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Rentner im Donbass : Über die Grenze mit der Hühnerleiter

Eine Frau steht mit einem Sarg an der Grenze zwischen der ukrainischen Seite und der prorussischen „Luhansker Volksrepublik“. Bild: Oleksandr Techynskyy

Im Donbass herrscht Krieg, die Wirtschaft des Kohlereviers lahmt. Eine wichtige Geldquelle für beide Seiten sind die Rentner aus den prorussischen „Volksrepubliken“. Ein Besuch.

          9 Min.

          Wir haben nicht gefragt. Die Frau stand an der Kante, wo die Brücke abbricht, und ihre Hand ruhte lange auf dem Sarg. Den Menschen, die vorbeizogen, drehte sie den Rücken zu. Ihre Kapuze war hochgeschlagen, das Gesicht war verdeckt. Wohin sie schaute, war nicht zu sehen. Vielleicht ins Minenfeld, vielleicht in die Birken des Niemandslands. Minutenlang stand sie so da. Der Sarg war mit kirschrotem Stoff bespannt, die starken Hundertmillimeternägel, sogenannte Sotkas, waren noch nicht eingeschlagen und ragten aus den Kanten. Er stand am Straßenrand auf einem Trümmerstück aus Beton, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, dass am Straßenrand ein Sarg steht. Unter dem Trümmerstück lag Müll.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Wir sprachen die Frau nicht an. Die Art, wie ihre Hand auf dem Sarg ruhte, wie sie ins Leere schaute, hielt uns ab. Außerdem hatten wir es eilig. Wir waren spät angekommen, denn die Straßen sind keine Straßen mehr im Osten der Ukraine. Seit russische Truppen hier im Kohlerevier des Donbass zwei bis an die Zähne bewaffnete „Volksrepubliken“ geschaffen haben, herrscht Krieg. Mehr als zehntausend Menschen sind tot, die Asphaltpisten sind von Granateinschlägen zerlöchert, von Panzerketten pulverisiert. Lastwagen kämpfen sich im Schritttempo voran, qualmend, schlingernd wie Schiffe im Sturm. Im Sommer hatten sich auf den Feldern festgestampfte Ausweichpisten gebildet, da ging es leichter. Jetzt aber ist Oktober. Wo trockener Grund war, ist bodenloser Schlamm, und erst wenn der Frost kommt, wird es wieder besser.

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