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Wikileaks und Openleaks : Die Wahrheit ist nicht genug

Bild: AP

Daniel Domscheit-Berg hat gemeinsam mit dem Australier Julian Assange „Wikileaks“ berühmt gemacht. Er hat geglaubt, sie seien Freunde. Jetzt sind sie Feinde. Die Geschichte einer Enttäuschung.

          7 Min.

          Es soll einen Film über Julian Assange geben, in dem er nach einem Auftritt in der amerikanischen Talkshow „Larry King“ sein Gesicht auf einer Reihe von Titelseiten sieht. Überall Assange, Assange, Assange. Er sagt dann, mehr wohl zu sich selbst: „Jetzt bin ich unantastbar in diesem Land.“ So beschreibt Daniel Domscheit-Berg diese Szene zumindest in seinem Buch. Er schreibt darin auch: „Nein, Julian. Niemand ist unantastbar.“

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Daniel Domscheit-Berg ist der ehemalige Sprecher der Enthüllungsseite „Wikileaks“. Lange war er der Gegenpol zu Assange. Domscheit-Berg war der Vernünftige, Assange der Exzentriker: So sieht es Domscheit-Berg. In seinem Buch „Inside Wikileaks – meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt“ schreibt er über die Arbeit mit dem Australier. Es ist eine Liebeserklärung an Assange – und auch eine Abrechnung.

          Domscheit-Berg, der einmal so viel Hoffnung in „Wikileaks“ setzte, dass er sich das Logo der Website auf den Rücken tätowieren ließ, hat getan, was in der Szene als Hochverrat gilt. Er hat seine Enttäuschung über den Gründer von „Wikileaks“ in die Öffentlichkeit getragen. Sogar Auszüge aus internen Chats hat er publik gemacht. Sie sollen das unberechenbare Sozialverhalten des Australiers beweisen. Domscheit-Berg schreibt, er habe einst geglaubt, Julian Assange sei sein bester Freund. Jetzt sind sie Feinde.

          Einer der Stützpunkte von Wikileaks: In dem ehemaligen Bunker in Stockholm stehen Server der Organisation
          Einer der Stützpunkte von Wikileaks: In dem ehemaligen Bunker in Stockholm stehen Server der Organisation :

          Wie es sich für ein Enthüllungsbuch über eine Enthüllungsseite gehört, wurden pünktlich zur Veröffentlichung Einzelheiten des Rosenkriegs „geleakt“, der zwischen Assange, dem zur Kultfigur gewordenen ehemaligen Hacker, und Domscheit-Berg, dem unauffälligen, stets in Schwarz gekleideten Informatiker, schon seit längerem schwelt und der zunächst in der Suspendierung des Deutschen durch Assange im August 2010 gipfelte. Auf der Enthüllungsseite „Cryptome.org“ tauchten Auszüge aus Domscheit-Bergs Buch auf, in denen er beschreibt, wie er bei seinem Weggang von „Wikileaks“ Daten und auch Software mitgenommen habe. Als Grund gab er an, die Daten seien bei „Wikileaks“ nicht mehr sicher gewesen.

          Domscheit-Berg sei ein Saboteur ohne großen Einfluss

          Assange schaltete umgehend einen Anwalt ein und ließ Domscheit-Berg über einen Sprecher ausrichten, er sei ein Saboteur, der nie sonderlich großen Einfluss bei „Wikileaks“ gehabt habe. Domscheit-Berg wiederum bezeichnet Assange in seinem Buch als „paranoid“, „machtversessen“ und „größenwahnsinnig“. Er schwärmt aber auch von ihm, er habe „noch nie so eine krasse Persönlichkeit erlebt“ – „So freigeistig. So energisch. So genial.“ „Wikileaks“ sagt er eine düstere Zukunft voraus: Eigentlich sei das Projekt gar nicht mehr existent. Assange habe längst alle fähigen Leute verprellt.

          Bei dem, was nach außen wirkt wie der Hahnenkampf zweier beleidigter Schuljungen, geht es um mehr: Es geht um zwei Menschen, deren Vorstellungen von politischem „Hacktivism“ und dem gezielten Geheimnisverrat sich irgendwann drastisch auseinanderentwickelt haben.

          Im Jahr 1996, zehn Jahre bevor „Wikileaks“ im Netz erscheint, gründet der Amerikaner John Young mit „Cryptome.org“ eine der ersten großen Enthüllungsseiten. Dort veröffentlicht er Dokumente und Fotos, die von Regierungen als geheim eingestuft werden. Julian Assange ist damals ein junger Hacker, 25 Jahre alt, und er verfolgt „Cryptome.org“ mit Begeisterung. Er gehört zu dieser Zeit zu den „Cypherpunks“, einer Bewegung, deren Leitmotiv die Kryptographie ist, die Verschlüsselung privater Daten, und die andererseits dafür kämpft, geheime Daten öffentlich zu machen. Dem Staat begegnet sie mit Misstrauen, das an Paranoia grenzt.

          Assange ist ein politischer Hacker, ein „Hacktivist“

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