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Wikileaks-Gründer Assange : Ein Superstar der Sichtbarkeit

Catch Him If You Can: Julian Assange bei einer Pressekonferenz in Genf Bild: picture alliance / dpa

Julian Assange erträgt keine Geheimnisse. Dabei inszeniert er sich selbst als das größte Mysterium. Phänomenologie eines Mannes, der derzeit täglich ungreifbarer zu werden scheint.

          6 Min.

          Der Junge war 16, als er sich entschied, endlich ernst genommen werden zu wollen. Sein Vater hatte die Familie verlassen, bevor er ein Jahr alt wurde, seine Mutter zog von Stadt zu Stadt, ständig auf der Flucht vor irgendwas. Er lebte in Emerald, einem trostlosen Vorort von Melbourne, aber er wollte nicht weglaufen, er wollte dazugehören, er wollte in den inner circle, und dazu musste er dorthin, wo nur die wenigsten hindurften. Minerva hieß dieser Ort, das Computersystem der australischen Telekommunikationsbehörde OTC, und die Regeln waren einfach: Wer dort hineinkam, war drin. Ein Hack ins System von Minerva war der Aufnahmetest in die australische Hacker-Community.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Mendax, so nannte sich der Junge, kannte sich aus mit Computern, und er hatte fast alles, was er für seinen Plan brauchte: Er hatte eine Liste verschiedener Firmen mit Minerva-Accounts, er hatte ein Telefon, und, was nicht ganz unwichtig war: er hatte eine tiefe Stimme. Die Methode, die er sich ausgesucht hatte, nannte sich social engineering, eine Strategie, die auf den größten Schwachpunkt des Systems setzte: die Menschen, die es benutzten. Er gab sich als Mitarbeiter der OTC aus und telefonierte seine Liste ab.

          Um die Täuschung möglichst perfekt zu machen, brauchte er ein Büro oder zumindest: das Hintergrundgeräusch eines Büros. Mendax hatte kein Büro, er hatte nur einen einfachen Kassettenrekorder. Er stellte die Fernsehnachrichten an, um für ein Grundrauschen zu sorgen, er druckte ein langes Dokument auf seinem Commodore-Nadeldrucker aus, klapperte hie und da auf seiner Tastatur und sprach mit sich selbst. Rund fünfzehn Minuten sollte die Aufnahme dauern, und weil er nicht wusste, was er sagen sollte, las er aus Macbeth vor, nur so laut, dass niemand die Quelle erkennen konnte. Dann begann er zu telefonieren. Er erzählte eine Geschichte von Backup-Problemen, fütterte seine Opfer mit den Daten, die er von ihnen hatte, dann bat er sie um ihr Passwort, nur zur Sicherheit. Es dauerte nicht lange, da hatte er ein Passwort.

          Es gibt überall etwas zu verbergen

          Der Hacker Mendax ist eine Figur aus dem Buch „Underground: Tales of Hacking, Madness, and Obsession on the Electronic Frontier“ aus dem Jahr 1997. Autorin: Suelette Dreyfus. Mitarbeit: Julian Assange. Es ist nicht sicher, ob Assange Mendax ist, viel deutet darauf hin. Biographische Details stimmen überein, auch Einzelheiten aus einem Gerichtsprozess gegen ihn. Aber die Faktizität spielt auch keine so große Rolle. „Underground“ liefert mehr als Belege, nämlich einen unvergleichlichen Einblick in das Politik- und Technikverständnis jenes Mannes, der derzeit täglich ungreifbarer zu werden scheint. Assange, und was viel wichtiger ist, die Bedeutung von Wikileaks: das ist ohne eine Phänomenologie des Hackers nicht zu verstehen – und schon gar nicht, wenn das die Absicht wäre, unter Kontrolle zu kriegen.

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