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Fall Khashoggi : Knochensägen-Moderne

  • -Aktualisiert am

Mohammed Bin Salman im März 2018 vor einer Abreise nach Kairo Bild: dpa

Muhammad Bin Salman galt als Revolutionär, manchen gar als moderner Traumprinz. Doch er stößt jeden in den Treibsand, der dem Thron zu nahe kommt.

          2 Min.

          Jeden Tag ein neues grässliches Detail: Erst galt der saudische Journalist Jamal Khashoggi als vermisst. Dann als ermordet. Dann als gefoltert und ermordet und mit einer Knochensäge zerstückelt. Der Sound dieses Grauens soll auf Tonträgern zu hören sein. Musik helfe beim Sägen – so soll es ein erfahrener Leichenmetzger seinen Kollegen gesagt haben. Zuletzt gesehen wurde Khashoggi, als er Anfang des Monats das saudische Konsulat in Istanbul betrat. Er wollte heiraten, in der Türkei ein neues Leben anfangen. Er brauchte nur ein paar offizielle Papiere. Dort verschwand er. Inzwischen weiß man, er wurde ermordet, womöglich in höchstköniglichem Auftrag. Und der forsche Kronprinz Muhammad Bin Salman, der sich cool MBS nennt, was vielleicht nach John F. Kennedy klingen soll oder Dominique Strauss-Kahn, heißt ausgeschrieben nur noch Mister Bone Saw, Mister Knochensäge.

          Wie passt dieser Titel zu einem, der auf der ganzen Welt als Reformer gefeiert wird, als Revolutionär und moderner Traumprinz? Im einst streng wahhabitischen Königreich schickt Salman die Saudis plötzlich ins Kino und die Frauen hinters Lenkrad. Ja, sogar ins Stadion dürfen Saudi-Araberinnen. Die Töchter machen Sportunterricht, die Mütter Kommunalpolitik. Kann ein Mann so schlecht sein, der es gut mit den Frauen meint?

          Doch jedes Baklawa kommt mit Peitsche. Der zu tausend Peitschenhieben verurteilte Blogger Raif Badawi sitzt immer noch im Gefängnis und mit ihm immer mehr missliebige Freigeister. Salman stellt den Frauen Führerscheine aus, aber inhaftiert die Aktivistinnen, die genau dafür gekämpft haben. Er kündigt einen moderaten Islam an und räumt Reformprediger aus dem Weg. Er erneuert die saudische Wirtschaft und verhaftet Unternehmer und Wirtschaftsreformer. Das Ritz-Carlton in Riad wurde zwischenzeitlich zu einem Gefängnis: Der saudische Thronfolger hielt dort mächtige Prinzen und Geschäftsleute fest, bis sie genug Geld auf den Tisch legten.

          Was wie Freiheit schmeckt, sind nur sorgsam eingezäunte Luxusressorts und Freizeitparks. MBS gibt dem Volk Kino und Bikinis und stößt jeden in den Treibsand, der dem Thron zu nahe kommt. Jamal Khashoggi merkte das: „Der Kronprinz ist nur noch von Jasagern umgeben“, schrieb er. Es wurde ihm unheimlich, er wanderte nach Amerika aus. Doch auch im Exil blieb er für den Thronfolger gefährlich. Khashoggi kannte die Königsfamilie zu gut. Er pflegte Umgang mit einflussreichen Prinzen, dem Geheimdienst. Er war kritisch, aber loyal. Das gab seinen Worten Gewicht, die er in der „Washington Post“ niederschrieb. Khashoggis Verschwinden fiel auf. Das ist der Unterschied zu anderen Regimekritikern, deren Spur sich irgendwann irgendwo verläuft. Schon einmal hat MBS sich verzockt, als er den libanesischen Premierminister Saad Hariri mehrere Wochen in Saudi-Arabien festhielt und zum Rücktritt zwang. Erst nach der Intervention des französischen Präsidenten Macron konnte Hariri in sein Land zurückkehren und vom Rücktritt zurücktreten.

          Auch Niederlagen halten den blind wütenden Prinzen nicht auf. Denn er will nicht nur König werden, sondern Alleinherrscher. Bisher regierten die saudischen Herrscher stets in einer sorgsam austarierten Machtbalance aus Beratern und Familie. MBS will alles allein. Sein Megaprojekt ist die Vision 2030 für ein modernes Saudi-Arabien, das auch ohne Öl erfolgreich wirtschaftet. Ja, MBS hat Visionen. Allerdings keine von Demokratie und Freiheit, sondern nur von sich selbst – als Entwicklungsdiktator auf dem Thron.

          Livia Gerster

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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