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WM-Dauerparty in Kroatien : „Wir haben verloren, wir sind die Größten“

Erst Schlaf, dann Stars: Zwei Brüder warten in Zagreb auf die kroatische Nationalmannschaft. Bild: Michael Martens

Die Kroaten feiern die Niederlage ihrer nimmermüden Fußballmannschaft beim Empfang in der Hauptstadt wie einen Sieg. Zum Teil nimmt die Begeisterung aberwitzige Züge an.

          Wer sich immer schon mal gefragt hat, wie lange es wohl dauert, im langsamen Schritttempo vom Franjo-Tudjman-Flughafen in Zagreb bis zum Stadtzentrum zu gelangen, hat seit Montag immerhin eine ungefähre Antwort: Sehr lange. Stundenlang harrten Hunderttausende Kroaten am Montag aus, um auf den offenen Bus mit den kroatischen Nationalspielern auf seiner Fahrt zum Ban-Jelacic-Platz zu warten. Dort, im Herzen der kroatischen Hauptstadt, fand der Empfang für die Mannschaft statt, wobei eigentlich ganz Zagreb und viele Zehntausende aus allen Teilen des Landes angereiste Kroaten das Team frenetisch feierten. Wer die Begeisterung in Athen im Jahre 2004 miterlebt hat, als die griechische Mannschaft mit dem Europameistertitel heimkehrte, wird bestätigen können: Was sich am Montag in Zagreb abspielte, ging noch einmal darüber hinaus.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Die kroatische Eisenbahn hatte ihre Preise halbiert, um Bewohnern aus der Provinz die Teilnahme zu erleichtern. In Zagreb war unterdessen die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel kostenlos – wenn sie denn fuhren, denn viele Tram- und Buslinien, die die Route des Mannschaftsbusses kreuzten, waren stundenlang nicht benutzbar. Die stundenlange Fahrt in die Innenstadt dürfte die Spieler mehr Kraft gekostet haben als so manches in die Verlängerung gegangene Länderspiel. Zum Teil nahm die Begeisterung aberwitzige Züge an – etwa, als im Fernsehen am Morgen getreulich berichtet wurde, über welchem Land sich der aus Russland zurückkehrende Flieger mit den Spielern gerade befinde und wann der Sinkflug auf Zagreb eingeleitet worden sei. Wer nicht wusste, dass die Kroaten am Vortag das Finale gegen Frankreich mit 2:4 verloren hatten, hätte denken müssen, dass hier ein Weltmeister empfangen wird. Kroatien ist, das stand fest, der weltmeisterlichste Vizeweltmeister aller Zeiten.

          Feuerwerk in den Städten, Freudenfeiern in Cafés

          Das kroatische Spiel war, zumindest in der ersten Halbzeit des Finales gegen Frankreich, durchaus ansprechend, aber wahrhaft Weltklasse war die Leistung der Kroaten erst nach dem Abpfiff: Keine Aggressivität, keine Randale, stattdessen friedliche Feiern im ganzen Land. Das Spiel am Sonntag war erst wenige Minuten vorbei, als der erste Autokorso durch Zagreb manövrierte. So blieb es die ganze Nacht: Feuerwerk in den Städten, mobile Lärmkolonnen auf den Straßen, Freudenfeiern in Cafés und auf Plätzen von Ostslawonien bis Dalmatien. Das Land war ein einziger Triumphbogen. Mitunter schien die Frage angebracht, ob das kroatische Team nicht vielleicht doch Weltmeister geworden sei. Kroatien kann der Welt eine Lektion darin erteilen, wie man würdevoll und heiter verliert.

          Dauerparty: Fans in Zagreb

          Am Montag steigerte sich die Begeisterung noch. Die Berichterstattung kroatischer Fernsehsender war im Kern eine Dauerwerbesendung für das Nationalteam. Korrespondenten aus der halben Welt berichteten stolz über anerkennende Reaktionen aus dem Ausland, während ihre im Lande gebliebenen Kollegen sich aus allen größeren Städten Kroatiens von den Feierlichkeiten meldeten. Die wurden am Morgen fortgesetzt oder waren gar nicht erst unterbrochen worden. Es hat ja auch keinen Sinn, mit dem Feiern aufzuhören, wenn man am nächsten Tag sowieso wieder damit anfangen muss.

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