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Wikileaks und die Folgen : Das Zeitalter der Geheimnisse ist vorbei

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Der Geist ist aus der Flasche

Doch selbst wenn es den Vereinigten Staaten gelingen sollte, Wikileaks lahmzulegen – es wäre ein Pyrrhussieg. Das bleibende Verdienst des Julian Assange und seiner Mitstreiter ist es, gezeigt zu haben, dass die richtige Kombination von Technologie, Mut und Konsequenz das etablierte Modell der Öffentlichkeitsherstellung verändern kann. Die grassierende Geheimniskrämerei, die die Welt im Namen der Sicherheit nicht erst nach dem 11. September 2001 befiel, hat ihre vorläufige Grenze in der Digitalisierung aller Informationsabläufe gefunden. Natürlich werden nun neue Hürden errichtet, die Schlampereien beim Umgang mit sensiblen Informationen abgebaut und, wenn die Hardliner in den Vereinigten Staaten ihren Willen durchsetzen, zur Abschreckung ein paar Vorreiter ans Kreuz genagelt. Aber der Geist ist aus der Flasche.

Überall auf der Welt sprießen Wikileaks-Alternativen aus dem Netz. Ihr technisches Niveau ist unterschiedlich. Konkurrenz belebt das Geschäft, auch wenn es für potentielle Leaker künftig mühsamer wird, eine vertrauenswürdige Plattform auszuwählen. Einige der neuen Plattformen scheinen die nächste Stufe des iterativen Lernens aus den bisherigen Wikileaks-Erfahrungen zu realisieren und die Rolle der Medien stärker zu berücksichtigen – wenn sie nicht sogar direkt von Zeitungen betrieben werden. Andere Projekte werden vielleicht radikalere Wege gehen – und die moderierende Rolle der traditionellen Medien außen vor lassen. Je härter und illegaler aber nun gegen Wikileaks vorgegangen wird, desto radikaler und rücksichtsloser werden die Nachfolger agieren. Die Technologie, eine virtualisierte, anonyme Leaking-Organisation zu bauen, ist vorhanden. Vielleicht würde so ein Zusammenschluss sich auch eine virtuelle, 3D-animierte Frontfigur statt eines menschlichen Sprechers geben. Die müsste dann praktischerweise auch nicht um Leib, Leben und Freiheit fürchten.

Die Auseinandersetzungen im Netz um Wikileaks werden gern zum „Cyberwar“ stilisiert, einem ebenso dramatisch klingenden wie inhaltsleeren Kunstwort. Die „Cyberwar“-Strategien, seit Jahren debattiert von Militärs und Geheimdienstlern, beschäftigen sich meist mit einem „Digitalen Pearl Harbor“ oder ähnlichen Doomsday-Szenarien, die von umfangreichen Netzwerkangriffen zur nachhaltigen Zerstörung kritischer Infrastruktur ausgehen. Die jetzigen Auseinandersetzungen muten aber eher wie Wirtshausschlägereien an. Gegen diffuse, nicht hierarchisch oder staatlich organisierte Gegner gibt es keine „Cyber-Strategie“, keine „digitale Abschreckung“ in der Tradition des Kalten Krieges.

Vergebliche Blockadeversuche

Die durch keine gesetzliche Grundlage legitimierten Aktivitäten der Vereinigten Staaten gegen die unliebsame Publikation sind am ehesten vergleichbar mit dem Versuch, eine Zeitung einstampfen zu lassen, den Vertrieb zu verhindern und das Geld aus dem Verkauf zu beschlagnahmen. In der Print-Ära wäre das vermutlich sogar gelungen. Druck und Vertrieb, das sind heute die Internetserver-Anbieter wie Amazon, die genötigt wurden, Wikileaks von ihren Servern zu werfen. Der Geldfluss – im Falle von Wikileaks die Spenden – wurde durch Einfluss auf das Quasi-Oligopol Mastercard, Visa und Paypal unterbrochen. Wie dünn das rechtliche Eis ist, auf dem sich etwa Paypal hier bewegt, zeigt das schnelle Einknicken und Freigeben der Spendengelder, sobald die Wau-Holland-Stiftung, die einen Teil der Wikileaks-Spenden verwaltet, ihren Anwalt losschickte.

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