https://www.faz.net/aktuell/politik/wikileaks/moderne-kriegsfuehrung-das-collateral-murder-video-1982035.html

Moderne Kriegsführung : Das Collateral Murder Video

  • -Aktualisiert am
Technisch potenzierter Blick: Pilot eines Apache Longbow Helikopters mit Wahrnehmungssystem
          6 Min.

          Am 5. April stellte die Internetplattform WikiLeaks ein 27 Minuten langes Video mit dem Titel „Collateral Murder“ ins Netz, in dem die thermooptische Videoaufzeichnung vom Einsatz eines Apache-Kampfhubschraubers Boeing AH-64D Longbow mit dem Namen „Crazy Horse“ über den Straßen von Neu-Bagdad am 12. Juni 2007 zu einem Dokumentarfilm verarbeitet ist (Video: Civilians killed in Bagdad). Dabei waren zwölf Personen erschossen worden, darunter zwei irakische Journalisten, die für die Nachrichtenagentur Reuters arbeiteten. Vergeblich hatte Reuters die Herausgabe des Videos gerichtlich zu erzwingen versucht. Nun hatte es offenbar ein Mitarbeiter des amerikanischen Verteidigungsministeriums der Internetplattform zugespielt, die es zu einer weltweiten öffentlichen Mordanklage verarbeitet.

          Aus geringer Höhe sieht man, stets im Fadenkreuz der Bordwaffen, wie die beiden Journalisten und ihre Begleiter durch die Straßen schreiten, ohne zu ahnen, dass der Apache sie anpeilt. Man hört den Sprechfunk, in dem der Pilot und der Bordschütze sie als feindliche Kämpfer einstufen und bei ihren Vorgesetzten auf die Erlaubnis zum Angriff dringen. Dann schießen sie alle mit dem Maschinengewehr nieder. Dann töten sie auch noch die beiden Fahrer eines Kleintransporters, die den namenlosen Angeschossenen, der über den Bürgersteig in Deckung kriecht, zu bergen versuchen.

          Der technisch verstärkte Blick des Piloten

          „Collateral Murder“ löste eine weltweite Diskussion im Internet aus, in die auch offizielle Sprecher des Pentagons eingriffen. Dabei wurde behauptet und bestritten, einige der Erschossenen hätten Waffen getragen. Die Besatzung des „Crazy Horse“ meinte solche zu sehen, sie sind jedoch auf dem Video nicht auszumachen. Nun stellt das Thermovideo nicht die Informationsgrundlage der operativen Entscheidungen für die Einsätze des Apache dar. Dieser ist mit einem umfassenden visuellen Informationssystem ausgestattet, das der Besatzung eine genaue Wahrnehmung des Einsatzfelds vermitteln soll. Die Informationen laufen in dem Helm zusammen, der Piloten und Bordschützen mit zwei verschiedenen Video- und Radarapparaturen an der Nase des Hubschraubers verbindet. Vor ihrem rechten Auge ist ein Okularbildschirm montiert, der sie ihnen vorführt. Mit dem linken Auge können sie ihr eigenes Gesichtsfeld vor der Glaskuppel des Cockpits sehen. Sechs verschiedene Bildsignale, die sie in beliebigen Folgen oder Kombinationen abrufen können, wirken als analytische und synthetische Vertiefung des direkten Blicks.

          Die visuelle Ausrüstung des Apache ist ein Beispiel für die Unterscheidung zwischen einer operativen und einer informativen Bildersphäre in der elektronischen Bildübermittlung, die man einer funktionalen und damit politischen Beurteilung der zeitgenössischen Bildkultur zugrunde legen kann. Die operative Bildersphäre lässt digitale Bilder, die eine elektronische Apparatur erzeugt, auf diese zurückwirken, ohne dass Menschen sie je zu Gesicht bekämen. Die informative Bildersphäre ist dagegen für menschliche Augen bestimmt, die in die Funktionsabläufe eingreifen oder sie zumindest kontrollieren. Dabei können die kategorischen Unterscheidungen zwischen Wirklichkeit, Wahrnehmung und Bild verschwimmen. Die Helme der Apache-Besatzung stellen eine Engführung der operativen und der informativen Bildersphäre mit der Wahrnehmung der Wirklichkeit durch das bloße Auge her. Sie dramatisieren die visuelle Orientierung in der Lebenswirklichkeit von heute, deren elektronische Kultur sowohl visuelle Datensätze abstrahiert als auch abstrakte Datensätze visualisiert.

          Weitere Themen

          Einmal gesund werden, bitte

          Streit um Gesundheitksioske : Einmal gesund werden, bitte

          Karl Lauterbach will, dass bundesweit Hunderte Gesundheitskioske entstehen. Ihr Nutzen ist umstritten, viele Kassen wollen das Geld lieber anders ausgeben. Ein Modellprojekt bangt schon um seine Zukunft.

          Das neue Bürgergeld kommt Video-Seite öffnen

          Deutschland : Das neue Bürgergeld kommt

          Bundestag und Bundesrat haben sich geeinigt und die Einführung des Bürgergelds beschlossen. Zum 1. Januar soll der Regelsatz dann von 449 Euro auf 502 Euro steigen.

          Topmeldungen

          Ein pensionierter Sportlehrer leitet den Kurs „Fit im Alter“ im Gesundheitskiosk Hamburg-Billstedt.

          Streit um Gesundheitksioske : Einmal gesund werden, bitte

          Karl Lauterbach will, dass bundesweit Hunderte Gesundheitskioske entstehen. Ihr Nutzen ist umstritten, viele Kassen wollen das Geld lieber anders ausgeben. Ein Modellprojekt bangt schon um seine Zukunft.
          Stahlproduktion in Duisburg

          Wirtschaftslage in Deutschland : Wie schlimm wird die Rezession?

          Die deutsche Wirtschaft kommt trotz Energiekrise ohne katastrophale Schäden durch die kommenden Monate, versprechen Forscher. Doch in den Unternehmen geht die Angst um.
          Kein Ladendieb: Mit „Pick & Go“ können die Waren auch in einem Kölner Rewe direkt im Rucksack verstaut werden – bezahlt wird per App.

          Überwachung im Supermarkt : Sie erkennen dich am Knochenbau

          In Berlin testet Rewe jetzt, wie gut Überwachung im Supermarkt ankommt. Wer eine „Pick&Go“-App geladen hat, darf seinen Einkauf direkt in den Rucksack stecken. Ein Selbstversuch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.