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5 Jahre Papst Franziskus : Am Anfang war der Widerspruch

Symbolik der Bescheidenheit: Franziskus im Februar beim Angelusgebet Bild: dpa

Als Franziskus sich nach seiner Wahl 2013 den Gläubigen das erste Mal zeigte, sah er nicht aus wie ein Papst. Hat der bescheidene Pontifex in den fünf Jahren den Vatikan verändert?

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          Der Widerspruch trat schon mit den ersten Amtshandlungen zutage. Da trat am kühlen Abend des 13. März 2013 ein frisch gewählter Papst auf die Loggia des Petersdoms, der nicht so ganz aussah wie ein Papst: ohne rote Mozetta und ohne goldenes Brustkreuz. Er sagte „Guten Abend“ zu den Gläubigen und bat die zu seinen Füßen versammelten „Brüder und Schwestern“, für ihn zu beten.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Auch bei seiner ersten Messe tags darauf in der Sixtinischen Kapelle ließ der neue Papst die bereitgelegten prächtigen Paramente liegen, zelebrierte stattdessen im weißen Messgewand mit schlichter Mitra. Bald darauf sollte die Welt auch erfahren, dass der Papst „vom Ende der Welt“ statt handgefertigter roter Schuhe seine alten Gesundheitslatschen trägt. Dass er nicht in die Gemächer des Apostolischen Palasts einziehen wird, sondern im Gästehaus des Vatikans wohnen bleibt. Dass er als Papamobil einen kleinen Fiat nutzt statt die gepanzerten Limousinen eines deutschen Autobauers.

          Bewusster Traditionsbruch

          Zu dieser ostentativen Symbolik der Bescheidenheit schien zu passen, dass sich der argentinische Bischof Jorge Mario Bergoglio den Papstnamen Franziskus zugelegt hatte: nach Franz von Assisi, dem Ordensgründer der Minderen Brüder (Franziskaner). Zum ersten Mal seit rund tausend Jahren hatte ein Pontifex keinen Namen eines anderen Papstes gewählt. Damit stellte sich der erste Lateinamerikaner und erste Jesuit auf dem Petersthron gleichsam in die direkte Nachfolge eines Heiligen statt in die eines Amtsvorgängers. Das war ein bewusster Traditionsbruch. Ein Ausdruck der Bescheidenheit war es nicht gerade. Und vielleicht auch kein Ausdruck des Respekts vor einer jahrtausendealten Institution mit 1,2 Milliarden Mitgliedern, die Bergoglio alias Franziskus ja nun doch zu repräsentieren und zu führen hat.

          Dieser immanente Widerspruch sollte sich in den fünf Jahren seines Pontifikats immer wieder zeigen. Zum Beispiel als Franziskus bei der traditionellen Weihnachtsansprache die Mitarbeiter des kirchlichen Verwaltungsapparats als träge Bürohocker zusammenstauchte, die sich vor „spirituellem Alzheimer“ hüten müssten. Oder wenn er Arroganz und Eitelkeit in den Reihen das Kardinalskollegiums anprangerte, aus dem er doch selbst hervorgegangen war. Denn wenn ein Kardinal papabile werden will, dann läuft das auch nicht so viel anders als beim Machtkampf um den Vorstandsvorsitz eines multinationalen Unternehmens. Schon bei der Papstwahl des deutschen Kardinals Ratzinger 2005 hatte der Argentinier Bergoglio gut im Rennen gelegen, und beim zweiten Anlauf acht Jahre später nutzte er seine Chance im Konklave. Anders als sein gelehrter und verbindlicher Vorgänger Benedikt XVI. sei der theologisch weniger beschlagene Franziskus von durchaus herrischem Naturell, heißt es in Rom.

          Als selbsternannter Erneuerer der Kirche und Überwinder der institutionellen Krise hat Franziskus mehr Erwartungen geweckt, als er bisher erfüllen konnte. Die Kurienreform hat statt Transparenz und Effizienz vor allem neue, oft redundante Strukturen gebracht. Bei Personalentscheidungen hat der Papst immer wieder danebengegriffen. Den australischen Kardinal George Pell berief Franziskus zum Präfekten des neuen Wirtschaftssekretariats und damit zu einer Art Finanzminister und Bankenchef des Vatikans. Doch Pell, der sich vor australischen Gerichten wegen des Vorwurfs der Vertuschung von Missbrauchsfällen und sogar wegen des Verdachts verantworten muss, sich selbst an Jugendlichen vergangen zu haben, kam gar nicht dazu, den Augiasstall der vatikanischen Finanzen auszumisten.

          Umgang mit Missbrauchsskandal enttäuscht

          Überhaupt muss der Umgang mit dem Missbrauchsskandal als größte Enttäuschung des bisherigen Pontifikats von Franziskus gelten. Der wackere Kardinal Sean O’Malley aus Boston hat als Chef der im Dezember 2014 von Franziskus geschaffenen Kinderschutzkommission zwar in vielen Diözesen in aller Welt neue Mechanismen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Missbrauch durch Priester durchgesetzt. O’Malleys jüngst erfolgte Wiederernennung für eine zweite Amtszeit von drei Jahren ist unumstritten. Aber es war ausgerechnet Franziskus selbst, der im Januar mit seinem desaströsen Verhalten bei seinem Besuch in Chile die Bemühungen der Kommission unterminierte. Den von zahlreichen Missbrauchsopfern der Mitwisser- und Mittäterschaft bezichtigten Bischof Juan Barros verteidigte Franziskus uneingeschränkt und bezichtigte die Opfer der Verleumdung eines unbescholtenen Kirchenmannes. Nach einem Aufschrei des Entsetzens musste sich Franziskus entschuldigen und im Februar einen vatikanischen Sonderermittler nach Chile schicken. Dessen Bericht steht noch aus.

          Zwei Mitglieder der Kinderschutzkommission, die selbst von Priestern missbraucht worden waren, gaben ihre Posten aus Protest auf. Aus ihrer Sicht hatten sich der Papst und die von diesem sonst so gescholtene Kurie mehr für die Institution Kirche eingesetzt als für deren Opfer. Die frühere irische Präsidentin Mary McAleese – ihrerseits praktizierende Katholikin – beklagte das Pontifikat von Franziskus als „Reise in die Enttäuschung“ und schalt die katholische Kirche insgesamt als „Reich der Frauenfeindlichkeit“. Dazu passt die jüngst öffentlich gemachte Klage römischer Ordensfrauen, sie würden von Klerikern wie „niedere Bedienstete“ behandelt – gemäß deren Überzeugung, wonach „ein Priester alles und eine Nonne nichts ist“.

          Tiefe Abneigung gegen den Kapitalismus

          Seine tiefe Abneigung gegen den Kapitalismus wurde dem Papst aus Argentinien gewissermaßen in dessen peronistische Wiege gelegt. „Diese Wirtschaft tötet“, heißt es über die reichen Industrienationen in der Schrift „Evangelii gaudium“ (Die Freude des Evangeliums), und in der Umwelt-Enzyklika „Laudato si“ (Gelobt seist du) wird der Schutz der Schöpfung vor dem gierigen Zugriff des nach immer mehr Reichtum strebenden Menschen angemahnt. Zugleich hat der Papst ein Herz für nichtdemokratische Herrscher, sofern diese sich nur antikapitalistisch genug geben. Die vom Vatikan angebahnte Normalisierung der Beziehungen zwischen den kommunistischen Castro-Brüdern auf Kuba und der amerikanischen Regierung unter Barack Obama betrachtet Franziskus als seinen bisher größten diplomatischen Erfolg – auch wenn die Kubaner unterjocht werden wie eh und je und Präsident Donald Trump das Rad inzwischen kräftig zurückgedreht hat. Mit den Kommunisten in Peking, die ihren Führer Xi Jinping soeben zu einer Art Halbgott erhoben haben, strebt Franziskus einen noch größeren diplomatischen Coup an: die Aufnahme voller diplomatischer Beziehungen. Die katholische Untergrundkirche, zu der sich gut die Hälfte der rund 13 Millionen Katholiken in China bekennt und die seit 1949 treu zum Vatikan steht, sieht sich dadurch von Franziskus der Willkürherrschaft Pekings ausgeliefert.

          Ein Urteil über das theologische und kirchenreformerische Vermächtnis von Papst Franziskus wird die Geschichtsschreibung erst nach dem Ende von dessen Pontifikat fällen können. Klar ist, dass Franziskus die Kirche an die gesellschaftliche und topographische Peripherie führen will – und damit zurück zu ihren Ursprüngen als „arme Kirche für die Armen“, wie Franziskus sagt. Das Engagement für Migranten und Indigene, für Obdachlose und Häftlinge sowie die Einberufung einer Amazonas-Synode zum Schutz der Lebenswelt des Regenwalds sind Wegweiser zu einer Theologie, die man als eine des globalen Südens beschreiben könnte. Derweil bleibt der Papst tiefer im Vatikan als einer Institution des globalen Nordens verankert, als er wahrhaben will.

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