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Wikileaks : Das verschlüsselte Faustpfand der Whistleblower

  • -Aktualisiert am

Auch die Amerikaner hätten Kapazitäten, um Wikileaks lahmzulegen Bild: dpa

Technisch wäre es für die Vereinigten Staaten leicht, Wikileaks lahmzulegen. Aber der politische Schaden könnte noch größer sein. Könnte der Gegner dann gar zu einer Art Vernichtungsschlag ausholen?

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          Die amerikanische Außenministerin Clinton wertet die Veröffentlichung der diplomatischen Dokumente durch Wikileaks als „Angriff nicht nur auf die amerikanische Außenpolitik, sondern auch auf die internationale Gemeinschaft“. Sie kündigte entschlossene Schritte gegen die Hintermänner an. International gibt es allerdings kaum Rechtsabkommen, die im Falle von Internet-Inhalten wirklich greifen.

          Rechteinhaber können gegen Provider einen Antrag auf Löschung geschützter Inhalte („Takedown Notice“) vorbringen. Bisher deutet allerdings nichts darauf hin, dass die amerikanische Regierung auf ihren urheberrechtlichen Anspruch an den Depeschen abhebt. Juristisch wäre zudem die Frage zu klären, ob tatsächlich Menschenleben durch die Veröffentlichung der Depeschen gefährdet sind, wie es die amerikanische Regierung seit Tagen behauptet.

          Wikileaks prüft anscheinend Material vor Veröffentlichung

          Diese Gefahr hat Wikileaks erkannt. In einer Anfrage an den amerikanischen Botschafter in London, Louis Susman, wollte der Wikileaks-Sprecher Julian Assange beispielsweise am 26. November Auskunft über mögliche Gefährdungen einholen: „Wikileaks wäre sehr zu Dank verpflichtet, wenn die US-Regierung Hinweise (konkrete Namen oder Nummern der Depeschen) zu den Fällen geben könnte, in denen sie eine Gefährdung von einzelnen Personen nicht ausschließen kann.“

          Die amerikanische Außenministerin Clinton: „Angriff auf die internationale Gemeinschaft”
          Die amerikanische Außenministerin Clinton: „Angriff auf die internationale Gemeinschaft” : Bild: dapd

          Harald Hongju Hoh, Chefjurist des Außenministeriums, erwiderte jedoch, man verhandele nicht mit Personen, die sich illegal Material beschafft haben. Angesichts des eher langsamen Tempos, in dem Wikileaks sein Material nun veröffentlicht, spricht einiges dafür, dass das Material geprüft wird. Von Sonntagabend an wurden erst einmal 200 der insgesamt angeblich 251.287 Dokumente veröffentlicht, am Dienstag kamen zunächst 60 weitere hinzu.

          Ohne internationale Rechtshilfe zu beanspruchen, könnte die amerikanische Regierung versuchen, direkt die „New York Times“ zu belangen (was politisch freilich heikel wäre). Im Gegensatz zu früheren Gelegenheiten gehörte sie diesmal zwar gar nicht zum Kreis der von Wikileaks vorab eingeweihten Medien; vermutlich weil sie zuvor ein wenig schmeichelhaftes Porträt des Wikileaks-Sprechers Assange veröffentlicht hatte.

          „Guardian“ reichte Material an „New York Times“ weiter

          Doch die Redaktion der britischen Zeitung „Guardian“ leitete das gesamte Material an die „New York Times“ weiter, wie David Leigh, beim „Guardian“ Leiter der Investigativabteilung, dem Branchenblog „The Cutline“ sagte. Damit hat der „Guardian“ die Rolle eines sogenannten „Whistleblowers“ gespielt, also desjenigen, der an sich vertrauliche Dokumente weiterreicht - und das ausgerechnet wegen juristischer Bedenken: „Wir hatten die Befürchtung, dass wir ein Publikationsverbot bekommen würden, wenn wir allein mit dem Material herauskommen“, sagte Leigh.

          Es besteht kein Zweifel, dass sowohl die Vereinigten Staaten als auch andere Staaten, insbesondere China, die Rechnerkapazitäten besitzen, um Wikileaks in einer Art Cyberkrieg so unter Beschuss zu setzen, dass die entsprechenden Server nicht mehr antworten könnten. Eine solche Attacke nennt sich „Distributed Denial of Service Attack“ (DDoS) und kann mit wenigen Rechnern durchgeführt werden, die ein Botnetz kontrollieren. Bots sind Roboter, also durch einen Virus kompromittierte Rechner, die von anderen Computern aus gesteuert werden.

          „Patriotischer amerikanischer Hacker“ griff Wikileaks-Server an

          Eine solche Attacke gegen Wikileaks ist unmittelbar vor der Veröffentlichung der amerikanischen Depeschen beobachtet worden. Rund zwei Stunden lang war die Website nicht erreichbar. Ein Hacker namens th3j35t3r, ausgeschrieben The Jester, brüstete sich mit der Tat. Jester ist in der Szene bekannt. Als „patriotischer amerikanischer Hacker“ greift er seit längerem vor allem die Websites von Islamisten mit DDoS-Attacken an. In seinen Twitter-Nachrichten macht er keinen Hehl daraus, dass er die Wikileaks-Aktivisten für Dschihadisten hält, deren Server in Island, Frankreich, Belgien und Schweden gestört werden müssen. Politisch dürfte es sich für die amerikanische Regierung allerdings wohl verbieten, die Seite anzugreifen - zumal mehrere Zeitungsredaktionen ja im Besitz der Dateien sind.

          Bereits vor der Veröffentlichung von 77.000 Dokumenten vom Einsatz der amerikanischen Streitkräfte in Afghanistan hatte Wikileaks im Juli 2010 eine sogenannte Versicherungsdatei („Insurance File“) veröffentlicht. Die mit AES-256 verschlüsselte, nach aktuellem Stand also vermutlich von keinem Geheimdienst der Welt zu entschlüsselnde Datei soll unter anderem die Tarn- und Klarnamen von aktiven amerikanischen Geheimdienstlern enthalten.

          Die 1,4 Gigabyte große Datei ist von vielen Wikileaks-Sympathisanten in der Welt kopiert worden. Sollte Wikileaks, aus welchen Gründen auch immer, eines Tages verschwunden sein, könnte das (hochgradig komplizierte) Passwort zu dieser Datei „auftauchen“ - und viel größeren Schaden anrichten.

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