

          W. war bereits bekannt als „Kronzeuge“, der vom Büro des damaligen Innenministers Herbert Kickl (FPÖ) aufgeboten wurde, um eine Razzia gegen das Verfassungsschutzamt zu erwirken – unter Anschuldigungen, die an den Haaren herbeigezogen waren und sich als weitgehend nichtig herausstellen sollten. Es wirkte wie eine Aktion, um das Amt unter „blaue“ FPÖ-Kontrolle zu bekommen. Schellenbacher wiederum wurde beschuldigt, nur dank einer Millionenspende ukrainischer Oligarchen an den damaligen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache 2013 auf die Nationalratsliste gekommen zu sein. In der Partei war er zuvor unbekannt. Strache und Schellenbacher haben die Vorwürfe zurückgewiesen.

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