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Amoklauf : Wie Schüler andere Schüler abknallen

Vor dem Amoklauf: Der Wunsch Gewaltphantasien im Netz anonym auszuleben wird zur Sucht. Bild: Youtube

Bevor Amokläufer zur Waffe greifen, schauen sie sich immer wieder die Taten anderer an. Im Netz ist das ganz einfach. Wenn Konsum nach Gewaltbildern zur Sucht wird.

          5 Min.

          In der Nacht zum Dienstag nahm die Polizei einen 15 Jahre alten Jugendlichen fest. Er hatte einen Amoklauf geplant; seine Pläne waren weit gediehen. Zu Hause hatte er Fluchtpläne seiner Schule versteckt, Chemikalien und Anleitungen zum Bau von Bomben. Die Ermittler fanden außerdem Messer und Patronen. Der Jugendliche kannte den Amokläufer von München. Er hatte ihn im Netz kennengelernt. Dort treffen sich alle, die Amokläufe begehen wollen oder mit Amokläufern sympathisieren. Die Mitglieder der Szene sind besessen von den Mördern, sie beschäftigen sich oft monatelang mit nichts anderem. Ihre Profile auf Youtube und in den sozialen Netzwerken sind gepflastert mit Fotos und Zitaten der Amokläufer; in ihren Videos leuchten sie jedes Detail der Mordtaten aus.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Einer der aktivsten unter ihnen nennt sich „DiabolicPsychopath“, teuflischer Psychopath. Vieles spricht dafür, dass sich dahinter der festgenommene Jugendliche verbirgt. Sein Account bei Youtube ist ein einziges Denkmal für Amokläufer. Auf seinem Profilbild steht: „Auftragsmörder zu mieten. Tötet zuverlässig Schüler seit 1999.“ Eine Anspielung auf den Amoklauf von Columbine. Zwei Schüler hatten damals mit Schrotflinten und Schnellfeuergewehren zwölf Mitschüler und einen Lehrer ermordet. Der Amoklauf gilt als einer der schlimmsten in der amerikanischen Geschichte, er fand zahlreiche Nachahmer. In der Szene sind die beiden Mörder Superstars. Auf dem Youtube-Profil von DiabolicPsychopath steht eine Collage mit Fotos von Eric Harris, einem der Täter von Columbine. „Verehrer von Eric Harris“ steht zwischen den Bildern. Außerdem: „Die Gesellschaft hat nicht erkannt, welches Monster sie erschaffen hat.“

          Noch unheimlicher sind die Videos von DiabolicPsychopath. In einem hat er einen Amoklauf simuliert. Dazu hat er das Ballerspiel „Counterstrike“ benutzt. In dem Ego-Shooter kämpfen Polizisten gegen Terroristen. Normalerweise laufen die Spieler dabei durch vorgegebene Umgebungen, durch Fabrikhallen oder enge Häusergassen. Die Spieler können sich die Umgebung aber auch selbst zusammenbasteln. Einige nutzen das, um Schulgebäude nachzubauen, in denen bekannte Amokläufe stattfanden. In die Gebäude setzen sie Spielfiguren, die aussehen wie Lehrer und Schüler. Dann laufen sie von Klassenzimmer zu Klassenzimmer und erschießen sie. So tat es auch DiabolicPsychopath. Im Oktober vergangenen Jahres lud er ein Video davon bei Youtube hoch. In der Beschreibung steht: „Das bin nur ich beim Abknallen einiger Schüler.“ Die Szenen wirken, als wären sie Hunderte Male einstudiert. Der Spieler schießt auf alles, was sich bewegt, er hinterlässt eine Blutspur in der Kantine, niemand wird verschont. Dann stürmen Polizisten das Gebäude. Der Mörder verschanzt sich in einem Klassenzimmer und knallt so viele von ihnen ab wie möglich. Am Ende wird er selbst getötet.

          Verherrlichung von Amokläufen

          Es gibt noch viel mehr solcher Videos, und fast alle stammen von Deutschen. Die meisten sind mit DiabolicPsychopath befreundet. Dass sie Amokläufe verherrlichen, ist leicht zu erkennen, an der Auswahl ihrer Profilbilder und Videos, an den Kommentaren, die sie unter den Videos anderer hinterlassen. Einer von ihnen ist der Nutzer „Cannibalwolf“. Er hat unzählige Videos von Schulmassakern bei Youtube eingestellt. Alles ist präzise dem jeweiligen Tatort nachempfunden – der Grundriss des Gebäudes, die Deckenhöhe, die Farben der Wände und Türen. Aber nicht nur das. Cannibalwolf versucht auch, die Morde möglichst genau nachzustellen, so vorzugehen, wie der Täter vorgegangen ist. Er hat etwa den Amoklauf von Erfurt nachgespielt.

          Das Video erinnert gespenstisch an das, was 2002 an einem Gymnasium in der Stadt geschah. Der Spieler läuft in die Toilette und bewaffnet sich dort. Er rennt in die Klassenzimmer, ermordet fast nur Lehrer, er betritt das Büro der Schuldirektorin und wütet dort weiter. Dann versucht er, andere Klassenräume zu betreten, aber sie sind abgeschlossen. Der Spieler feuert durch eine Tür. Das hatte auch der Amokläufer von Erfurt getan, dabei waren zwei Schüler umgekommen. Durch ein Fenster erschießt der Spieler einen Polizisten. Bis in den Tod folgt er dem Beispiel des Mörders. Er steht in einem Klassenzimmer, die Tür verschlossen, und richtet sich selbst.

          Forderung nach immer mehr Gewalt

          Es sind immer die gleichen Leute, die sich die immer gleichen Filme ansehen. In den Kommentaren fordern sie noch mehr Gewaltdarstellungen. Unter dem Video zum Massaker in Erfurt schreibt ein Nutzer, er hoffe, Cannibalwolf werde noch nachstellen, wie ein Lehrer damals den Amokläufer aufhielt. Außerdem bemängelt er, dass der Spieler eine Pumpgun trage. Das sei gar nicht die richtige Waffe. Cannibalwolf antwortet, darüber gebe es verschiedene Meinungen. Einige Überlebende sagten, sie hätten gesehen, wie der Täter große Löcher in die Türen geschossen habe. Das gehe nur mit einer Pumpgun. Außerdem, schreibt Cannibalwolf, sei es ihm leider unmöglich gewesen, die Szene mit dem Lehrer nachzustellen. Unter einem anderen Video verbreitet er Zitate von Amokläufern; Dinge, die sie sagten, bevor sie ihre Opfer erschossen, zum Beispiel: „Glaubst du an Gott?“ So wie es einer der Täter von Columbine seine Opfer fragte. Solche Kommentare sind typisch. Regelmäßig verherrlichen die Fans ihre Idole, sie gratulieren ihnen sogar zum Geburtstag.

          Im Netz können berühmte Massenmorde wie der Amoklauf an der Frontier-Middle-School über Computerspiele nachgestellt werden. Alternativ guckt man sich den „Spielverlauf“ auf Youtube an. Bilderstrecke

          Ein weiteres bekanntes Mitglied der Szene ist „Egg-Striker“. Ein Video zum 17. Jahrestag von Columbine kommentiert er mit den Worten: „Columbine war das Beste.“ Darunter schreibt ein anderer in Großbuchstaben: „Vergiss es niemals.“ Fast jedes Video, das es in der Szene über Massenmorde gibt, hat Egg-Striker kommentiert, zahlreiche hat er selbst aufgenommen. Eines stellt den Amoklauf von Columbine im Computerspiel „Doom“ nach. In der virtuellen Bibliothek der Schule wütet Egg-Striker am krassesten. Er schmeißt mit Molotowcocktails um sich und erschießt alle Figuren, die unter den Tischen Schutz suchen. Ähnlich hatten es auch die beiden Mörder getan. Wer das modifizierte Spiel herunterladen will, für den liefert Egg-Striker den Link gleich mit. Unter dem Video hat er den Kommentar hinterlassen: „Sie haben nur verfickte Sportlerjungs getötet, damit hab ich kein Problem.“ Auch andere Nutzer sympathisieren offen mit den Amokläufern.

          Ausleben der Phantasien

          Einer schreibt: „Ich liebe das System der natürlichen Auslese. Aber leider erfolgt diese unter Menschen nicht mehr.“ Ein anderer kommentiert ein Video über einen Amoklauf in Finnland mit den Worten: „Ich finds immer wieder toll. Mich haben damals schon die Taten, man könnte auch sagen natürliche Reaktion, begeistert. Es müssen Zeichen gesetzt werden und genau das ist geschehen.“ Einige fordern zu weiteren Morden auf. Es wirkt wie ein Wettkampf. Als gehe es nur darum, die Messlatte höher zu legen, noch effektiver zu töten, noch mehr Schrecken zu verbreiten. „Immer diese Amok Huren, die sollen wenigstens etwas machen das in die Geschichte eingeht das hier ist nur wider ein 0815 Amoklauf“, schreibt ein Nutzer. „Warum nicht im Bundestag?“, fragt ein anderer. „Zum Beispiel.“

          Manchmal beschweren sich Zuschauer über die Videos. Aber die Fans der Amokläufer interessiert das nicht. Alles nur Spaß, schreiben sie dann. Oder: Stell dich nicht so an. Oder: Mit deinen Moralvorstellungen wischen wir uns den Hintern ab. Wie ernst sie es meinen, erkennt man schon an ihrer Besessenheit. Wöchentlich veröffentlichen sie neue Videos. In Endlosschleife leben sie ihre Phantasien aus und üben Gewalttaten ein; mit jedem Video müssen ihnen die Täter noch großartiger vorkommen und die Opfer noch lächerlicher.

          Häufig nach dem selben Muster

          Amokläufe geschehen häufig nach demselben Muster. Die Mörder bereiten sich jahrelang auf ihre Taten vor, sie beschäftigen sich immer wieder mit den Amokläufen von anderen, bis sie irgendwann selbst zur Waffe greifen. So bringt die Beschäftigung mit Amokläufen wieder neue Amokläufe hervor. Früher konnten sie für ihre Vorbereitungen aber nicht ins Internet gehen. Sie mussten Bücher lesen oder waren auf Dokumentationen über vorangegangene Massenmorde angewiesen. Heute brauchen sie nur ins Internet, und schon ist alles da, die verherrlichenden Videos und Kommentare. Im Netz findet jeder Gleichgesinnte.

          Die warnen sich auch gegenseitig, sollte es einmal brenzlig werden. Zum Beispiel nach der Festnahme des Jugendlichen am Dienstag. Auf einer Plattform für Computerspiele warnte ein Nutzer seinen Freund Egg-Striker: „Egg, lösch all dein Trollzeugs, bevor sie dich kriegen. Los los Los!“ Ein anderer schrieb: „Mach es einfach!“

          Noch während der Recherche für diesen Text stellte Egg-Striker alle seine Videos bei Youtube auf privat. Jetzt steht auf seiner Profilseite nur der Hinweis: „Auf diesem Kanal gibt es keine Inhalte.“

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