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Iranische Volksmudschahedin : In Tirana muss der Teufel leben

Anhängerinnen der MEK bei Feierlichkeiten im albanischen Manza am 12. Juli 2019 Bild: AFP

Terroristen oder Demokraten? Albanien beherbergt 2500 iranische Volksmudschahedin. Ihr Ziel ist der Umsturz des iranischen Regimes. Gute Kontakte pflegen sie auch in den Deutschen Bundestag.

          5 Min.

          In Teheran führen die Ajatollahs das iranische Volk mit harter Hand, sperren Oppositionelle ein, richten Verurteilte hin und geben Frauen und Männern eine Kleiderordnung vor. Seit mehr als 40 Jahren sind sie an der Macht. Seitdem planen auch Exil-Iraner den Umsturz der Regierung in Teheran. Es gibt mehrere iranische Gruppen im Ausland. Die größte sind die sogenannten Volksmudschahedin, von denen 2500 Mitglieder in einem Camp in Albanien leben sollen. Nach eigenen Angaben wollen sie aus der Islamischen Republik einen demokratischen Staat formen. Unterstützung für einen solchen „regime change“ erhalten sie von amerikanischen Spitzenpolitikern, aber auch von deutschen Bundestagsabgeordneten wie dem CDU-Politiker Martin Patzelt.

          Martin Franke

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          In Brüssel und Berlin machen die Volksmudschahedin – auch modschahedin-e khalq und MEK genannt – intensive Lobbyarbeit. Vor den Regierungsgebäuden stehen immer wieder Mitglieder der Widerstandsgruppe und gehen gezielt auf Abgeordnete zu. Patzelt ist auf diese Weise auf die Organisation aufmerksam geworden – und mittlerweile Vorstandsmitglied im „Deutschen Solidaritätskomitee für einen freien Iran“, der die Interessen der Volksmudschahedin in Deutschland vertritt.

          In der inhaltlichen Arbeit im Bundestag findet die MEK so Erwähnung. Patzelt hat als Mitglied im Menschenrechtsausschuss die Volksmudschahedin thematisiert. Auch andere namhafte deutsche Politiker unterstützen den Verein mit Sitz in Berlin-Wilmersdorf als Vorsitzende und im Beirat: die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth sowie Otto Bernhardt, Vorstandsmitglied der Konrad-Adenauer-Stiftung. Sie schreiben Gastbeiträge für deutsche Zeitungen, in denen sie auf die Situation der Exil-Iraner in Albanien aufmerksam machen, richten Konferenzen aus und besuchen die Iraner in Albanien. Patzelt sagt im Gespräch mit der F.A.Z., dass er „in einer Reihe“ mit den Volksmudschahedin stehe.

          Maryam Rajavi in Paris (Archivbild aus dem Jahr 2012)
          Maryam Rajavi in Paris (Archivbild aus dem Jahr 2012) : Bild: dpa

          Es ist eine seltsame Verbindung: Die MEK orientieren sich an einer Mischung aus Islam und Kommunismus. „[...]“. Zuletzt hatte der „Guardian“ mit etwa einem Dutzend Aussteiger gesprochen und berichtet, dass die Mitglieder einer Gehirnwäsche ausgesetzt sind. Es herrsche eine Kult-artige Stimmung um die Anführerin Maryam Rajavi und ihren wahrscheinlich längst toten Ehemann Massoud, der von Rajavi nach außen hin am Leben gehalten wird. Rajavi führt von Paris aus die Gruppe an. Sie ist Präsidentin des iranischen Exilparlaments.

          Patzelt: Keine Sekte, sondern klösterliche Gemeinschaft

          In dem Camp in Albanien wohnen Frauen und Männer voneinander getrennt. Abends treffe man sich in kleinen Gruppen mit einem Kommandeur zu einem „ideologischen Training“ und zur Beichte sexueller Gedanken, erzählte ein ehemaliges Mitglied der britischen Zeitung. Das Geständnis werde genutzt, um Scham zu erzeugen. Mitunter werde der Kommandeur dann laut: „Wie willst du Freiheit für das iranische Volk erreichen, wenn du jeden Tag eine Erektion hast?“, wird ein Aussteiger zitiert. „[...]“ Von der Außenwelt sind sie dennoch nicht abgeschlossen: Dutzende Trolle verbreiten im Internet jeden Tag Propaganda. Der Bundestagsabgeordnete Patzelt kann den Vorwurf, die MEK sei eine Sekte, nicht nachvollziehen. Er sieht in dem Zusammenleben eher eine klösterliche Gemeinschaft, die sich dem Kampf für Iran und einer harten Lagerdisziplin unterworfen habe.

          Die Geschichte der Volksmudschahedin ist komplex: Entstanden ist die Bewegung in den 1960er Jahren. Am Sturz des Schahs 1979 waren sie maßgeblich beteiligt, verloren jedoch die politische Vormachtstellung innerhalb Irans. In den Folgejahren gingen sie zunächst in den Untergrund, verübten Bombenanschläge auf Ali Khamenei unter anderem. Zwischen 1979 und 1981 wurden Hunderte Mitglieder getötet, Tausende in Gefängnisse gesteckt. Daraufhin flohen die Volksmudschahedin in den Irak und kämpften dort Seit’ an Seit’ mit Saddam Hussein im Krieg gegen die eigenen Landsleute. Der irakische Diktator stattete die iranischen Kämpfer mit Waffen aus, die sie erst 2003 mit der Invasion der amerikanischen Streitkräfte im Irak wieder abgeben mussten.

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          Seit 2013 beherbergt Albanien die Volksmudschahedin, nachdem sie im Irak mehrmals angegriffen wurden und dort nicht mehr sicher waren. Mithilfe der Vereinten Nationen, der Vereinigten Staaten „[...]“ wurden die Volksmudschahedin bis 2016 in das muslimische Land im Westbalkan ausgeflogen. Über die vertraglichen Details ist nichts Offizielles bekannt. Albanien soll den Deal unter dem Vermittlungsdruck Washingtons eingegangen sein und dafür Hilfsgelder in Millionenhöhe erhalten haben. Zuvor wurde auch Rumänien angefragt, das die Anfrage ablehnte. Beobachter in Albanien sind sich sicher, dass die politischen Funktionäre für das Entgegenkommen geschmiert wurden. Korruption ist weit verbreitet; Albanien belegt auf dem Korruptionsperzeptionsindex Platz 106 von 180.

          Für viele Albaner ein ernsthaftes Problem

          Martin Patzelt hingegen betont, dass der Grund für die Aufnahme in der Gastfreundschaft der Albaner liege. Zusammen mit Rita Süssmuth hat der CDU-Politiker 2018 das Camp der MEK in Albanien besucht. Dort rief Patzelt auf, „der religiösen Diktatur im Iran ein Ende zu machen“. In Manza, das etwa dreißig Kilometer von Tirana entfernt liegt, leben die Volksmudschahedin.* Innen soll es eine Krankenstation geben, eine Holzwerkstatt und einen Computerraum.

          Eine albanische Investigativ-Journalisten, die namentlich nicht genannt werden will, sagt: „Niemand akzeptiert in seinem Land eine Gruppe von Menschen, die Terroranschläge verüben kann. Man weiß nie, wann sie aktiviert werden.“ Sie meint, dass die Möglichkeit an Waffen zu kommen, für die MEK gerade in Albanien nicht allzu schwer sei.

          Zwar befindet sich unter den Volksmudschahedin kaum jemand unter 50 Jahren. Irans Auslandsgeheimdienst hat sie dennoch im Visier. In Amerika und Europa standen sie über Jahre auf der Terrorliste. Unter den Mitgliedern der MEK, so heißt es in Albanien, befänden sich hauptsächlich Akademiker und gut ausgebildete Ingenieure und Ärzte, die sich vor Jahrzehnten den kämpfenden Einheiten des iranischen Widerstands angeschlossen haben. Ihre militärische Schlagkraft dürfte jedoch überschaubar sein. Politisch betrachtet genießt die Gruppe in Iran wenig Rückhalt. Manche Beobachter sagen sogar, dass die Volksmudschahedin in ihrer Heimat „hochverhasst“ sind. Die Chance, eines Tages das politische System der Islamischen Republik zu stürzen, schätzt selbst Bundestagsabgeordneter Patzelt als gering ein.

          Für viele Albaner sind die Iraner in ihrem Land ein ernsthaftes und dauerhaftes Problem. Die Präsenz der MEK sorgt schon länger für diplomatischen Streit mit Teheran. Im Dezember 2018 musste der iranische Botschafter das Land verlassen. Als Grund nannte der albanische Außenminister „Beschädigung der nationalen Sicherheit“. Mitte Januar 2020 hat der Balkanstaat zwei weitere Diplomaten des Landes verwiesen. Ihnen wird vorgeworfen, Anschläge auf die MEK geplant zu haben und mit dem getöteten iranischen General Soleimani in Verbindung gestanden zu haben. Soleimani führte die Quds-Brigaden an, die im Ausland tätig sind. Im amerikanischen Verteidigungsministerium begrüßte man die Ausweisung und warnte zugleich: „Das iranische Regime fährt damit fort, diplomatische Einrichtungen in Europa und anderswo als Schutz zu nutzen, um terroristische Attacken anzuzetteln“, schrieb eine Pressesprecherin bei Twitter.

          Unterstützer bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2020, die gegen den iranischen Außenminister demonstrieren.
          Unterstützer bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2020, die gegen den iranischen Außenminister demonstrieren. : Bild: Reuters

          Die Tötung Soleimanis hatte die Regierung in Tirana positiv bewertet. Albanien ist Nato-Mitglied und steht fest an der Seite Washingtons. In Tirana gibt es eine George-Bush-Straße, die die tiefe Freundschaft bezeugen soll. Der Geistliche Führer Irans, Ali Khamenei, sprach kürzlich hingegen von einem „sehr kleinen, aber teuflischen Staat in Europa, wo Amerikaner mit iranischen Verrätern“ gemeinsame Sache machten. Für die Führung in Teheran sind die Volksmudschahedin Terroristen. Für das Weiße Haus ist die Sache anders gelagert: Donald Trumps Anwalt, Rudy Giuliani, und sein früherer Sicherheitsberater John Bolton traten schon mehrmals als Redner bei Veranstaltungen der Gruppe auf. Giuliani sagte Anfang des Jahres der amerikanischen Nachrichtenseite „The Daily Beast“: „Ich bin einer von denjenigen, der davon überzeugt ist, dass es in Iran einen Regimewechsel geben muss.“ Für die Volksmudschahedin war Trumps Wahl zum Präsidenten ein Geschenk des Himmels. Die Aussichten auf einen Umzug nach Teheran sind seitdem jedoch nicht realistischer geworden.

          *Korrektur: Das Camp Ashraf 3 in Manza befindet sich nicht auf einem ehemaligen Universitätscampus, wie irrtümlich vorher berichtet. Bis 2017 lebten die Volksmudschahedin auf dem ehemaligen Universitätscampus nahe Tirana.

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