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Britische Flüge aus Kabul : Whistleblower nennt Afghanistan-Evakuierung „dysfunktional“

Ein Afghane gibt im August am Kabuler Flughafen ein Kind einem britischen Fallschirmjäger. Bild: AP

Viele bewunderten, wie viele Afghanen nach dem Fall von Kabul von den Briten ausgeflogen wurden. Aber die Prüfungen seien „willkürlich“ erfolgt, sagt ein früherer Diplomat. Der Minister habe die Situation oft nicht verstanden.

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          Manch deutscher Di­plomat blickte erstaunt auf die Briten, als sie nach dem Fall Kabuls etwa 15.000 Menschen aus Afghanistan ausgeflogen hatten – dreimal mehr als Berlin. Doch nun erhob ein britischer Diplomat, der im Krisenstab des britischen Außenministeriums geholfen hatte, schwere Vorwürfe gegen die Aktion und den damaligen Außen- und jetzigen Justizminister Dominic Raab. Laut dem „Whistle­blower“ – so der Auswärtige Ausschuss über seinen Zeugen – verlief die Aktion „chaotisch“ und „dysfunktional“. Der Bericht werfe „Fragen an die Führung des Foreign Office auf“, sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Tom Tugendhat.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          In seinem Zeugenbericht hält der 25 Jahre alte Raphael Marshall, der das Amt mittlerweile verlassen hat, fest, dass keiner seiner Kollegen über Landes- und Sprachkenntnisse verfügt habe. Entscheidungen seien „willkürlich“ getroffen worden, und Raab habe bei Zweifelsfällen oft spät reagiert, „ohne die Situation ganz zu verstehen“. Tausende Mails seien nur geöffnet (aber nicht gelesen) worden, damit die Hausleitung sagen könne, dass alle Hilferufe aufgenommen wurden. Nicht einmal fünf Prozent der 75.000 bis 150.000 Hilfesuchenden hätten Unterstützung erhalten. „Es ist klar, dass einige der Zurückgelassenen seither von den Taliban ermordet wurden“, schrieb er.

          Marshall gehörte dem „Krisenstab Spezialfälle“ an, der Rettungsrufe von Afghanen mit „Verbindungen zu Großbritannien“ prüfte. An anderer Stelle wurden die Afghanen betreut, die unmittelbar für das Vereinigte Königreich gearbeitet hatten, etwa Übersetzer der Armee. Seine Kollegen hätten Überstunden und Nachtarbeit verweigern dürfen, weil „Work-Life-Balance“ ein erklärtes Ziel der Hausleitung gewesen sei, schrieb Marshall. Nach acht Stunden sei man „ermutigt“ worden, die Arbeit zu beenden. An einem Samstagmorgen im August sei er der Einzige gewesen, der die Mails bearbeitet habe.

          Die Kommunikation sei „noch erschwert worden, weil einige Kollegen von zu Hause aus gearbeitet haben“. Raab bezeichnete Marshall am Dienstag als „relativ nachgeordneten“ Mitarbeiter und verwies darauf, dass mehr als 1000 Mitarbeiter des Außenministeriums an der „Operation Pitting“ beteiligt gewesen seien. „Einige der Kritikpunkte erscheinen mir etwas losgelöst von der damaligen Lage, dem operativen Druck“, sagte Raab.

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