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Wikileaks-Gründer Assange : Ein Superstar der Sichtbarkeit

Wie simpel, bei allem Raffinement der persönlichen Inszenierung, Assanges erkenntnistheoretischer Ansatz ist, das zeigt schon allein sein Schaubild politischer Netzwerke, das er in seinem Text „Conspiracy as Governance“ entwirft: Man müsse sich die Verschwörer als Nägel vorstellen und ihre Beziehungen als Fäden, je dicker die Stränge, desto größer die Verschwörung. Es ist ein lächerlich zweidimensionales Modell. Ausgerechnet Assanges alter Freund John Young hat auf die trügerische Wirkung des Enthüllungsspektakels von Wikileaks hingewiesen. Young, einst Mitbegründer der Seite, ist heute einer ihrer größten Kritiker. Mittlerweile betreibt er eine eigene Website zur Veröffentlichung von Geheimdokumenten (Cryptome.org). „Durchsickernlassen ist heute Politik“, sagt Young. „Es bedeutet, Aufmerksamkeit von den anderen Dingen abzulenken – ich nenne es ,die dunkle Seite‘ –, die man nie auf meiner Seite oder bei Wikileaks sehen wird.“

Wer dahintersteckt, weiß Young auch: „Regierungen sind die größten Geheimnisverräter der Welt. Die US-Regierung lässt weit mehr Informationen durchsickern, als Wikileaks jemals bewältigen können wird.“ Manche Dinge allerdings, so ist er sich sicher, werden niemals ans Licht kommen: „Es gibt Dinge, die werden so unter Verschluss gehalten, dass man nicht einmal weiß, wie. Man kennt nicht einmal die Begriffe, die verwendet werden, um sie geheim zu halten. Wir werden zum Beispiel niemals an den Ablaufplan für einen Atomkrieg kommen.“

Unendliche Projektionsfläche

Man kann solche Aussagen natürlich auch nur als weiteren Baustein einer universellen Verschwörungstheorie lesen. Im Gegensatz zu Assanges simpler Strickerei allerdings berücksichtigt Youngs Theorie den grundsätzlich vorhandenen Zweifel an der Verlässlichkeit der Akteure. Wikileaks und seine Enthüllungen sind eben auch Teil des Spiels um Wahrheit und Geheimnis, ganz unabhängig von Intentionen und Idealen der Betreiber. Die Grundstruktur des Wissens aber bleibt intakt. Und deshalb bedeutet Wikileaks gerade nicht, wie viele das befürchten, das Ende aller Geheimnisse. Wissen ist nicht das Gegenteil des Geheimen, es ist seine Bedingung. Nirgendwo zeigt sich das besser als am Beispiel erfolgreicher Hacks: Die Offenlegung einer Sicherheitslücke bedeutet immer auch ihre Schließung. „Mit jedem Hack“, schreibt Pias, „verschwindet eine Möglichkeit zu hacken.“

Keiner demonstriert dieses Prinzip derzeit anschaulicher als Assange selbst: Je mehr wir von ihm wissen, desto mysteriöser wird er. Seine Rätselhaftigkeit ergibt sich eben nicht aus den Lücken seiner Biographie, sondern aus den vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten der verfügbaren bits und pieces. Im Unterschied zum prototypischen Hacker zeichnet er sich gerade durch seine enorme Präsenz und Sichtbarkeit aus. Er spielt den Helden, für den die Welt ihn halten soll, eine Art Re-Enactement von Leonardo DiCaprio in „Catch Me If You Can“. Es geht ihm mit dieser Inszenierung als Popstar nicht ums Verstecken, sondern um eine viel wirkungsvollere Illusion: Sie macht Assange zu einer Projektionsfläche, die jeder beliebig bespielen kann. Terrorist, Utopist, Freiheitskämpfer: Assange kann alles sein, was wir wollen. Und Assange spielt seine Rolle wirklich gut: Er ist fast zu perfekt, um wahr zu sein.

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