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Krieg in Afghanistan : Washington: „Wikileaks“-Veröffentlichung „unverantwortlich“

  • Aktualisiert am

Ein amerikanischer Hubschrauber der Marines vor dem Start in Südafghanistan. Bild: dpa

Ein Sicherheitsberater des amerikanische Präsident Obama hat die Veröffentlichung Zehntausender Militärdokumente zum Krieg in Afghanistan auf der Internetseite „wikileaks.org“ verurteilt. Es bedrohe „die nationale Sicherheit“ und gefährde „das Leben von Amerikanern und unseren Partnern“.

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          Die amerikanische Regierung hat die Veröffentlichung Tausender Militärdokumente zum Krieg in Afghanistan in harschem Ton kritisiert. Präsident Obamas nationaler Sicherheitsberater James Jones verurteilte die Veröffentlichung „aufs Schärfste“, der Vorgang sei „unverantwortlich“, „bedroht die nationale Sicherheit“ und „gefährdet das Leben von Amerikanern und unseren Partnern“.

          Mehr als 91.000 zum Teil als „geheim“ klassifizierte Dokumente der amerikanischen Streitkräfte wurden am Montag auf der Internetseite „wikileaks.org“ veröffentlicht.

          Einblick in die amerikanische Kriegsführung

          Nach Darstellung der Medien, die die Feldberichte, Vermerke und internen Analysen vorab erhalten und durchgesehen hatten, geben die Dokumente einen detaillierten Einblick in die amerikanische Kriegsführung in Afghanistan sowie die interne Beurteilung der Lage. Sie beziehen sich auf die Jahre 2004 bis 2009 und damit auf den Zeitraum vor der Wirkung der neuen amerikanischen Doktrin.

          Bild: dpa

          Die Internetseite „wikileaks.org“, die schon früher mit Enthüllungen - insbesondere amerikanischer Kriegshandlungen - auf sich aufmerksam gemacht hat, war am Montag wegen Überlastung schwer zugänglich.

          „Bemerkenswerter Vorgang“

          In Berlin kündigten das Außenministerium und Verteidigungsministerium an, die Dokumente zunächst einmal zu prüfen. Außenminister Westerwelle sagte in Brüssel, es müsse ausgewertet werden, was der Bericht möglicherweise an neuen Erkenntnissen biete. Außerdem müsse geklärt werden, ob sich aus der Veröffentlichung der Dokumente neue Risiken für die Bundeswehr ergäben.

          Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums nannte die Veröffentlichung der Unterlagen einen „bemerkenswerten Vorgang“. Es werde untersucht, ob auch deutsche Sicherheitsinteressen beeinträchtigt sein könnten. Welche Konsequenzen ein solcher Befund hätte, wollte er indes nicht sagen. „Noch ergibt sich für unsere Arbeit nichts Neues“, sagte der Sprecher.

          „Die meisten Berichte sind Routine“

          Trotz bislang unbekannter Details scheinen die Dokumente am Gesamtbild der Lage am Hindukusch nur wenig zu ändern. Die Zeitung „New York Times“, der unter anderem die Dokumente vor der Veröffentlichung im Internet zugespielt worden waren, bewertete den Fund mit den Worten: „Die meisten Berichte sind Routine, manche sogar banal, aber viele zeigen Einsichten, Strukturen und Zusammenhänge eines Krieges, der seit bald neun Jahren geführt wird.“

          Nach dem, was bisher bekannt wurde, enthalten die Dokumente keine maßgeblichen Enthüllungen, fügen aber den bereits bekannten Fakten, Vermutungen und Zusammenhängen eine weitere Quelle und wertvolle Aspekte hinzu.

          „Deutsche Soldaten schlecht vorbereitet“

          Nach Angaben der Zeitschrift „Spiegel“ belegen die Dokumente, dass die Lage im Einsatzgebiet der Bundeswehr noch schwieriger ist als bisher angenommen. Zudem seien die deutschen Soldaten aus Sicht der amerikanischen Streitkräfte schlecht auf ihre Aufgabe vorbereitet gewesen. Aus den Unterlagen gehe hervor, dass 300 Soldaten der amerikanischen „Task Force 373“ im Bundeswehrlager in Mazar-i-Scharif untergebracht sind.

          Die Sondereinheit, die im ganzen Land aktiv ist, sei auf das Aufspüren und Ausschalten von Taliban-Anführern spezialisiert. Dokumente, die die „TK 373“ betreffen, wurden mit dem Vermerk versehen, sie nicht an die Alliierten der Internationalen Schutztruppe Isaf weiterzuleiten.

          Die Zeitung „Guardian“ berichtete vor allem, über Dokumente, die den Tod von Zivilisten betreffen. Offenbar fanden nicht alle militärischen Fehlschläge und Taliban-Anschläge den Weg in die Öffentlichkeit. Gleichwohl weichen die Zahlen, die genannt werden, nicht wesentlich von denen ab, die unlängst von einer afghanischen Nichtregierungsorganisation veröffentlich wurden.

          Umstrittene Rolle des pakistanische Geheimdienst

          Die „New York Times“ maß der Beurteilung Pakistans besondere Bedeutung zu. Aus den Dokumenten gehe hervor, dass der pakistanische Geheimdienst ISI gezielt Selbstmordattentäter für Afghanistan rekrutiert und ausbildet. Eine führende Rolle soll dabei der früheren Geheimdienstchef Hamid Gul spielen. Angeblich erlaubt Islamabad, dass Geheimdienstmitarbeiter geheime Strategiesitzungen mit Talibanführern abhalten.

          Zu lesen sei auch, dass Washington die Regierung in Islamabad mit den Erkenntnissen konfrontiert und einen Kurswechsel verlangt habe. Von Details abgesehen entspricht dies dem allgemeinen Kenntnisstand. Die Zeitung schränkt überdies ein, dass ein Gutteil der Information nicht verifiziert werden könne und „vermutlich von bezahlten Informanten stammt oder aus Quellen mit Verbindungen zum afghanischen Geheimdienst, der Pakistan als Feind betrachtet“.

          Die meisten Dokumente stammen offenbar von Feldwebeln, die unmittelbar nach Einsätzen Berichte anfertigten. Zu finden sind auch geheimdienstliche Lagebeurteilungen aus dem Isaf-Hauptquartier.

          Nach eigenen Angaben haben sich die Chefredakteure aus Hamburg, London und New York darauf geeinigt, besonders sensible Informationen aus dem Geheimmaterial - etwa die Namen von afghanischen Informanten des amerikanischen Militärs oder Informationen, welche die Soldaten in Afghanistan Sicherheitsrisiken aussetzen könnten - nicht zu veröffentlichen.

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