https://www.faz.net/-gpf-6ljx3

Assanges kleine Kampftruppe : Dies ist die Geschichte von Wikileaks

Assanges Ton in seinen Mails wurde unangenehmer. Auf den Treuhänderkonten in Amerika und bei der nordhessischen „Wau Holland Stiftung“ aus Guxhagen bei Kassel, deren Vorstände – saturierte IT-Experten in den Fünfzigern mit Hackervergangenheit – zugesagt hatten, die Spenden für Wikileaks zu verwalten, war Ebbe. Die belgische Agentur Sunshine Booking vermittelte Assange ein paarmal als Redner, doch das brachte nicht viel ein. Auf der Wikileaks-Website luden die Internetdienste Paypal und Moneybookers zum Spenden ein, bei der Stiftung leerten sich die Konten weiter. Jacob Appelbaum, Programmierer und einziger bekannter Amerikaner bei Wikileaks, reichte auf Hackerkonferenzen in Las Vegas und New York den Spendenhut herum. Assange reichte es. Ein echter Coup musste her. Er wollte das Video. Er wollte nach Island.

Der Wikileaks-Herrscher war schon immer gerne auf die Insel gereist. Schließlich hält der Kleinststaat den Quellenschutz in Ehren. Den gesamten Januar 2010 hatten sich Assange und Berg in einem billigen Hotel eingemietet, um Island zum Datenhafen der Welt umzubauen. Wie Steuerparadiese für die Reichen sollte das Land zum rechtssicheren Rückzugsort für die Internetgesellschaft werden. Nach der Finanz- und Staatskrise sei es in Island ein Leichtes, die nötigen Gesetze durch die Legislative zu drücken, versicherte Assange. Kühl hätten es die Wikileaks-Server dort auch. Ein idealer Ort, dem Anarchoprojekt ein solides Geschäftsmodell zu verpassen.

Die Spenden sprudelten

Aber Julian Assange ist kein Geschäftsmann. Er wollte den schnellen Ruhm. Mit seinen Getreuen zog er sich in Reykjavík eine Woche lang in eines der kleinen Holzhäuser zurück und schnitt das Irak-Video. Früher hatte Wikileaks nur Rohmaterial online gestellt, jetzt verpasste Assange dem Video einen Titel: „Collateral Murder“. Kollateralmord. Am Beginn blendete Wikileaks ein kleines Copyright-Symbol ein. In der Gruppe murrte es, jetzt beginne der Ausverkauf der Ideale.

Aber die Erde bebte! Wo Assange auftrat, wurde er gefeiert wie ein Popstar. Die Geheimdienste hielten sich mit Attacken zurück. Wikileaks war jetzt Teil der Popkultur. Der Mann, der über die Jahre hinweg nie eine feste Beziehung geführt hatte, war überall gefragt. Die Hacker spotteten über Julians Groupies. Auch die Spenden sprudelten. 750.000 Euro lägen bereit, gab die „Wau Holland Stiftung“ im Sommer an. 30.000 habe man an die Organisation für eingereichte Reisespesen gezahlt. Gehälter für die Mitarbeiter gab es aber immer noch nicht.

Der Beschafffer des Videos, ein amerikanischer Soldat, hatte auch riesige Datenpakete über die Kriege in Afghanistan und im Irak geschickt. Assange brauchte die klassischen Medien, um aus den Massen Geschichten herauszuschälen. Er verhandelte mit Zeitungen wie dem „Spiegel“ und dem britischen „Guardian“ jetzt allein über Exklusivverträge. Den anderen Aktivisten sagte Assange, dabei flösse kein Geld. Der Egotrip schuf ein gedeihliches Klima für Verdächtigungen aller Art. Konnte es sein, dass die Verlage nicht einen Cent für das ganze Material springen ließen, das ihnen die Auflage ordentlich in die Höhe treiben würde? Und falls nein, wo war dann das Geld?

Der Aktienkurs der Bank of America rauschte ab

Daniel Berg ist inzwischen verheiratet, er trägt jetzt zusätzlich Domscheit im Namen. Domscheit-Berg verkrachte sich mit seinem einstigen Helden Assange. Gegen den waren inzwischen ernste Vorwürfe in Schweden aufgetaucht. Assange soll zwei Frauen vergewaltigt haben. Domscheit-Berg stieg aus. Andere Mitglieder folgten. Zusammen wollen sie jetzt eine Art Wikileaks-Technikdienstleister gründen und deutschen Medien abhörsichere elektronische Briefkästen auf geschützten Servern für geheimes Info-Material bauen für eine mittlere fünfstellige Abogebühr im Jahr. Assange hält dagegen, verkündete am Montag, er wolle Material über eine amerikanische Großbank veröffentlichen, woraufhin der Aktienkurs der Bank of America abrauschte.

Doch auch Assange selbst gerät immer stärker unter Druck. Nach seinem jüngsten „Megaleak“ suchen die Schweden ihn plötzlich per internationalen Haftbefehl. Er ist in England, nächste Woche könnte er schon nach Schweden ausgeliefert werden. Amazon hat Wikileaks von seinen Servern verbannt, jetzt hat auch noch Paypal die Spendenkanäle zur Stiftung dichtgemacht, die von Moneybookers sind schon längere geschlossen. Julian Assange hat unterdessen neue Enthüllungen angekündigt: über Ufos.

Weitere Themen

Topmeldungen

Eigentlich das Aushängeschild des DFB: „Die Mannschaft“

Deutscher Fußball-Bund : Der Absturz einer Marke

Die Marke DFB ist beschädigt, die Nationalmannschaft enttäuscht sportlich. Dabei profitieren viele Branchen von erfolgreichen Turnieren. Auch deshalb erhöhen die Sponsoren nun den Druck.
Die Villa der Wannsee-Konferenz in Berlin Zehlendorf

Holocaust-Debatte : Die Gleichmacher

Seit kurzem wird die Singularität des Holocausts auch von links in Frage gestellt: Sie verdränge koloniale Genozide und sei eine deutsche Zivilreligion. Die Argumente dieser Kritik sind voller historischer Lücken.
Nach dem Lockdown zieht es die Menschen wie hier in Magdeburg nach draußen und zum Geldausgeben.

Hanks Welt : Kaviar statt Butterbrot

Es gibt Zeitgenossen, die uns einreden wollen, wir dürften jetzt nicht zurück zur Normalität. Bescheidenheit sei das Gebot der Stunde. Wer das fordert, verfolgt jedoch nur ein Umerziehungsprogramm nach seinen eigenen Normen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.