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Assanges kleine Kampftruppe : Dies ist die Geschichte von Wikileaks

Julian Assange ist kein Geschäftsmann, er wollte den schnellen Ruhm Bild: Reuters

Wikileaks hat kein Hauptquartier und keine Angestellten. Nur ein virtueller Raum, in dem Daten hin und her sausen. Und an der Spitze ein Anarchist, der kein Verhältnis zum Geld hat. Wikileaks ist Teil der Popkultur, aber der Druck auf Julian Assange wächst.

          5 Min.

          Sie waren zu acht, der harte Kern. Julian Assange hatte an jenem Februartag Redebedarf. Taugten die russischen Hacker, die bei Wikileaks mitmachen wollten? Wann sollte das Video aus dem Apache-Hubschrauber online gehen, in dem amerikanische Soldaten im Irak aus der Luft zwölf Zivilisten erschossen?

          Hendrik Ankenbrand
          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Zwei der Toten waren Journalisten von Reuters gewesen. Jahrelang hatte die Nachrichtenagentur versucht, an das Band zu gelangen. Jetzt lag es auf dem Festplattenserver von Julian Assange, dem Gründer der Internetplattform Wikileaks. Die acht schalteten ihre Laptops an. In Berlin, San Francisco, in London, in Reykjavík. Sie starteten die E-Mail-Programme und loggten sich in die Mailingliste ein, über die sie kommunizieren können wie in einem Chat. Die Liste war die geheime Kommandobrücke der Organisation, ihr „War Room“ im World Wide Web. Das Unternehmen Wikileaks ist pure Anarchie: kein Hauptquartier, keine Angestellten, keine Rechtsform. Nur ein virtueller Raum, in dem Daten hin und her sausen.

          „Wir müssen das Irak-Video schneiden“, schrieb Assange. In Sekundenbruchteilen verwandelte das Verschlüsselungsprogramm die Buchstaben in eine wirre Zeichenfolge und jagte sie durch den Äther. Auf den anderen Bildschirmen ploppten die Worte wieder entschlüsselt auf. Die Untergrundaktivisten codierten ihre Mails mit einer Schlüssellänge von 4048 Bit. Unknackbar für das amerikanische Militär. Ein paarmal hat es das Pentagon schon versucht.

          Das Video vom Angriff amerikanischer Soldaten auf Zivilisten verschaffte Wikileaks den Durchbruch
          Das Video vom Angriff amerikanischer Soldaten auf Zivilisten verschaffte Wikileaks den Durchbruch : Bild: AFP

          Die Verteidigungslinie hielt, aber das Unternehmen Wikileaks war langsamer in Fahrt gekommen, als der weißhaarige Australier Assange sich das vorgestellt hatte, seitdem er 2005 zum ersten Mal vor der europäischen Hackergemeinde von seiner Idee geschwärmt hatte. Alle Information solle frei sein, nur so könne der Erdball vom Unrecht erlöst werden. Assanges kleine Kampftruppe mit sieben festen Mitstreitern und 60 freiwilligen Hackern hatte bis dahin ein paar Skandale aufgedeckt, in Kenia und zur Insolvenz der isländischen Kaupthing-Bank, aber nichts davon hatte die Welt erschüttert.

          Zumindest einen Wikileaks-Sprecher gab es damals schon. Der Berliner Daniel Berg, ein IT-Experte Ende zwanzig mit viel Verstand und viel Idealismus, hatte sich dafür das Pseudonym Daniel Schmitt zugelegt. Als der sieben Jahre ältere Assange 2007 in die Hauptstadt-Hackerszene einfiel und tönte, er werde auf Wikileaks alles veröffentlichen, was er an brisantem Material auf die Server kriege, hatten die Hacker aus dem Chaos Computer Club (CCC) zunächst frostig reagiert. Privates solle privat bleiben, lautete die Devise des Clubs, aber Daniel Berg hatte da weniger Berührungsängste.

          Tagsüber baute er Internetnetzwerke für Firmen. Wer heute einen Flug bucht, benutzt möglicherweise ein Berg-Programm. Doch viel mehr lockte das Genie des Australiers. Bald wollte Berg nicht mehr seine Zeit mit Kundenbuchungssystemen verplempern. Zwar war sein Vorbild Assange so abgebrannt, dass der in Berlin alle zwei Wochen auf das Schlafsofa eines anderen Bekannten aus dem Umfeld des CCC ziehen musste. Das Projekt Wikileaks versprach keinen irdischen Lohn. Dafür floss das Adrenalin umso reichlicher. „Es war spannend mit Julian, und er war auch ein Freund“, sagt Berg heute. Er hatte 35 000 Euro gespart, er brauchte kein Gehalt, er war endlich angekommen.

          Assanges Ton wurde unangenehmer

          Doch wo sollte es hingehen angesichts der Datenmassen auf den Servern? Da gab es etwa die Verträge des deutschen Mautbetreibers Toll Collect, die 2009 auf einem der Wikileaks-Server gelandet waren. Hastig hatte der Informant die Papiere über den Kopierer gezogen. Zudem war Toll Collect ein Thema von gestern, wie Berg merkte, als er bei deutschen Medien die Daten nicht loswurde. Der „Stern“ brachte schließlich eine kleine Geschichte.

          Assanges Ton in seinen Mails wurde unangenehmer. Auf den Treuhänderkonten in Amerika und bei der nordhessischen „Wau Holland Stiftung“ aus Guxhagen bei Kassel, deren Vorstände – saturierte IT-Experten in den Fünfzigern mit Hackervergangenheit – zugesagt hatten, die Spenden für Wikileaks zu verwalten, war Ebbe. Die belgische Agentur Sunshine Booking vermittelte Assange ein paarmal als Redner, doch das brachte nicht viel ein. Auf der Wikileaks-Website luden die Internetdienste Paypal und Moneybookers zum Spenden ein, bei der Stiftung leerten sich die Konten weiter. Jacob Appelbaum, Programmierer und einziger bekannter Amerikaner bei Wikileaks, reichte auf Hackerkonferenzen in Las Vegas und New York den Spendenhut herum. Assange reichte es. Ein echter Coup musste her. Er wollte das Video. Er wollte nach Island.

          Der Wikileaks-Herrscher war schon immer gerne auf die Insel gereist. Schließlich hält der Kleinststaat den Quellenschutz in Ehren. Den gesamten Januar 2010 hatten sich Assange und Berg in einem billigen Hotel eingemietet, um Island zum Datenhafen der Welt umzubauen. Wie Steuerparadiese für die Reichen sollte das Land zum rechtssicheren Rückzugsort für die Internetgesellschaft werden. Nach der Finanz- und Staatskrise sei es in Island ein Leichtes, die nötigen Gesetze durch die Legislative zu drücken, versicherte Assange. Kühl hätten es die Wikileaks-Server dort auch. Ein idealer Ort, dem Anarchoprojekt ein solides Geschäftsmodell zu verpassen.

          Die Spenden sprudelten

          Aber Julian Assange ist kein Geschäftsmann. Er wollte den schnellen Ruhm. Mit seinen Getreuen zog er sich in Reykjavík eine Woche lang in eines der kleinen Holzhäuser zurück und schnitt das Irak-Video. Früher hatte Wikileaks nur Rohmaterial online gestellt, jetzt verpasste Assange dem Video einen Titel: „Collateral Murder“. Kollateralmord. Am Beginn blendete Wikileaks ein kleines Copyright-Symbol ein. In der Gruppe murrte es, jetzt beginne der Ausverkauf der Ideale.

          Aber die Erde bebte! Wo Assange auftrat, wurde er gefeiert wie ein Popstar. Die Geheimdienste hielten sich mit Attacken zurück. Wikileaks war jetzt Teil der Popkultur. Der Mann, der über die Jahre hinweg nie eine feste Beziehung geführt hatte, war überall gefragt. Die Hacker spotteten über Julians Groupies. Auch die Spenden sprudelten. 750.000 Euro lägen bereit, gab die „Wau Holland Stiftung“ im Sommer an. 30.000 habe man an die Organisation für eingereichte Reisespesen gezahlt. Gehälter für die Mitarbeiter gab es aber immer noch nicht.

          Der Beschafffer des Videos, ein amerikanischer Soldat, hatte auch riesige Datenpakete über die Kriege in Afghanistan und im Irak geschickt. Assange brauchte die klassischen Medien, um aus den Massen Geschichten herauszuschälen. Er verhandelte mit Zeitungen wie dem „Spiegel“ und dem britischen „Guardian“ jetzt allein über Exklusivverträge. Den anderen Aktivisten sagte Assange, dabei flösse kein Geld. Der Egotrip schuf ein gedeihliches Klima für Verdächtigungen aller Art. Konnte es sein, dass die Verlage nicht einen Cent für das ganze Material springen ließen, das ihnen die Auflage ordentlich in die Höhe treiben würde? Und falls nein, wo war dann das Geld?

          Der Aktienkurs der Bank of America rauschte ab

          Daniel Berg ist inzwischen verheiratet, er trägt jetzt zusätzlich Domscheit im Namen. Domscheit-Berg verkrachte sich mit seinem einstigen Helden Assange. Gegen den waren inzwischen ernste Vorwürfe in Schweden aufgetaucht. Assange soll zwei Frauen vergewaltigt haben. Domscheit-Berg stieg aus. Andere Mitglieder folgten. Zusammen wollen sie jetzt eine Art Wikileaks-Technikdienstleister gründen und deutschen Medien abhörsichere elektronische Briefkästen auf geschützten Servern für geheimes Info-Material bauen für eine mittlere fünfstellige Abogebühr im Jahr. Assange hält dagegen, verkündete am Montag, er wolle Material über eine amerikanische Großbank veröffentlichen, woraufhin der Aktienkurs der Bank of America abrauschte.

          Doch auch Assange selbst gerät immer stärker unter Druck. Nach seinem jüngsten „Megaleak“ suchen die Schweden ihn plötzlich per internationalen Haftbefehl. Er ist in England, nächste Woche könnte er schon nach Schweden ausgeliefert werden. Amazon hat Wikileaks von seinen Servern verbannt, jetzt hat auch noch Paypal die Spendenkanäle zur Stiftung dichtgemacht, die von Moneybookers sind schon längere geschlossen. Julian Assange hat unterdessen neue Enthüllungen angekündigt: über Ufos.

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