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Assanges kleine Kampftruppe : Dies ist die Geschichte von Wikileaks

Julian Assange ist kein Geschäftsmann, er wollte den schnellen Ruhm Bild: Reuters

Wikileaks hat kein Hauptquartier und keine Angestellten. Nur ein virtueller Raum, in dem Daten hin und her sausen. Und an der Spitze ein Anarchist, der kein Verhältnis zum Geld hat. Wikileaks ist Teil der Popkultur, aber der Druck auf Julian Assange wächst.

          Sie waren zu acht, der harte Kern. Julian Assange hatte an jenem Februartag Redebedarf. Taugten die russischen Hacker, die bei Wikileaks mitmachen wollten? Wann sollte das Video aus dem Apache-Hubschrauber online gehen, in dem amerikanische Soldaten im Irak aus der Luft zwölf Zivilisten erschossen?

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Zwei der Toten waren Journalisten von Reuters gewesen. Jahrelang hatte die Nachrichtenagentur versucht, an das Band zu gelangen. Jetzt lag es auf dem Festplattenserver von Julian Assange, dem Gründer der Internetplattform Wikileaks. Die acht schalteten ihre Laptops an. In Berlin, San Francisco, in London, in Reykjavík. Sie starteten die E-Mail-Programme und loggten sich in die Mailingliste ein, über die sie kommunizieren können wie in einem Chat. Die Liste war die geheime Kommandobrücke der Organisation, ihr „War Room“ im World Wide Web. Das Unternehmen Wikileaks ist pure Anarchie: kein Hauptquartier, keine Angestellten, keine Rechtsform. Nur ein virtueller Raum, in dem Daten hin und her sausen.

          „Wir müssen das Irak-Video schneiden“, schrieb Assange. In Sekundenbruchteilen verwandelte das Verschlüsselungsprogramm die Buchstaben in eine wirre Zeichenfolge und jagte sie durch den Äther. Auf den anderen Bildschirmen ploppten die Worte wieder entschlüsselt auf. Die Untergrundaktivisten codierten ihre Mails mit einer Schlüssellänge von 4048 Bit. Unknackbar für das amerikanische Militär. Ein paarmal hat es das Pentagon schon versucht.

          Das Video vom Angriff amerikanischer Soldaten auf Zivilisten verschaffte Wikileaks den Durchbruch

          Die Verteidigungslinie hielt, aber das Unternehmen Wikileaks war langsamer in Fahrt gekommen, als der weißhaarige Australier Assange sich das vorgestellt hatte, seitdem er 2005 zum ersten Mal vor der europäischen Hackergemeinde von seiner Idee geschwärmt hatte. Alle Information solle frei sein, nur so könne der Erdball vom Unrecht erlöst werden. Assanges kleine Kampftruppe mit sieben festen Mitstreitern und 60 freiwilligen Hackern hatte bis dahin ein paar Skandale aufgedeckt, in Kenia und zur Insolvenz der isländischen Kaupthing-Bank, aber nichts davon hatte die Welt erschüttert.

          Zumindest einen Wikileaks-Sprecher gab es damals schon. Der Berliner Daniel Berg, ein IT-Experte Ende zwanzig mit viel Verstand und viel Idealismus, hatte sich dafür das Pseudonym Daniel Schmitt zugelegt. Als der sieben Jahre ältere Assange 2007 in die Hauptstadt-Hackerszene einfiel und tönte, er werde auf Wikileaks alles veröffentlichen, was er an brisantem Material auf die Server kriege, hatten die Hacker aus dem Chaos Computer Club (CCC) zunächst frostig reagiert. Privates solle privat bleiben, lautete die Devise des Clubs, aber Daniel Berg hatte da weniger Berührungsängste.

          Tagsüber baute er Internetnetzwerke für Firmen. Wer heute einen Flug bucht, benutzt möglicherweise ein Berg-Programm. Doch viel mehr lockte das Genie des Australiers. Bald wollte Berg nicht mehr seine Zeit mit Kundenbuchungssystemen verplempern. Zwar war sein Vorbild Assange so abgebrannt, dass der in Berlin alle zwei Wochen auf das Schlafsofa eines anderen Bekannten aus dem Umfeld des CCC ziehen musste. Das Projekt Wikileaks versprach keinen irdischen Lohn. Dafür floss das Adrenalin umso reichlicher. „Es war spannend mit Julian, und er war auch ein Freund“, sagt Berg heute. Er hatte 35 000 Euro gespart, er brauchte kein Gehalt, er war endlich angekommen.

          Assanges Ton wurde unangenehmer

          Doch wo sollte es hingehen angesichts der Datenmassen auf den Servern? Da gab es etwa die Verträge des deutschen Mautbetreibers Toll Collect, die 2009 auf einem der Wikileaks-Server gelandet waren. Hastig hatte der Informant die Papiere über den Kopierer gezogen. Zudem war Toll Collect ein Thema von gestern, wie Berg merkte, als er bei deutschen Medien die Daten nicht loswurde. Der „Stern“ brachte schließlich eine kleine Geschichte.

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