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Moderne Kriegsführung : Das Collateral Murder Video

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Technisch potenzierter Blick: Pilot eines Apache Longbow Helikopters mit Wahrnehmungssystem Bild: army.mil

Ein 27 Minuten langes Video mit dem Titel „Collateral Murder“ über den Angriff eines Apache-Kampfhubschraubers in den Straßen Bagdads löste eine weltweite Diskussion aus. Zeigt uns Material wie dieses die Wirklichkeit asymmetrischer Kriege?

          Am 5. April stellte die Internetplattform WikiLeaks ein 27 Minuten langes Video mit dem Titel „Collateral Murder“ ins Netz, in dem die thermooptische Videoaufzeichnung vom Einsatz eines Apache-Kampfhubschraubers Boeing AH-64D Longbow mit dem Namen „Crazy Horse“ über den Straßen von Neu-Bagdad am 12. Juni 2007 zu einem Dokumentarfilm verarbeitet ist (Video: Civilians killed in Bagdad). Dabei waren zwölf Personen erschossen worden, darunter zwei irakische Journalisten, die für die Nachrichtenagentur Reuters arbeiteten. Vergeblich hatte Reuters die Herausgabe des Videos gerichtlich zu erzwingen versucht. Nun hatte es offenbar ein Mitarbeiter des amerikanischen Verteidigungsministeriums der Internetplattform zugespielt, die es zu einer weltweiten öffentlichen Mordanklage verarbeitet.

          Aus geringer Höhe sieht man, stets im Fadenkreuz der Bordwaffen, wie die beiden Journalisten und ihre Begleiter durch die Straßen schreiten, ohne zu ahnen, dass der Apache sie anpeilt. Man hört den Sprechfunk, in dem der Pilot und der Bordschütze sie als feindliche Kämpfer einstufen und bei ihren Vorgesetzten auf die Erlaubnis zum Angriff dringen. Dann schießen sie alle mit dem Maschinengewehr nieder. Dann töten sie auch noch die beiden Fahrer eines Kleintransporters, die den namenlosen Angeschossenen, der über den Bürgersteig in Deckung kriecht, zu bergen versuchen.

          Der technisch verstärkte Blick des Piloten

          „Collateral Murder“ löste eine weltweite Diskussion im Internet aus, in die auch offizielle Sprecher des Pentagons eingriffen. Dabei wurde behauptet und bestritten, einige der Erschossenen hätten Waffen getragen. Die Besatzung des „Crazy Horse“ meinte solche zu sehen, sie sind jedoch auf dem Video nicht auszumachen. Nun stellt das Thermovideo nicht die Informationsgrundlage der operativen Entscheidungen für die Einsätze des Apache dar. Dieser ist mit einem umfassenden visuellen Informationssystem ausgestattet, das der Besatzung eine genaue Wahrnehmung des Einsatzfelds vermitteln soll. Die Informationen laufen in dem Helm zusammen, der Piloten und Bordschützen mit zwei verschiedenen Video- und Radarapparaturen an der Nase des Hubschraubers verbindet. Vor ihrem rechten Auge ist ein Okularbildschirm montiert, der sie ihnen vorführt. Mit dem linken Auge können sie ihr eigenes Gesichtsfeld vor der Glaskuppel des Cockpits sehen. Sechs verschiedene Bildsignale, die sie in beliebigen Folgen oder Kombinationen abrufen können, wirken als analytische und synthetische Vertiefung des direkten Blicks.

          Die visuelle Ausrüstung des Apache ist ein Beispiel für die Unterscheidung zwischen einer operativen und einer informativen Bildersphäre in der elektronischen Bildübermittlung, die man einer funktionalen und damit politischen Beurteilung der zeitgenössischen Bildkultur zugrunde legen kann. Die operative Bildersphäre lässt digitale Bilder, die eine elektronische Apparatur erzeugt, auf diese zurückwirken, ohne dass Menschen sie je zu Gesicht bekämen. Die informative Bildersphäre ist dagegen für menschliche Augen bestimmt, die in die Funktionsabläufe eingreifen oder sie zumindest kontrollieren. Dabei können die kategorischen Unterscheidungen zwischen Wirklichkeit, Wahrnehmung und Bild verschwimmen. Die Helme der Apache-Besatzung stellen eine Engführung der operativen und der informativen Bildersphäre mit der Wahrnehmung der Wirklichkeit durch das bloße Auge her. Sie dramatisieren die visuelle Orientierung in der Lebenswirklichkeit von heute, deren elektronische Kultur sowohl visuelle Datensätze abstrahiert als auch abstrakte Datensätze visualisiert.

          Urteilsfähigkeit bei potenzierter Wahrnehmungsfähigkeit

          Bei jeder visuellen Komponente des Apache-Waffensystems stellt sich die Frage, wieweit sie dieses automatisch funktionieren lässt oder wieweit sie Informationen als Grundlage menschlicher Entscheidungen bereitstellt. Daran bemisst sich der psychophysische Druck, den das Okular vor dem rechten Auge auf die Besatzung ausübt - die Alternative zwischen Bedienung und Steuerung. In einer derartigen Doppelsicht Bild und Sehen kognitiv miteinander abzustimmen muss eine der schwierigsten neuropsychologischen Fähigkeiten sein, die eine Apache-Besatzung zu erlernen hat. Zweifellos beruhen ihre Ausbildungshandbücher und Simulationsprogramme auf den neuesten Forschungen in der Neurologie des Sehens und der Psychologie der Wahrnehmung. Von jener Abstimmung hängt die moralische, wenn nicht kriegsrechtliche Beurteilung der Einsätze ab. Erfahrungsgemäß hat seine Apparatur für potenzierte Wahrnehmung den Apache nicht gegen Fehlbeurteilungen des Gesichtsfelds gefeit. Um so weniger, wenn seine Besatzung so menschenverachtend und blutdürstig gestimmt ist, wie es die Tonspur des Collateral-Murder-Videos bezeugt.

          Dass „Crazy Horse“ die zwölf irakischen Passanten beobachten und niederschießen konnte, ohne dass diese ihn bemerkten, ist dem kesselförmigen Radarturm über dem Rotor des Apache zu verdanken. Durch ihn kann er Informationen aufnehmen und senden, während er weit entfernt und tief am Boden unbeweglich schwebt. Nur der Radarturm taucht hinter Häusern oder Hügeln auf. Dann senkt sich der Apache wieder, bis er schließlich aufsteigt, um das Feuer zu eröffnen. Das Wort „engage“, das die Besatzungen für die Eröffnung des Feuers verwenden, ist sprachlich unangemessen. Denn die Gegner werden nicht in Kampfhandlungen verwickelt, sondern aus der Deckung heraus angegriffen, ohne sich wehren zu können. Eher träfe hier das Wort „feige“ zu, mit dem deutsche Politiker Überraschungsangriffe von Guerrillas in Afghanistan zu disqualifizieren pflegen. Schon Susan Sontag hat die Verwendung dieses Wortes auf die Selbstmordattentate des 11. September 2001 zurückgewiesen. Allerdings werden weder „engage“ noch „feige“ den Wandlungen gerecht, die die strategische und taktische Verwendung des Apache im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts durchlaufen hat.

          Ein Guerillero für asymmetrische Kriege

          Mitte der achtziger Jahre wurde der Apache für die Strategie der Nato gegen den Warschauer Pakt von Grund auf neu entworfen. Im Verbund mit Panzern und Truppentransportern sollte er sich einer weiträumig koordinierten Angriffsformation einfügen, die einen schnellen Vormarsch in Mitteleuropa erkämpfen sollte. Das Wiener Waffenbegrenzungsabkommen von 1989 machte dieser Strategie ein Ende. Seither wurde der Apache für den Guerrillakrieg umfunktioniert und umgerüstet. Bald statteten die Vereinigten Staaten die israelischen Verteidigungskräfte damit für engräumigere Einsätze aus: für den Angriffskrieg auf den Libanon, für die Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung in der Westbank und für die fortschreitende Zerstörung des geräumten Gazastreifens. Seit 2001 schließlich setzen die amerikanischen Streitkräfte den Apache für den Guerrillakrieg in Afghanistan und im Irak ein.

          Nun veranschaulicht der Apache mehr als jedes andere Waffensystem die „asymmetrische“ Kriegführung, das heißt den Kampf zwischen technisch hochgerüsteten Berufssoldaten in Uniform und leichtbewaffneten Partisanen in Zivil, in dem die Guerrillas den Berufssoldaten an Zahl und Ausrüstung unterlegen, an taktischer Kontrolle der Kampfbedingungen dagegen überlegen sind. Auf der einen Seite steuern Piloten, die in langjähriger Ausbildung gelernt haben, ihre Wahrnehmung über physiologische Grenzen hinaus zu steigern, ein Waffensystem, dessen Mobilität und Schlagkraft unablässig modernisiert wird und das in der Bildpropaganda aller Medien die militärische Überlegenheit der Vereinigten Staaten verkörpert. Auf der anderen Seite bewegen sich kleine, lockere Gruppen von Kämpfern, die von Spezialisten in irregulärer Kriegführung ohne Fronten ausgebildet sind und die sich als Zivilisten tarnen, zu Fuß durch das unübersichtliche Terrain. Sie können einen Apache mit einfachen, Hitze suchenden Handraketenwerfern von der Schulter aus im Fluge treffen. So sind viele Apaches beschädigt, einige sogar abgeschossen worden.

          Protokollierter Zynismus

          Bevor „Collateral Murder“ bekannt wurde, verfügten wir nur über ein Bilddokument, das die Risiken der asymmetrischen Kriegführung für den Apache illustriert, ebenfalls eine routinemäßige Thermo-Video-Aufnahme, allerdings nur etwa zwei Minuten lang, die einen Apache-Einsatz im Irak am 1. Dezember 2003 zeigt. Es wurde dem amerikanischen Fernsehsender ABC zugespielt, der es am 9. Januar 2004 sendete. Seither hat es sich unter dem Namen „Apache-Killing Video“ im Netz verbreitet.

          Wir sehen und hören, wie Pilot und Bordschütze aus weiter Entfernung und geringer Höhe durch ihre Video-Zielführungsgeräte drei Zivilisten beobachten, die mit einem Laster und einem Auto an einem offenen Feld vorfahren und sich dort zu schaffen machen. Sie halten einen langen, schmalen Gegenstand, den einer der Männer am Rande des Feldes ablegt, für eine Waffe und schließen daraus, dass alle drei Guerrillas sind. Da befiehlt der Pilot dem Bordschützen, einen nach dem anderen mit dem Maschinengewehr zu erschießen, beide Automobile zu zerstören und einem der Männer, der verwundet wegzukriechen sucht, den Rest zu geben.

          Archiv einer visuellen Kriegsgeschichte

          Dieses Bilddokument befeuerte eine Zeitlang die öffentliche Kritik an der amerikanischen Kriegführung im Irak und zwang die Führung der Armee zu einer amtlichen Rechtfertigung. Seither veröffentlicht das Pentagon solche Aufnahmen von Apache-Einsätzen im Netz, um die Vorsichtsmaßnahmen zu demonstrieren, die angeblich verhindern sollen, dass Nichtkombattanten dabei getroffen werden.

          Nur dank subversiver Aktionen von Angestellten des amerikanischen Verteidigungsministeriums gelangten das „Apache Killing Video“ und „Collateral Murder“ im Abstand von fünf Jahren an die Öffentlichkeit. Stellen wir uns vor, die Thermo-Video-Aufzeichnungen aller Einsätze, die Apache-Hubschrauber je im Irak und in Afghanistan geflogen sind, wären öffentlich zugänglich statt geheim archiviert. Was für eine unermessliche Sammlung von Zeugnissen für eine visuelle Geschichte dieser Kriege stünde uns zur Verfügung! Und es würde nicht bei einer Geschichte bleiben. Die weltweite Reaktion auf die beiden Videos lässt ermessen, dass ein Strom von Anklagen nach den Gesetzen des Kriegsrechts und des Völkerrechts die Folge wäre.

          Doch je umfassender der videoelektronische Vollzug der Politik und demzufolge das videoelektronische Archiv der Zeitgeschichte geworden ist, um so verbissener halten es die verantwortlichen Regierungen unter Verschluss. Dass der technische Fortschritt eines Tages Hegels Engführung von Weltgeschichte und Weltgericht erreichbar machen könnte, muss unter allen Umständen verhindert werden, wenn die Weltgeschichte weitergehen soll so wie bisher.

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