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Parteien werben um junge Mitglieder : Danke für das Partykondom

  • -Aktualisiert am

Den Parteien läuft der Nachwuchs weg. Dabei ist die Mitgliedschaft doch „komplett kostenlos“. Bild: dpa

Warum wollen junge Menschen Parteimitglied werden? Wegen Visionen vielleicht. Oder weil es viel kostenlos gibt. Die Parteien wissen auch nicht, was sie ihrem Nachwuchs bieten sollen – es ist grauenvoll.

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          Warum sollte ein junger Mensch einer Partei beitreten? Möglicherweise lautet die Antwort: Weil er ein kompletter Idiot ist.

          Denn man wird ja eigentlich nicht unter größten Mühen erwachsen, um dann direkt wieder zu den Kleinsten zu gehören. Zum Beispiel als „Juso“ (ein Mini-Wort für „Jungsozialist“), die Baby-Version eines Sozialisten. Und man ist eigentlich auch nicht jung, um zu reden wie ein tausend Jahre altes Cordjackett. Zum Beispiel bei der Grünen Jugend. Auf deren Internetseite steht ein Glossar. Es erklärt den sogenannten Grüne-Jugend-Slang: AK – Arbeitskreis, BiBei – Bildungsbeirat und so weiter. Das klingt grau und mau und nach Infostand, und ein Infostand ist das Gegenteil von Träumen und Aufbruch und allem, was Jungsein ist. Beweis: Es gibt auf der Welt keinen einzigen Popsong über einen Infostand (außer beleidigende, etwa: „Wo seid ihr hin, ihr edlen Recken? / Ihr warft den Pflasterstein so elegant / Mit Jusos kann man keine Bullen schrecken / Ihr Schlachtfeld ist doch nur der Infostand“).

          Che Guevara musste nie Kondome verteilen

          Die Parteien wissen selbst nicht genau, warum junge Menschen sich für den Beitritt entscheiden sollten anstatt, zum Beispiel, für den Beischlaf (darüber gibt es immerhin einige Songs). Das würden sie natürlich nie zugeben. Sie denken sich Sätze aus, die aufregend klingen sollen: „Unsere Ziele sind es, Visionen zu verwirklichen“ (Junge Union), „Visionen jetzt umsetzen“ (Grüne Jugend), „Unsere Gesellschaft braucht Visionen“ (Junge Liberale), „In naher Zukunft schon gilt es gewisse Visionen zu realisieren“ (Jusos). Verständlicherweise wollen sich viele junge Leute nicht fühlen, als würde ihnen flüssiger Beton in den Kopf gekippt, also ignorieren sie diese Sätze und reisen lieber ein Jahr in ein indisches Waisenhaus. Da machen sie auch irgendwas mit Visionen, aber bei gutem Wetter. Oder sie werden Aktivist und rennen vor der Polizei weg. Da klopft das Herz lauter als im Ortsverein.

          Was sollen also junge Leute in Parteien? Besonders viele Gedanken darüber macht sich die CDU. Kein Wunder, die Junge Union verliert Leute in einem Ausmaß wie zuletzt Brandenburg. 1990 hatte sie noch 200.000 Mitglieder, heute weniger als 120.000. Auf den Internetseiten der Jungen Union kann man nachlesen, warum man trotzdem dabei sein sollte.

          Die Mitgliedschaft ist „komplett kostenlos – kein Mitgliedsbeitrag 0€“, auf Veranstaltungen kriegt man „kleine Extras kostenlos“, ebenfalls gratis gibt es die Mitgliederzeitschrift und Einladungen zu Exkursionen (Skifreizeit, Brauereibesuch) und den „Black is beautiful“-Partys. Diese Partys sind Teil einer Kampagne, mit der die Junge Union ein „positives jugendliches Bild“ von sich vermitteln will, was schon wieder so klingt, als wäre eigentlich das Gegenteil gemeint.

          Glaubwürdiger werden

          Im Leitfaden zur Kampagne steht, wie man die „Begegnung mit politisch Gleichgültigen oder Uninteressierten“ erfreulich gestaltet und sie auf die Junge Union aufmerksam macht. Am Infostand zum Beispiel sollen Mitglieder die „Black is beautiful“-T-Shirts tragen. Es gebe auch einen Schlüsselanhänger, der sich um den Hals gehängt „gut macht“. Das sei „ziemlich sexy“. Auf Partys gilt es, „Partykondome (natürlich in schwarz)“ zu verteilen und schwarze Lutscher, Motto „Leck mich!“ Wer die Kampagne sieht, „muss an die Junge Union, an Lebendigkeit, an Daseinsfreude denken“, aber das stimmt leider nicht. Es ist alles so durchgeknallt, als hätte ein depressiver Computer es sich beim Durchglühen noch schnell ausgedacht. Junge Menschen sind zwar jung, aber das Gehirn ist nun mal angeboren und befähigt den Menschen dazu, die allerschlimmsten Anbiederungen jedenfalls meist zu erkennen. Che Guevara hat niemals Partykondome verteilt.

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