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„Wikileaks“-Veröffentlichungen : Bloßgestellte Verbündete

„Mutti“ risikoscheu, Westerwelle kein Außenpolitiker? Aus Berlin haben die amerikanischen Diplomaten nur nach Hause gekabelt, was die Spatzen vom Dach pfeifen. Weit gefährlicher sind die Enthüllungen aus den Krisenzonen der Welt.

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          Warum die Aufregung? Was Wikileaks aus amerikanischen Archiven ins Internet gepumpt hat, pfeifen, so es die deutsche Politik angeht, in Berlin die Spatzen vom Dach. Die Beschreibungen deutscher Politiker in den angeblichen Botschaftsberichten sind, was für ihre Authentizität spricht, wenig originell. „Mutti“ risikoscheu, Westerwelle kein Außenpolitiker: derartige Befunde hat man schon aus vielen ranghohen Mündern und mit mancher Ergänzung gehört. So schreibt nicht nur die amerikanische Diplomatie über deutsches Führungspersonal - so denkt und spricht deutsches Führungspersonal übereinander. Und natürlich ist derlei Nachrede nicht auf die Sphäre des Politischen beschränkt. Auch Wirtschaftsgrößen neigen zu rustikalen Urteilen über die „führungsschwachen“ Politiker, gelegentlich aber auch über „Versager“ in den eigenen Reihen.

          Zu den Aufgaben von Botschaften zählt es, Berichte über die Lage in ihren Gastländern nach Hause zu kabeln. Diplomaten bedienen sich dafür aller Quellen, deren sie habhaft werden können. Unter Verbündeten reizt man das gewöhnlich nicht bis zu den allerletzten Möglichkeiten aus. Das Anwerben eines Informanten in einer Partei wäre ein unfreundlicher Akt. Wenn ein Mitglied einer Partei aber nichts Besseres zu tun hätte, als von sich aus ausländischen Diplomaten Protokolle von Koalitionsverhandlungen zu überreichen, dann müssten sich deswegen nicht zuerst die Amerikaner Gedanken machen.

          Ihr Problem ist ein vielfach größeres. Es reicht über die Verfestigung des Rufes hinaus, die letzte arrogante Supermacht zu sein: Washington sieht nach dem abermaligen Bekanntwerden von internen Berichten wie ein einziges großes Leck aus. Wer mag sich nun noch darauf verlassen, dass ein mit den Amerikanern vertraulich geführtes Gespräch auch vertraulich bleibt? Misstrauen wird sich nicht nur bei den kleinen Zuträgern breitmachen. Alliierte Staatsoberhäupter wurden bloßgestellt, mit unabsehbaren Folgen für das Verhältnis ihrer Länder zu den Staaten und Politikern, über die sie redeten. Solche Enthüllungen können in den Krisenzonen der Welt weit destruktivere Wirkung entfalten als in den Spannungsgebieten der schwarz-gelben Koalition. Aber auch CDU und FDP haben nun die Möglichkeit nachzulesen, was sie bei den Amerikanern übereinander zu Protokoll gaben, in aller Freundschaft, versteht sich.

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