https://www.faz.net/-gpf-16hcj

Moderne Kriegsführung : Das Collateral Murder Video

  • -Aktualisiert am

Nun veranschaulicht der Apache mehr als jedes andere Waffensystem die „asymmetrische“ Kriegführung, das heißt den Kampf zwischen technisch hochgerüsteten Berufssoldaten in Uniform und leichtbewaffneten Partisanen in Zivil, in dem die Guerrillas den Berufssoldaten an Zahl und Ausrüstung unterlegen, an taktischer Kontrolle der Kampfbedingungen dagegen überlegen sind. Auf der einen Seite steuern Piloten, die in langjähriger Ausbildung gelernt haben, ihre Wahrnehmung über physiologische Grenzen hinaus zu steigern, ein Waffensystem, dessen Mobilität und Schlagkraft unablässig modernisiert wird und das in der Bildpropaganda aller Medien die militärische Überlegenheit der Vereinigten Staaten verkörpert. Auf der anderen Seite bewegen sich kleine, lockere Gruppen von Kämpfern, die von Spezialisten in irregulärer Kriegführung ohne Fronten ausgebildet sind und die sich als Zivilisten tarnen, zu Fuß durch das unübersichtliche Terrain. Sie können einen Apache mit einfachen, Hitze suchenden Handraketenwerfern von der Schulter aus im Fluge treffen. So sind viele Apaches beschädigt, einige sogar abgeschossen worden.

Protokollierter Zynismus

Bevor „Collateral Murder“ bekannt wurde, verfügten wir nur über ein Bilddokument, das die Risiken der asymmetrischen Kriegführung für den Apache illustriert, ebenfalls eine routinemäßige Thermo-Video-Aufnahme, allerdings nur etwa zwei Minuten lang, die einen Apache-Einsatz im Irak am 1. Dezember 2003 zeigt. Es wurde dem amerikanischen Fernsehsender ABC zugespielt, der es am 9. Januar 2004 sendete. Seither hat es sich unter dem Namen „Apache-Killing Video“ im Netz verbreitet.

Wir sehen und hören, wie Pilot und Bordschütze aus weiter Entfernung und geringer Höhe durch ihre Video-Zielführungsgeräte drei Zivilisten beobachten, die mit einem Laster und einem Auto an einem offenen Feld vorfahren und sich dort zu schaffen machen. Sie halten einen langen, schmalen Gegenstand, den einer der Männer am Rande des Feldes ablegt, für eine Waffe und schließen daraus, dass alle drei Guerrillas sind. Da befiehlt der Pilot dem Bordschützen, einen nach dem anderen mit dem Maschinengewehr zu erschießen, beide Automobile zu zerstören und einem der Männer, der verwundet wegzukriechen sucht, den Rest zu geben.

Archiv einer visuellen Kriegsgeschichte

Dieses Bilddokument befeuerte eine Zeitlang die öffentliche Kritik an der amerikanischen Kriegführung im Irak und zwang die Führung der Armee zu einer amtlichen Rechtfertigung. Seither veröffentlicht das Pentagon solche Aufnahmen von Apache-Einsätzen im Netz, um die Vorsichtsmaßnahmen zu demonstrieren, die angeblich verhindern sollen, dass Nichtkombattanten dabei getroffen werden.

Nur dank subversiver Aktionen von Angestellten des amerikanischen Verteidigungsministeriums gelangten das „Apache Killing Video“ und „Collateral Murder“ im Abstand von fünf Jahren an die Öffentlichkeit. Stellen wir uns vor, die Thermo-Video-Aufzeichnungen aller Einsätze, die Apache-Hubschrauber je im Irak und in Afghanistan geflogen sind, wären öffentlich zugänglich statt geheim archiviert. Was für eine unermessliche Sammlung von Zeugnissen für eine visuelle Geschichte dieser Kriege stünde uns zur Verfügung! Und es würde nicht bei einer Geschichte bleiben. Die weltweite Reaktion auf die beiden Videos lässt ermessen, dass ein Strom von Anklagen nach den Gesetzen des Kriegsrechts und des Völkerrechts die Folge wäre.

Doch je umfassender der videoelektronische Vollzug der Politik und demzufolge das videoelektronische Archiv der Zeitgeschichte geworden ist, um so verbissener halten es die verantwortlichen Regierungen unter Verschluss. Dass der technische Fortschritt eines Tages Hegels Engführung von Weltgeschichte und Weltgericht erreichbar machen könnte, muss unter allen Umständen verhindert werden, wenn die Weltgeschichte weitergehen soll so wie bisher.

Weitere Themen

Auf gar keinen Fall Kontrollen

Brexit-Streit : Auf gar keinen Fall Kontrollen

Boris Johnson und die EU sind sich zumindest in einem Punkt einig: Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland dürfen nicht sein. Doch wie soll das ohne Backstop-Klausel gehen?

Linke Regierung in Rom möglich

Nach Contes Rücktritt : Linke Regierung in Rom möglich

Die Sozialdemokraten und die Fünf-Sterne-Bewegung erwägen eine gemeinsame Regierungsarbeit – unter fünf Bedingungen. Staatspräsident Mattarella hat für Dienstag die nächsten Konsultationen angesetzt.

Topmeldungen

Ein Straßenschild mit der Aufschrift „Willkommen in Nordirland“ steht am Straßenrand an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland.

Brexit-Streit : Auf gar keinen Fall Kontrollen

Boris Johnson und die EU sind sich zumindest in einem Punkt einig: Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland dürfen nicht sein. Doch wie soll das ohne Backstop-Klausel gehen?

Nach Contes Rücktritt : Linke Regierung in Rom möglich

Die Sozialdemokraten und die Fünf-Sterne-Bewegung erwägen eine gemeinsame Regierungsarbeit – unter fünf Bedingungen. Staatspräsident Mattarella hat für Dienstag die nächsten Konsultationen angesetzt.

F.A.Z.-Umfrage zur Lage in Hongkong : Deutsche Unternehmen meiden klare Worte

Joe Kaeser mahnt gewaltfreien Dialog und Einhaltung des geltenden Rechts in Hongkong an. Viele deutsche Konzerne sind besorgt, drucksen aber herum – sie haben Milliarden in China investiert.
Der gemeinnützige Verein Deutsches Tagebucharchiv e. V hat seinen Sitz in Emmendingen, einer Stadt im Südwesten Baden-Württembergs.

Erinnerungen : Einblicke in die deutsche Seele

Das Deutsche Tagebucharchiv sammelt Lebenserinnerungen und Briefe jeglicher Art – von ganz gewöhnlichen Menschen. Es sind faszinierende Dokumente,die die Vergangenheit spürbar machen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.