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: Wenn der Panik-Faktor steigt

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Sein Thema sind Fälle, in denen viele Personen auf engem Raum zusammen sind, plötzlich herauswollen - und auf wenige Ausgänge angewiesen sind: in Fußballstadien und Kinos, Konzerten oder Diskotheken. Wie am vergangenen Montag, als in einer Disco in Chicago 21 Menschen zu Tode gedrückt wurden, oder am Donnerstag, als in Warwick (Rhode Island) 96 Menschen starben, die einander auf der Flucht vor einem Brand im Rock-Club blockierten.

Für die Veröffentlichung in Nature hatte Helbing Menschen modelliert, die Ausgänge aus einem Fußballstadion suchen: Jedes Individuum beschrieb er als 80 Kilo schweres Objekt (eine nachvollziehbare Schätzung); die Schulterbreite variierte etwas, damit nicht zuviel Ähnlichkeit zwischen den um Platz konkurrierenden Objekten herrschte. Zu den Parametern des Modells zählten die "angestrebte Geschwindigkeit", die Abstände der Menschen voneinander und zu den Wänden (dargestellt als eine "Abstoßungskraft"), die Reibung zwischen ihnen - sowie ein Faktor, der die Nervosität des Individuums wiedergab: der Panik-Faktor. Von ihm hängen Wunschgeschwindigkeit und Herdentrieb des Individuums ab. Auch die Zahl der Ausgänge und deren Entfernungen voneinander ließen sich variieren. Im Computerexperiment zeigte sich sodann, unter welchen Voraussetzungen die Abstoßungskraft dem Aufeinanderzustreben der Individuen nicht mehr standhielt, die Reibung zum Verkeilen vor den Ausgängen führte und der Vorwärtsdrang der Individuen sich zu mörderischem Druck summierte.

Als entscheidend erwies sich der Panikfaktor; je nervöser das Individuum, desto schwächer fiel die Fähigkeit aus, das Streben der Masse kritisch zu beurteilen und unter verschiedenen Ausgängen den bestgeeigneten auszuwählen. "Einiges davon war in Chicago wiederzuerkennen", sagt Helbing. "Die Disco war überfüllt, alles war eng. Außerdem haben die Menschen in Amerika Angst vor Bioterror, es soll auch jemand dieses Wort gerufen haben, als das Pfefferspray eingesetzt wurde. Dann kam es zu einer Pfropfenbildung vor einem Ausgang, ganz wie in unserer Simulation, und das, obwohl es zwei weitere Notausgänge gab." Es entstand eine Paniksituation, "zu deren Erklärung die Soziologie kaum etwas beitragen kann. Eher die Biologie, denn der Erregungszustand kann hormonell beschrieben werden".

Einzuwenden wäre, daß der körperliche Erregungszustand durch soziale Vorgänge erzeugt wird - mögen es religiöse Verzückungen sein, wie auf der panikträchtigen Hadsch in Mekka, oder die Begeisterung in Fußballstadien und Rock-Arenen. Und nicht jede Menschenmenge neigt zur Panik. Massendemonstrationen beispielsweise, also durchaus aufgeregte Veranstaltungen, bleiben zumeist stabil, was mit sozialen Regeln zu tun hat.

Jenseits allen Theorienstreits zeigen Helbings Simulationen, wie sich Panik verhindern läßt. Die errechneten Resultate hängen in einer Weise von der Architektur ab, die sich mit Vermutungen einschlägiger Bauexperten deckt. So ist es beispielsweise sinnvoll, Säulen in der Nähe der Ausgänge zu errichten, als Wellenbrecher. Außerdem sollte der Architekt die Gänge nicht unbesehen an einer Stelle erweitern, um sie anderswo wieder zu verengen: Sobald der Weg breiter wird, versuchen die Leute, einander zu überholen, und vor der Verengung bildet sich ein Pfropf.

Ein Forschungsantrag von Helbing, seine Simulationen für die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland zu nutzen, modert seit einem Jahr in Behördenschubladen - "obwohl die Stadionbetreiber jetzt entscheiden müssen, wie sie den schlimmsten Fall baulich verhindern wollen". Also eine Stampede im Stadion, ausgelöst etwa durch ein Privatflugzeug oder das Verspritzen einer Flüssigkeit. Ein Fall, der jederzeit eintreten kann, auch heute schon.

So weit darf es nicht kommen. Denn ein ausreichendes Anti-Panik-Training, sagt der Homburger Experte Frank-Gerald Pajonk, haben hierzulande "nur wenige leitende Notärzte" absolviert.

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