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Wikileaks und die Folgen : Das Zeitalter der Geheimnisse ist vorbei

  • -Aktualisiert am

Abbau der Geheimnispolitik

Die Regierungen des Westens sollten anfangen, die nunmehr drängenden Probleme zu lösen. Als Erstes gilt es herauszufinden, wie man mit wesentlich weniger Geheimnissen effektiv regieren kann. Der schiere Umfang dessen, was heute sinnloserweise als schutzwürdig gilt, macht es unmöglich, Leaks zu verhindern. Wenn man sich darauf beschränkt, wirklich kritische Informationen – etwa die Namen von Dissidenten in diktatorischen Regimen – geheim zu halten, so kann man diese auch effektiv schützen. Für den überwiegenden Rest der Vorgänge gilt es Formen des Regierens zu finden, die nicht gleich in eine tiefe Krise stürzen, wenn die Öffentlichkeit die Details erfährt. Regieren unter den Bedingungen der digitalen Transparenz – die die Sicherheitsbehörden ja den Bürgern so gern verordnen würden –, ist die Herausforderung für das nächste Jahrzehnt. Mehr Offenheit und Ehrlichkeit hätten auch einen weiteren Vorteil: Es gäbe weniger frustrierte, gewissensgeplagte potentielle Leaker – und vermutlich wieder mehr Wähler.

Am Ende bleibt eine Erkenntnis: Leaken ist möglich, mit ein wenig Mühe und Vorsicht auch ohne großes persönliches Risiko. Und die Anzahl von Menschen, die für Regierungen und Großunternehmen an Computern arbeiten und Probleme damit haben, die zynische, teilweise menschenverachtende Realität ihres Arbeitsalltags mit den postulierten Idealen zu vereinbaren, wächst. Gründe gibt es viele. Die Sinn- und Ausweglosigkeit der endlosen Kriege. Das eskalierende Sicherheitstheater, das sich weniger gegen die Terroristen als gegen die Freiheit des Einzelnen richtet. Die auch in westlichen Ländern um sich greifende systemische Korruption und Vorteilsnahme. Die nahezu vollständige Abwesenheit von Ehrlichkeit in Politik und Geschäftsleben. All das führt unweigerlich zu einem Aufbegehren.

Es braucht Öffentlichkeit, die reinigende Kraft des Sonnenlichts, um Korruption, schattige Deals und ethische Verkommenheit im Zaum zu halten. Dass die traditionelle Presse, der diese Funktion eigentlich zukam, ihre Aufgabe wegen wirtschaftlicher Probleme und zu engen Kuschelns mit den Mächtigen zuletzt nur noch zögerlich erfüllt, ist bedauerlich. Durch das Aufkommen funktionierender Leaking-Plattformen haben Menschen, denen das Gewissen noch nicht abhandengekommen ist, ein Ventil für ihre Gewissensnot, ein Mittel gegen die Verzweiflung am Zustand der Welt und eine Möglichkeit, diejenigen, die dafür verantwortlich sind, zur Rechenschaft zu ziehen. Es besteht kein Zweifel daran, dass sie es nutzen werden.

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