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Weltkulturerbe : Der Bildersturm der Taliban erschüttert die Weltöffentlichkeit

  • -Aktualisiert am

Diesen fast 2.000 Jahre alten Buddha von Bamiyan gibt es nicht mehr Bild: AP

Die muslimischen Taliban haben mit der Zerstörung sämtlicher buddhistischer Kulturgüter in Afghanistan begonnen.

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          Die Appelle der Europäischen Union, der Vereinten Nationen, von Regierungen in aller Welt, auch muslimischen Staaten, verhallten wirkungslos. Unter den Augen einer fassungslosen Weltöffentlichkeit hat die muslimische Taliban-Miliz, die neunzig Prozent des Staatsgebiets von Afghanistan beherrscht, mit der Vernichtung sämtlicher buddhistischer Kunstwerke in den von ihnen kontrollierten Gebieten begonnen.

          Zu den ersten Opfern gehörten die beiden größten Buddha-Statuen der Welt, die Standbilder im Tal von Bamiyan. Sie stehen auf der Weltkulturerbe-Liste der Unesco.

          Betroffen waren auch die Schätze im Nationalmuseum von Kabul. Der Präsident des Internationalen Rats für Denkmalpflege, der Deutsche Michael Petzet, fasste die „unfassbaren“ Vorgänge gegenüber FAZ.NET in dem Satz zusammen: „Wir sehen einen Bildersturm und sind ohnmächtig.“

          Bilderstürmer bei der Arbeit: Taliban mit Buddha-Statue aus dem Nationalmuseum in Kabul

          Bekannt war das Vorhaben der Taliban schon Anfang der Woche: Am Montag hatte das Oberhaupt der Milizen, Mullah Mohammed Omar, die Zerstörung sämtlicher Kulturgüter aus vor-islamischer Zeit angeordnet. In seinem Dekret berief sich Omar auf „die Geistlichkeit und den Obersten Gerichtshof“ des Landes. „Nur Allah, der Allmächtige, verdient es, angebetet zu werden“, verkündete er.

          Die in der Hauptstadt von Pakistan, Islamabad, ansässige Organisation SPACH (Society for the Preservation of Afghanistan's Cultural Heritage) forderte die Taliban am nächsten Tag auf, die Entscheidung rückgängig zu machen. Die Botschafter der EU-Staaten in Islamabad beriefen ebenfalls am Dienstag eine Telefonkonferenz ein.

          Auf erste Proteste reagierte Mullah Mohammed Omar mit der lapidaren Erklärung, es würden ja nur „Steine zertrümmert“. Gleichzeitig verbat er sich jede Einmischung in innere und religiöse Angelegenheiten und bekräftigte seine Entschlossenheit, mit dem Erbe des Buddhismus in Afghanistan aufzuräumen. Die Taliban, die zum Volksstamm der Paschtunen gehören und aus traditionellen Islam-Schulen hervorgehen, betrachteten es als ihre Pflicht, islamische Gebote umzusetzen. Die aber ließen Darstellungen Gottes nicht zu.

          Die Taliban „kümmert es nicht, wenn die Welt schockiert ist“

          Kurze Zeit später verlas der Botschafter der Taliban in Pakistan eine Erklärung des Taliban-Hauptquartiers in Kandahar, derzufolge eine Entscheidung geistlicher Gelehrter zu dem Thema vorliege. Der werde gefolgt, „ganz sicher". Agenturen zitierten Mullah Mohammad Omar mit dem Satz, es kümmere ihn nicht, wenn die Welt über sein Vorgehen schockiert sei.

          Am Donnerstag verkündete Kulturminister Kudratullah Dschamal: „Die Arbeit hat begonnen“ und werde mit „allen Mitteln“ ausgeführt, „auch mit Artilleriesalven“.

          Wieder folgten Proteste aus aller Welt. Die schwedische EU-Ratspräsidentschaft rief die Anführer der Taliban-Miliz ebenso zum Einlenken auf wie UN-Generalsekretär Kofi Annan und der deutsche Außenminister Joschka Fischer. Der französische Staatspräsident Jacques Chirac forderte die Unesco auf, so schnell wie möglich die internationale Gemeinschaft zu mobilisieren, um das „zerstörerische Vorhaben“ der Taliban zu unterbinden. Dem Generaldirektor der Unesco, Koichiro Matsuura, sicherte Chirac alle zum Schutz der Kulturgüter notwendigen Mittel zu.

          Icomos-Präsident Michael Petzet: „Wir sind alle ohnmächtig“

          Der Präsident des Internationalen Rats für Denkmalpflege (Icomos), Michael Petzet, zeigt sich gegenüber FAZ.NET „fassungslos“ über diesen „Bildersturm“. 1999 hätten die muslimischen Taliban zugesagt, das buddhistische Erbe Pakistans nicht anzurühren. In der Erklärung von damals seien die Buddha-Statuen von Bamiyan eingeschlossen. Die Taliban seien „wortbrüchig“ geworden. Petzet sagte weiter: „Wir sind alle ohnmächtig“. „Man kann niemanden in das Gebiet schicken. Die Region ist Sperrgebiet.“

          Über die Zerstörungen kann für Petzet auch die Tatsache nicht hinwegtrösten, dass viele bedeutende Denkmäler in Afghanistan noch unter der Erde verborgen seien, denn auch da habe es schon Grabungen gegeben. „Das Museum in Kabul wurde großteils geplündert, kostbare Gegenstände in den internationalen Kunsthandel eingeschleust“, berichtet Petzet gegenüber FAZ.NET. Die Fresken in der Nische der beiden Buddha-Statuen von Bamiyan seien wohl mit dem selben Ziel stückweise entfernt worden.

          Icomos gab noch am späten Donnerstagabend in Paris eine Erklärung heraus, die diesem Dienst vorliegt. Darin klagt die Organisation den Taliban-Führer an, wortbrüchig geworden zu sein und beschuldigt ihn der „Unehrenhaftigkeit“ und der „Barbarei“.

          Museum in Kabul schon zu achtzig Prozent ausgeräumt

          Die jetzt vollzogene Tabula Rasa des nicht-islamischen Kulturerbes kommt trotz mannigfacher Beschwichtungen von Seiten der Taliban-Führung nicht völlig unerwartet. Seitdem die auch in Menschenrechtsfragen nicht zimperlichen Taliban 1994 ihren Eroberungszug in Afghanistan begannen, hinterlassen sie kulturell verbrannte Erde. Schon damals wurde das Museum in Kabul geplündert. Achtzig Prozent der Schätze des Nationalmuseums sind heute verschwunden. Ein Teil wurde zerstört, ein Teil verkauft, das meiste nach Pakistan verscherbelt.

          Die unersetzlichen Statuen von Bamyian

          Was mit den monumentalen Buddha-Statuen von Bamiyan derzeit geschieht, lässt sich nur erahnen. Die Statuen gehören zu den großartigsten Zeugnissen des Buddhismus überhaupt. Unbekannte Künstler schufen die 55 und 38 Meter hohen Standbilder zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert nach Christus. Ursprünglich war der größere Buddha rot, der kleinere blau bemalt. Hände und Gesichter waren angeblich mit Gold bemalt.

          Das Tal von Bamiyan liegt an der ehemaligen Seidenstrasse. Buddhistische Mönche, die die großen Karawanen auf ihrem beschwerlichen Weg begleiteten, hatten die Lehre vom Buddha seit dem 3. Jahrhundert vor Christus in dem Tal verbreitet, das Pilger damals als lieblich beschrieben.

          Die Gesichtszüge der Statuen sind schon lange bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Die Statuen wurden von Granaten und Bomben beschädigt, Kopf und Schultern des kleineren Buddhas zerstörte eine Rakete. Nachdem die Taliban das Bamiyan-Tal 1998 erobert hatten, sollten die Standbilder schon einmal zerstört werden. Der Kommandeur konnte damals im letzten Moment aufgehalten werden. Er hatte bereits Sprenglöcher in den Kopf der größeren Statue bohren lassen.

          In dieser Stunde können sie endlich ihren barbarischen Zweck erfüllen.

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