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Weltbevölkerung : Die Grenzen des Wachstums

Wie viele Menschen leben im 22. Jahrhundert auf der Erde? Eine Prognose kam auf 36 Milliarden. Bild: dpa

Bald könnte es elf Milliarden Menschen geben. Aber das Wachstum der Weltbevölkerung verlangsamt sich schon. Und dann könnte sie auch ganz schnell wieder schrumpfen.

          4 Min.

          Niemand kann in die Zukunft schauen. Das macht es so reizvoll, sie sich auszumalen. Tippen wir eine Zahl in eine phantastische Zeitmaschine: Wie wird die Welt, zum Beispiel, im Jahr 2304 aussehen? Wie viele Menschen werden auf dem Planeten leben – noch viel mehr als heute? Viel weniger? An dieser Zahl hängt ja alles andere: Wirtschaft, Wetter, Wohlstand, Wohlbefinden. Den Reiz der Zeitmaschine kennen Schriftsteller, Filmemacher, Wissenschaftler. Während die einen mit Vorstellungskraft arbeiten, konzentrieren sich die anderen aufs Rechnen.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Zukunftsbilder der Wissenschaftler sind Diagramme mit Kurven und Balken, Tabellen voller Zahlen. Die aktuellen Daten der Vereinten Nationen zeigen: Statt der heute 7,3 Milliarden Menschen werden 2100 schon 11,2 Milliarden auf der Erde leben. Viele Wissenschaftler sagen aber auch: Spätestens dann sind die Grenzen des Wachstums erreicht.

          Das Wachstum bleibt gewaltig

          Reiner Klingholz, der Geschäftsführende Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, geht sogar davon aus, dass bereits in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts das Maximum erreicht sein wird. Dann würden die Menschen schon zwischen 2050 und 2100 weniger. Die Zahlenbilder wirken zwar präzise, sind aber unsicher. Denn die Wissenschaftler rechnen mit Faktoren, die sie nicht messen, sondern nur vorhersagen können, eben weil diese Faktoren erst in der Zukunft gelten werden. Und obendrauf kommt das Chaos, das sich nicht aus dem Wissen der Vergangenheit fortschreiben lässt: Krisen und Katastrophen.

          Bevölkerungsforscher betrachten besonders zwei Zahlen. Die eine ist die Geburtenrate: Wie viele Kinder werden die Durchschnittsweltbürger bekommen? Die andere ist die Lebenserwartung: Wie alt werden die Weltbürger werden? Zurzeit steigt die Lebenserwartung überall, auch in armen Ländern. Insgesamt haben auf der Erde bislang schätzungsweise 108 Milliarden Menschen gelebt, davon leben mehr als 7 Milliarden in unserer Zeit. Die Geburtenrate fällt dagegen seit den späten 1960er Jahren. Das bremst das Wachstum, aber das Wachstum bleibt gewaltig, weil die schiere Zahl an Menschen auf der Welt so groß ist, dass der Bremsweg enorm lang ist. Die Zahl der Menschen auf der Erde wird also noch eine Weile steigen, bis sie sinkt.

          Kinderkriegen und Altwerden hängen von vielen Dingen ab: von Kriegen, vom Klima, von Familienplanung. Niemand glaubt, dass sich an den wenigen Geburten in den reichen Ländern grundlegend etwas ändert. So fällt der Blick vor allem auf die armen Länder und die Schwellenländer. Haben Frauen, die verhüten wollen, Zugang zu Kondomen, zur Pille? Wie viel Wohlstand können sich Familien leisten, wie viel muss die Frau mit einem eigenen Einkommen beisteuern?

          Frauen bekommen im Durchschnitt 2,5 Kinder

          Bei den Berechnungen spielt die Zahl 2 eine Hauptrolle. Die Hälfte der Bevölkerung sind Frauen. Wenn jede zwei Kinder bekommt, entsteht eine neue Generation, die wiederum zur Hälfte aus Männern und Frauen besteht und genauso groß ist wie die vorherige. Allerdings muss man auf die 2 noch etwas draufschlagen, weil nicht alle Kinder groß werden und selbst Kinder bekommen können. Die Zahl, die so entsteht, nennen Wissenschaftler Ersatzrate. Je nachdem, wie viele Kinder in einer Gesellschaft sterben, liegt die Ersatzrate nur knapp oder auch deutlich über 2. Derzeit beträgt sie im Welt-Durchschnitt 2,3.

          Tatsächlich bekommen die Frauen aber noch 2,5 Kinder, die Bevölkerung wächst also weiter. Aber nicht mehr so rasant wie Ende der 1960er Jahre, als Frauen im Durchschnitt fünf Kinder bekamen. Gleichzeitig war die Lebenserwartung da schon so sehr gestiegen, dass sie das Wachstum weiter steigerte. In den Kurven der Wissenschaftler zur Wachstumsrate ist kurz vor 1970 ein hoher Zacken: Da hat sich die Menschheit am schnellsten vermehrt, was nicht verwechselt werden darf mit der größten Zahl an Menschen. Denn die Masse, die durch das exponentielle Wachstum entstand, vermehrt sich ja noch weiter.

          Vorher war vor allem die Kindersterblichkeit so hoch, dass die Menschheit nicht wuchs, obwohl die Frauen sehr viele Kinder bekamen. Deshalb blieb die Zahl der Erdbewohner lange relativ konstant. Der junge Ökonom Max Roser betreibt im Internet eine Seite für alle, die ihre Neugier auf Zahlen über die Welt und die Zukunft befriedigen wollen. „Our World in Data“ nennt die Zahl von 4 Millionen Menschen im Jahr 10.000 vor Christus, 265 Millionen für das mittelalterliche Jahr 1000. Erst 1850 wurde die Milliarden-Marke überschritten. Die Moderne hatte begonnen und brachte moderne Industrie, moderne Medizin, moderne Politik. Mehr Kinder überlebten. Die Gesellschaften vor allem des Nordens und des Westens wurden größer. Das Wachstum beschleunigte sich im 19. Jahrhundert erstmals nennenswert, bevor es im 20. Jahrhundert dann nach oben schnellte.

          Die Weichen sind gestellt

          Genauso wie mit dem exponentiellen Wachstum ist es auch mit dem exponentiellen Schrumpfen: Plötzlich kann alles ganz schnell gehen, und die Bevölkerungszahl sinkt so rapide, wie sie gestiegen ist. Noch ist die heutige Jugendgeneration die größte aller Zeiten. Aber die Weichen sind weltweit gestellt. Auch Afrika altert, und auch dort sinkt die Geburtenrate.

          Wissenschaftler sagen, alle Prognosen, die über das Jahr 2100 hinausgehen, sind extrem unsicher. Trotzdem haben die Vereinten Nationen vor gut 15 Jahren sogar einmal ein paar Bilder vom Jahr 2300 entworfen und jeweils verschiedene Geburtenraten in ihre Rechnungen eingespeist. Ein Szenario kam auf 36 Milliarden Menschen am Anfang des 22. Jahrhunderts, ein anderes auf nur 2,3 Milliarden. Forscher wie Klingholz halten niedrige Zahlen für wahrscheinlicher, weil es auch in den armen Ländern eine Entwicklung zu mehr Wohlstand, Bildung, selbst Frauenrechten gibt. Mit einer Unsicherheit: dass sich die Zahl der „komplett gescheiterten Staaten“ vermehrt. „Dann kann es auch schiefgehen.“

          Es gibt auch Kritik an der Methode der Vereinten Nationen: Sie rechneten zu starr, vernachlässigten im Vergleich zum Wiener International Institute for Applied Systems Analysis, kurz Iiasa, den Faktor Bildung. Die Stiftung Weltbevölkerung in Hannover sagt, mehr als 70 Millionen Frauen würden jedes Jahr ungewollt schwanger. Sie fordert von der Politik, das zu ändern. Auch die Stiftung verlangt aber nicht, die Zukunftszahlenspiele einzustellen, sondern fordert im Gegenteil: „Die demographische Datenlage verbessern, Bevölkerungsdynamiken besser verstehen und gestalten.“

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