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Die Afghanistan-Dokumente bei Wikileaks : Das Rohmaterial des Krieges vor der Destillation

  • -Aktualisiert am

Ein Blick auf die überwiegend geheimen Afghanistan-Dokumente der Wikileaks-Website Bild: dpa

Wikileaks hat sich Verbündete gesucht, um 92.000 bislang unbekannte Dokumente zum Afghanistan-Krieg online zu stellen. Das zahlt sich aus. Doch wie geht es weiter? Die Organisation steht vor einer Bewährungsprobe.

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          Daniel Ellsberg musste Monate warten. Der Mann, der siebentausend Seiten der „Pentagon-Papiere“ kopiert hatte und sie einem Reporter der „New York Times“ überließ, machte 1971 die Erfahrung, dass die Zeitung das Material über den Vietnam-Krieg nicht beachtete. Erst als Ellsberg achtzehn weitere Zeitungen informierte und die „Washington Post“ mit einem Bericht startete, wurde Ellsberg zum berühmtesten Whistleblower seiner Zeit.

          Nun ist Wikileaks in die Fußstapfen von Ellsberg getreten und hat drei Publikationen animieren können, einen Blick auf mehr als 90.000 Dokumente zu werfen, welche die Organisation als „Kabul War Diary“ veröffentlicht hat. Die „New York Times“, der „Guardian“ und der „Spiegel“ veröffentlichten Berichte mit bislang unbekannten Details zum Afghanistan-Krieg, mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Formaten.

          Ganz auf der Höhe der Zeit präsentiert sich der „Guardian“ mit allen Mitteln des digitalen Journalismus. Er begleitet die Veröffentlichung mit einem Live-Blog („Afghanistan The War Logs“). Im Blog werden die Reaktionen aus aller Welt gesammelt und der Video-Stream einer Pressekonferenz mit Wikileaks-Sprecher Julian Assange eingebunden. Zudem hat man einen offenen Web-Chat eingerichtet und interaktive Karten und Tabellen produziert, die das Studium der Afghanistan-Papiere erleichtern sollen. Wer sich nicht mit Afghanistan befassen möchte, kann so immerhin eine mögliche Zukunft des Journalismus studieren.

          Das „War Log” des Guardian
          Das „War Log” des Guardian : Bild: Guardian

          Auch Wikileaks musste warten, genau wie Ellsberg. Stimmen die Angaben der nicht sonderlich transparenten Organisation, so musste umfangreiches Material von Spezialisten gesichtet werden, die sich mit Militäroperationen auskennen. Alles, was Unschuldige gefährden könnte, musste gelöscht oder anonymisiert werden. Dazu gehörte auch Material, das aktuell in Afghanistan stationierte amerikanische oder ISAF-Truppen gefährdet hätte. Diese Arbeit am Quellenschutz soll mehrere Monate gedauert haben. Rund 15.000 Afghanistan-Dokumente sollen bearbeitet oder zurückgehalten worden sein. Auf der Londoner Pressekonferenz erklärte Assange, dass man zudem als „top secret“ klassifizierte Berichte und CIA-Texte so lange zurückhalte, bis keine Gefahr für Informanten mehr bestehe. Auch fehlten mangels deutscher Militärexperten Originalberichte der Bundeswehr aus Afghanistan. Zudem seien nur fünfzehn diplomatische Depeschen in das bislang veröffentlichte Material aufgenommen worden, die sich direkt auf Afghanistan beziehen.

          Diese Auskunft steht im Zusammenhang mit der Festnahme des amerikanischen Soldaten Bradley Manning. Manning wurde verhaftet, weil er einem Ex-Hacker beichtete, während seiner Arbeit als IT-Spezialist in Bagdad rund 260.000 geheime Depeschen auf eine DVD kopiert zu haben. Diese unvorsichtige Auskunft brachte den Ex-Hacker dazu, FBI und Militär zu informieren, weil dieser das Leben von Amerikanern in Gefahr sah. Mit der Beteuerung von Wikileaks, dass alle Dokumente geprüft werden, um Unschuldige zu schützen, steht nunmehr Aussage gegen Aussage. Auf der Pressekonferenz betonte Assange, dass man einen Solidaritätsfonds für Manning eingerichtet habe, aus dem ein Verteidiger bezahlt werden soll.

          Ein überstaatliches Ministerium der Wahrheit

          Von einem Journalisten befragt, wie gefährdet er oder Wikileaks nach diesem Coup seien, wiegelte Assange ab. Einen Vergleich mit Ellsberg, der seinerzeit als „gefährlichster Mann Amerikas“ vor Gericht gestellt und freigesprochen wurde, mochte er nicht ziehen und das nicht nur, weil Wikileaks selbst kein Whistleblower-Verein ist, sondern eine Dokumenten-Annahmestelle. „Unsere größte Gefahr ist, dass wir zu erfolgreich sind und zu schnell wachsen, dass wir zu viele Dokumente bekommen und all diesen nicht mehr gerecht werden können.“

          In der Tat steht die Organisation vor einer Bewährungsprobe, wie man wachsen kann, ohne die klandestine Struktur zu belasten. Denn so einfach es ist, in der ganzen Welt Server zu mieten, so schwierig ist es, Freiwillige zu finden, die eingereichte Dokumente beurteilen können. Dem Vernehmen nach spielt man mit dem Gedanken, in Berlin ein erstes offizielles Wikileaks-Büro einzurichten und eine eigene Stiftung zu gründen, welche die europäischen Spendengelder verwalten kann. Bisher macht das die Wau-Holland-Stiftung, bei der mehr als 400.000 Euro für Wikileaks eingezahlt wurden.

          In London verglich Julian Assange die Veröffentlichung des „Kabul War Diary“ mit der Öffnung der Stasi-Archive durch die Bürgerbewegung der DDR im Jahr 1989. So wie diese die Arbeit der Staatssicherheit transparent gemacht habe, so könnten die Dokumente den Krieg in Afghanistan transparent machen. Sie würden das „Rohmaterial über den Krieg“ bereitstellen, aus dem das Pentagon seine verfälschten Berichte destilliert habe. Jetzt könne jeder Rechercheur die ungeschminkte Wahrheit finden. Bei seinem Vergleich vergaß Assange freilich, dass auf das Engagement der Bürgerbewegung und der Stasi-Bürgerkomitees die Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen (BStU) entstand. Wikileaks als ein überstaatliches Ministerium der Wahrheit, fehlte das noch?

          Wikileaks und die Medien

          Julian Assange, der Macher von Wikileaks, und seine Helfer haben dazugelernt. Sie wissen, welche Macht sie mit ihrem Portal entwickeln, doch scheinen sie inzwischen auch verstanden zu haben, dass man die Folgen der Veröffentlichung geheimer Dokumente abschätzen muss. Die Folgen, die das für die Informanten und für die Betroffenen hat. Als Wikileaks das Video vom Beschuss irakischer Zivilisten durch eine amerikanische Hubschrauberbesatzung in Bagdad ins Internet stellte, stand diese Veröffentlichung noch allein. Jetzt hat Wikileaks die Zusammenarbeit mit dem „Spiegel“, der „New York Times“ und dem „Guardian“ gesucht, bevor es 92 000 geheime Dokumente zum Krieg in Afghanistan online stellte. Dieses Konvolut kann so schnell niemand durcharbeiten, es bedarf der Einordnung, der Redaktion, welche die drei beteiligten Medien leisten. Sie publizieren nicht auf Teufel komm raus, sondern haben vereinbart, „besonders sensible Informationen“ nicht zu veröffentlichen, Namen von Informanten oder Angaben, welche „die Soldaten in Afghanistan zusätzlichen Sicherheitsrisiken aussetzen könnten“. Ob das gelingt, wir man kaum abschätzen können. Doch kann der jetzige „Scoop“ Wikileaks den Königsweg weisen. Mit Algorithmen allein lässt sich die Welt nicht erschließen. Zu wirklich großer Form liefe Wikileaks allerdings erst auf, wenn es nicht mit - geheimen - Informationen aus der freien Welt aufwartet, sondern mit solchen über jene Regimes, welche die Pressefreiheit seit jeher bekämpfen. (miha.)

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