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Westeuropa : Dem Tag gemäß

  • -Aktualisiert am

Die „Sagrada Familia”: Forderungen zur Modernisierung auch in Spanien Bild: picture-alliance / dpa

In allen vier „katholischen“ Ländern in Westeuropa hat kein Schlagwort die Kirche in den letzten Jahrzehnten so beschäftigt wie „Aggiornamento“. Es gilt als Verpflichtung, die Kirche „an den Tag heranzuführen“. Doch welcher Weg ist der richtige?

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          „Katholisch“ sollte man die Länder nennen können, in denen - wie in Spanien, Portugal, Italien oder Frankreich - 98 Prozent, 93, 90 oder 78 Prozent der Bevölkerung katholisch sind oder sich so bezeichnen. Aber irgendwann hat man aufgehört, die Konfessionszugehörigkeit auf ein ganzes Land zu übertragen.

          In Frankreich mit dem für die Religion sehr ambivalenten Erbe der Französischen Revolution und der Zivilverfassung von Napoleon hatte man es damit von den vier Staaten am eiligsten.

          Antiklerikale Politiker in Frankreich

          Schon vor 100 Jahren (1905) verfügte das Parlament die Trennung von Kirche und Staat; ein Grund, jetzt ein Jubiläum zu feiern und - gegen alle Kümmernis des verstorbenen Papstes stolz „christliche Wurzeln“ in die Verfassung der Europäischen Union nicht hineinwachsen zu lassen. In prinzipiellen Fragen sind die französischen Politiker gern antiklerikal. Sie achten nur darauf, es sich mit gutkatholischen Wählern nicht zu verderben, seitdem diese in der Frage der Privatschulen gezeigt haben, daß sie zu Protestkundgebungen fähig sind.

          In Italien hat die katholische Kirchenführung - bis 1978 unter Papst Paul VI. fast identisch mit der vatikanischen - ihre Lektion an den Themen Ehescheidung und Abtreibung gelernt. Widerwillig, unwillig, schließlich sich damit abfindend, daß die Moralgebote der Kirche nicht Gesetze des Staates sind. Denn darum ging es vor allem, als die Bürger in Europa aus den Kirchen herauswuchsen.

          Nach den Reformationen und vor allem dem Dreißigjährigen Krieg und dann, ideologisch verstärkt durch die Aufklärung des 18. Jahrhunderts war man immer weniger bereit, sich wegen eines Glaubensdogmas von Staats wegen in Auseinandersetzungen einzulassen. Religion und Konfession verblaßten als Kriegsgrund nach außen, blieben jedoch im Innern Auslöser von Kulturkämpfen.

          Finanzielle Stabilität

          Seitdem sind die italienischen Kardinäle und Erzbischöfe vorsichtig mit ihrem Zugriff auf gesellschaftliche Entwicklungen geworden, um so mehr, als sie Anfang der neunziger Jahre ihre große und mächtige politische Vertretung, die Democrazia Cristiana, mit deren christlich-sozialen Idealen, als Volkspartei verloren haben. In kleineren Fragen wie etwa der „künstlichen Befruchtung“ meldeten sich katholische Parlamentarier und Parteiführer zu Wort, konnten damit auch die zurückhaltende Gesetzgebung der Regierungskoalition unter Ministerpräsident Berlusconi beeinflussen.

          Wenn dann jedoch dagegen, wie jetzt geschehen, Referenden angestrengt werden, begnügt sich etwa der Präsident der italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Ruini, mit der Anregung, sich der Stimme zu enthalten und damit den Volksentscheid mangels ausreichender Wähler ungültig zu machen. Ein Kreuzzug, wie noch bei Ehescheidung und Abtreibung, ist nicht mehr im Programm.

          Dabei lernten die italienischen Kirchenführer, daß man mit überzogenen Ansprüchen seinen Einfluß gefährdet. So gaben sie die staats- und verfassungsrechtlichen Privilegien des Katholizismus als Staatsreligion in einem neuen Konkordat im Februar 1984 auf, unter dem sozialistischen Regierungschef Craxi, der die Revision der alten „Lateran-Verträge“ vernünftig und dafür eine Parlamentsmehrheit fand.

          Dabei gewann die Kirche auch finanzielle Stabilität. Die damals vereinbarte Kirchensteuerregelung ist nicht so bequem für die Kirche wie in Deutschland, aber dafür unvermeidbar. Die Bürger können nur wählen, welcher religiösen oder sozialen Gemeinschaft sie „otto per mille“ (acht Promille) bei der Steuerberechnung zukommen lassen wollen, aber sie können sich der Abgabe nicht entziehen. Dieses System erscheint vielen als sinnvoll und nachahmenswert, weil die Kirche auch soziale Aufgaben wahrnimmt.

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