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: Wenn der Panik-Faktor steigt

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Eine Hysterie jagt die nächste. Erst ging die Angst vor Milzbrand um, dann vor radioaktiv verseuchtem Sprengstoff, nun vor den Pocken. Morgen vielleicht vor einem Anschlag auf ein vollbesetztes Fußballstadion.

          5 Min.

          Von Gero von Randow

          Eine Hysterie jagt die nächste. Erst ging die Angst vor Milzbrand um, dann vor radioaktiv verseuchtem Sprengstoff, nun vor den Pocken. Morgen vielleicht vor einem Anschlag auf ein vollbesetztes Fußballstadion. Hinter diesen Ängsten lauert eine weitere: Was, wenn Panik ausbricht?

          Panik. Schon das Wort löst starke Gefühle aus. Doch bei den zuständigen Stellen in Deutschland, den Zivilschützern und Feuerwehren und Notärzten, geht es ruhiger zu. Man trifft sich zwar zu Beratungen über dieses und jenes, meist Organisatorisches. Das Verhalten großer Menschengruppen bei sogenannten "Großschadensereignissen" kommt indes nur selten zur Sprache. "In Deutschland setzt man sich damit nicht systematisch auseinander," kritisiert Frank-Gerald Pajonk, Psychiater an der Universitätsklinik im saarländischen Homburg, "das Thema taucht zwar in Notärzte-Schulungen auf, aber meist nur als ein Punkt unter vielen anderen, und Forschung gibt es nur in Ansätzen."

          Nicht so in Amerika. Auch der diesjährige Kongreß der American Association for the Advancement of Science (AAAS) in Denver gab dem Thema ein Podium. Dort trug der Soziologe Lee Clarke von der Rutgers University vor wenigen Tagen zusammen, was sein Fach über Panik weiß: Sie entsteht seltener, als Hollywood-Produktionen glauben machen - und zwar in genau umrissenen Szenarien, die eigentlich gut beherrschbar sind.

          Gerät eine große Menschengruppe in Gefahr, dann ist es nicht etwa typisch, daß sie alle sozialen Regeln vergißt und jeder einzelne nur noch blinde Rücksichtslosigkeit an den Tag legt. Statt dessen handeln die Menschen zumeist entsprechend sozialer Normen: Sie helfen einander, achten auf die Schwachen, bilden Gruppen mit Führungsstrukturen und verhalten sich überwiegend rational. Professionelle Helfer sollten diese Handlungsfähigkeit nutzen, anstatt das Publikum in Opfer und Störer einzuteilen: Das war eine Schlußfolgerung der Diskussion in Denver.

          In Deutschland denkt man anders. Die einzige umfassende Arbeit hiesiger Zivilschutzforscher zum Thema, eher ein Sammelsurium, trägt den verräterischen Titel "Analyse des menschlichen Fehlverhaltens in Gefahrensituationen".

          Die Soziologie hat das rationale Verhalten gefährdeter Großgruppen anhand Hunderter Katastrophen dokumentiert. Es zeigte sich auch am 11. September 2001. Anschließend war zwar viel von "Panik" die Rede - aber Nacherzählungen von Betroffenen taugen wenig. Schon kurz nach solchen Ereignissen regiert die Sprache der Medien, und der Bewältigungsprozeß überformt das Gedächtnis.

          Hellhörig macht allerdings die Schärfe, mit der die amerikanische Soziologie gegen den angeblich längst erledigten "Panik-Mythos" zu Felde zieht. Hat sie außer den Massenmedien noch jemanden im Visier? Gewiß doch: ihre ungeliebte Kusine, die Sozialpsychologie. Diese hatte der Individualpsychologie das Konzept der Angststörungen entlehnt und kurzerhand auf große Menschengruppen übertragen. Ungesicherte Empirie und psychoanalytische Überhöhung taten ein übriges, bis im Jahre 1954 der Soziologe Henry Quarantelli dem Treiben Einhalt gebot. Er begründete die empirische Panikforschung, deren Leistung im wesentlichen darin besteht, die Größe ihres Gegenstandes zu reduzieren. Eine besonders raffinierte Art, der psychologischen Theorie den Teppich unter den Füßen wegzuziehen, nur noch übertroffen von der Kritik, in der Massenpsychologie tobe sich ein bürgerliches Ressentiment gegen die Menge aus.

          Bald könnte es der Soziologie wie der Psychologie ergehen. Auf der AAAS-Tagung trat der Dresdner Physiker Dirk Helbing auf, der mit Computersimulationen eine Schneise in den soziologischen Lehrsatz von der hilfsbereiten Menschenmenge schlägt. Manchmal nämlich, das bestreitet auch die Soziologie nicht, versagen die Normen, und echte Panik bricht aus: Diese Fälle aber werden, wie Helbing sagt, "von Computersimulationen besser beschrieben als unter Zuhilfenahme soziologischer Annahmen." Immerhin haben es seine von der theoretischen Physik inspirierten Simulationen bis ins Wissenschaftsblatt Nature (28.9.2000) geschafft. Ein bloßer Theoretiker ist er freilich nicht; am vorgestrigen Freitag sprach er, frisch aus Denver zurückgekehrt, in Bremen auf einem Medizinerkongreß über Evakuierungen (Vortragstitel: "Das Krankenhaus als selbstorganisiertes Vielteilchensystem").

          Sein Thema sind Fälle, in denen viele Personen auf engem Raum zusammen sind, plötzlich herauswollen - und auf wenige Ausgänge angewiesen sind: in Fußballstadien und Kinos, Konzerten oder Diskotheken. Wie am vergangenen Montag, als in einer Disco in Chicago 21 Menschen zu Tode gedrückt wurden, oder am Donnerstag, als in Warwick (Rhode Island) 96 Menschen starben, die einander auf der Flucht vor einem Brand im Rock-Club blockierten.

          Für die Veröffentlichung in Nature hatte Helbing Menschen modelliert, die Ausgänge aus einem Fußballstadion suchen: Jedes Individuum beschrieb er als 80 Kilo schweres Objekt (eine nachvollziehbare Schätzung); die Schulterbreite variierte etwas, damit nicht zuviel Ähnlichkeit zwischen den um Platz konkurrierenden Objekten herrschte. Zu den Parametern des Modells zählten die "angestrebte Geschwindigkeit", die Abstände der Menschen voneinander und zu den Wänden (dargestellt als eine "Abstoßungskraft"), die Reibung zwischen ihnen - sowie ein Faktor, der die Nervosität des Individuums wiedergab: der Panik-Faktor. Von ihm hängen Wunschgeschwindigkeit und Herdentrieb des Individuums ab. Auch die Zahl der Ausgänge und deren Entfernungen voneinander ließen sich variieren. Im Computerexperiment zeigte sich sodann, unter welchen Voraussetzungen die Abstoßungskraft dem Aufeinanderzustreben der Individuen nicht mehr standhielt, die Reibung zum Verkeilen vor den Ausgängen führte und der Vorwärtsdrang der Individuen sich zu mörderischem Druck summierte.

          Als entscheidend erwies sich der Panikfaktor; je nervöser das Individuum, desto schwächer fiel die Fähigkeit aus, das Streben der Masse kritisch zu beurteilen und unter verschiedenen Ausgängen den bestgeeigneten auszuwählen. "Einiges davon war in Chicago wiederzuerkennen", sagt Helbing. "Die Disco war überfüllt, alles war eng. Außerdem haben die Menschen in Amerika Angst vor Bioterror, es soll auch jemand dieses Wort gerufen haben, als das Pfefferspray eingesetzt wurde. Dann kam es zu einer Pfropfenbildung vor einem Ausgang, ganz wie in unserer Simulation, und das, obwohl es zwei weitere Notausgänge gab." Es entstand eine Paniksituation, "zu deren Erklärung die Soziologie kaum etwas beitragen kann. Eher die Biologie, denn der Erregungszustand kann hormonell beschrieben werden".

          Einzuwenden wäre, daß der körperliche Erregungszustand durch soziale Vorgänge erzeugt wird - mögen es religiöse Verzückungen sein, wie auf der panikträchtigen Hadsch in Mekka, oder die Begeisterung in Fußballstadien und Rock-Arenen. Und nicht jede Menschenmenge neigt zur Panik. Massendemonstrationen beispielsweise, also durchaus aufgeregte Veranstaltungen, bleiben zumeist stabil, was mit sozialen Regeln zu tun hat.

          Jenseits allen Theorienstreits zeigen Helbings Simulationen, wie sich Panik verhindern läßt. Die errechneten Resultate hängen in einer Weise von der Architektur ab, die sich mit Vermutungen einschlägiger Bauexperten deckt. So ist es beispielsweise sinnvoll, Säulen in der Nähe der Ausgänge zu errichten, als Wellenbrecher. Außerdem sollte der Architekt die Gänge nicht unbesehen an einer Stelle erweitern, um sie anderswo wieder zu verengen: Sobald der Weg breiter wird, versuchen die Leute, einander zu überholen, und vor der Verengung bildet sich ein Pfropf.

          Ein Forschungsantrag von Helbing, seine Simulationen für die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland zu nutzen, modert seit einem Jahr in Behördenschubladen - "obwohl die Stadionbetreiber jetzt entscheiden müssen, wie sie den schlimmsten Fall baulich verhindern wollen". Also eine Stampede im Stadion, ausgelöst etwa durch ein Privatflugzeug oder das Verspritzen einer Flüssigkeit. Ein Fall, der jederzeit eintreten kann, auch heute schon.

          So weit darf es nicht kommen. Denn ein ausreichendes Anti-Panik-Training, sagt der Homburger Experte Frank-Gerald Pajonk, haben hierzulande "nur wenige leitende Notärzte" absolviert.

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