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Moderne Kriegsführung : Das Collateral Murder Video

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Urteilsfähigkeit bei potenzierter Wahrnehmungsfähigkeit

Bei jeder visuellen Komponente des Apache-Waffensystems stellt sich die Frage, wieweit sie dieses automatisch funktionieren lässt oder wieweit sie Informationen als Grundlage menschlicher Entscheidungen bereitstellt. Daran bemisst sich der psychophysische Druck, den das Okular vor dem rechten Auge auf die Besatzung ausübt - die Alternative zwischen Bedienung und Steuerung. In einer derartigen Doppelsicht Bild und Sehen kognitiv miteinander abzustimmen muss eine der schwierigsten neuropsychologischen Fähigkeiten sein, die eine Apache-Besatzung zu erlernen hat. Zweifellos beruhen ihre Ausbildungshandbücher und Simulationsprogramme auf den neuesten Forschungen in der Neurologie des Sehens und der Psychologie der Wahrnehmung. Von jener Abstimmung hängt die moralische, wenn nicht kriegsrechtliche Beurteilung der Einsätze ab. Erfahrungsgemäß hat seine Apparatur für potenzierte Wahrnehmung den Apache nicht gegen Fehlbeurteilungen des Gesichtsfelds gefeit. Um so weniger, wenn seine Besatzung so menschenverachtend und blutdürstig gestimmt ist, wie es die Tonspur des Collateral-Murder-Videos bezeugt.

Dass „Crazy Horse“ die zwölf irakischen Passanten beobachten und niederschießen konnte, ohne dass diese ihn bemerkten, ist dem kesselförmigen Radarturm über dem Rotor des Apache zu verdanken. Durch ihn kann er Informationen aufnehmen und senden, während er weit entfernt und tief am Boden unbeweglich schwebt. Nur der Radarturm taucht hinter Häusern oder Hügeln auf. Dann senkt sich der Apache wieder, bis er schließlich aufsteigt, um das Feuer zu eröffnen. Das Wort „engage“, das die Besatzungen für die Eröffnung des Feuers verwenden, ist sprachlich unangemessen. Denn die Gegner werden nicht in Kampfhandlungen verwickelt, sondern aus der Deckung heraus angegriffen, ohne sich wehren zu können. Eher träfe hier das Wort „feige“ zu, mit dem deutsche Politiker Überraschungsangriffe von Guerrillas in Afghanistan zu disqualifizieren pflegen. Schon Susan Sontag hat die Verwendung dieses Wortes auf die Selbstmordattentate des 11. September 2001 zurückgewiesen. Allerdings werden weder „engage“ noch „feige“ den Wandlungen gerecht, die die strategische und taktische Verwendung des Apache im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts durchlaufen hat.

Ein Guerillero für asymmetrische Kriege

Mitte der achtziger Jahre wurde der Apache für die Strategie der Nato gegen den Warschauer Pakt von Grund auf neu entworfen. Im Verbund mit Panzern und Truppentransportern sollte er sich einer weiträumig koordinierten Angriffsformation einfügen, die einen schnellen Vormarsch in Mitteleuropa erkämpfen sollte. Das Wiener Waffenbegrenzungsabkommen von 1989 machte dieser Strategie ein Ende. Seither wurde der Apache für den Guerrillakrieg umfunktioniert und umgerüstet. Bald statteten die Vereinigten Staaten die israelischen Verteidigungskräfte damit für engräumigere Einsätze aus: für den Angriffskrieg auf den Libanon, für die Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung in der Westbank und für die fortschreitende Zerstörung des geräumten Gazastreifens. Seit 2001 schließlich setzen die amerikanischen Streitkräfte den Apache für den Guerrillakrieg in Afghanistan und im Irak ein.

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