https://www.faz.net/-gpf-7umbp

Wie die Vereinten Nationen den Flüchtlingen helfen : „2014 ist ein humanitäres Katastrophenjahr“

  • Aktualisiert am

Panische Flucht: Kurden reißen den Grenzzaun nieder, um sich vor der Terrormiliz IS in die Türkei in Sicherheit zu bringen Bild: AP

Die Kämpfe in Syrien und Irak, in Zentralafrika und Südsudan haben Millionen Menschen zur Flucht getrieben. Sie mit Lebensmitteln und sauberem Wasser zu versorgen ist eine gewaltige Aufgabe. Ein Gespräch darüber mit Elisabeth Rasmusson, der stellvertretenden Exekutivdirektorin des Welternährungsprogramms WFP.

          5 Min.

          Frau Rasmusson, wie viele Menschen ernährt das WFP?

          Das WFP unterstützt in diesem Jahr mindestens 85 Millionen Menschen. Für diese Operationen benötigen wir in diesem Jahr insgesamt 8,3 Milliarden US-Dollar, eine Rekord-Summe, wobei wir davon ausgehen bis Ende des Jahres etwa 4,5 Milliarden Dollar zu erhalten – also etwas mehr als 50 Prozent des Gesamtbedarfs.

          Was können Sie als Folge der Finanzierungslücke nicht tun?

          In Syrien müssen wir etwa das Lebensmittelpaket für eine Person um 40 Prozent reduzieren. Zudem müssen wir die Schulspeisung und die Versorgung schwangerer Frauen mit Nahrungsmitteln einstellen. Ferner haben wir die monatlichen Beträge pro Person auf einer E-Karte, mit der ein syrischer Flüchtling im Libanon einkaufen kann, von 30 Dollar auf 20 Dollar gekürzt.

          Das WFP ernährt 85 Millionen, und doch hieß es bis vor kurzen, wir lebten in der friedlichsten Zeit seit langem. Ist 2014 ein humanitäres Katastrophenjahr?

          Ja, das ist es. Zurzeit sind 102 Millionen Menschen weltweit in Not. Ende 2013 waren es noch 81 Millionen. Parallel dazu stieg der Finanzierungsbedarf für die weltweite humanitäre Hilfe von unter 13 Milliarden auf 17,3 Milliarden Dollar. Wir reagieren rasch auf die humanitären Krisen. Der große Kampf ist aber, dafür auch die Mittel zu finden. Wir verwenden darauf mehr Zeit denn je, zu viel Zeit, die Mittel aufzutreiben, die wir für unsere Arbeit brauchen.

          Kann man den Flüchtlings-Zahlen, die kursieren, vertrauen, oder haben Regierungen ein Interesse daran, Zahlen zu übertreiben?

          Wir haben keinen Grund an den Zahlen zu zweifeln. Es gibt kurzzeitig Phasen, wenn viele Flüchtlinge in ein Land strömen, die unübersichtlicher sind. Doch sobald die Flüchtlinge registriert sind, können wir uns auf die Zahlen des UNHCR verlassen.

          Die meisten Katastrophen spielen sich im Nahen Osten und in Afrika ab. Was passiert da?

          Das sind alles von Menschen geschaffene Katastrophen – in Syrien und im Irak, im Süd-Sudan und in der Zentralafrikanischen Republik. Wir bügeln das Scheitern der Politik aus und nehmen uns der humanitären Folgen dieses Scheiterns an. Ein Mangel an Nahrungsmitteln führt zudem zu verzweifelten Reaktionen, radikale Gruppen können Kämpfer rekrutieren, die so ihre Familien ernähren wollen. Das hat mit Ideologie oft nichts zu tun.

          Sie kommen gerade aus Syrien zurück. Was haben Sie gesehen?

          An der Grenze warteten viele Flüchtlinge auf eine Einreise in den Libanon. Auf dem Weg nach Damaskus und dann weiter nach Homs fuhren wir auf fast leeren Autobahnen, nur Hilfs- und Militärkonvois waren zu sehen. In Damaskus gibt es dagegen Verkehr, Menschen gehen auf den Straßen, sitzen in Cafés.

          Elisabeth Rasmusson, Exekutivdirektorin des Welternährungsprogramms WFP
          Elisabeth Rasmusson, Exekutivdirektorin des Welternährungsprogramms WFP : Bild: NRC/Erik Poppe

          Wegen der Binnenflüchtlinge ist die Stadt überfüllt. Die Menschen führen, so scheint es, ein semi-normales Leben. Vom Stadtteil Joubar hörten wir Explosionen und sahen den Rauch von Artilleriefeuer. Die Menschen haben zugleich praktisch keine Chance, sich selbst zu versorgen - in den Gesprächen, die ich in führte, begriff ich, dass unsere Nahrungspakete die einzige regelmäßige Unterstützung sind, die diese Menschen bekommen.

          Weitere Themen

          Massenproteste in Brasilien Video-Seite öffnen

          Bolsonaros Corona-Politik : Massenproteste in Brasilien

          Zehntausende haben in Brasilien erneut für die Amtsenthebung und gegen die Corona-Politik des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro demonstriert. Kundgebungen waren in mehr als 400 Städten angekündigt.

          Topmeldungen

          Die „Bild“-Zeitung klagte an: Merkel nicht im Flutgebiet. Ja, weil der Bundespräsident an jenem Tag da war. Die Kanzlerin kam einen Tag später.

          Umgang mit Katastrophen : Mut in Zeiten der Flut

          In der Hochwasserkatastrophe halfen viele selbstlos. Andere aber begannen schon früh damit, eigene Ziele zu verfolgen. Selbstgerechter geht es nicht.

          Corona-Varianten : Was macht Delta so gefährlich?

          Immer neue Varianten von SARS-CoV-2 grassieren und lassen die Pandemie nicht enden, obwohl immer mehr Menschen geimpft sind. Forscher mühen sich, die nächsten Mutationen vorherzusagen. Warum gelingt das nicht?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.