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: Weißt du, was Wahhabiten sind?

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NEW YORK, 12. September. Der erste Prediger des Tages hat einen schweren Stand. Kaum haben die Angehörigen zum Jahrestag der Terroranschläge die Namen der Opfer des 11. September 2001 verlesen, kaum sind die Musikzüge der Feuerwehr ...

          NEW YORK, 12. September. Der erste Prediger des Tages hat einen schweren Stand. Kaum haben die Angehörigen zum Jahrestag der Terroranschläge die Namen der Opfer des 11. September 2001 verlesen, kaum sind die Musikzüge der Feuerwehr über die Church Street nach Norden abgezogen, kaum haben die Mennonitinnen mit den weißen Häubchen ihre Gesangbücher eingepackt und Hunderte hellblaue Hefte ("Liebe Deine Feinde") verteilt, tritt Matt Sky auf. Er will diesem Tag der Gegen- und Gegengegen-Demonstrationen mit einem verfassungspatriotischen Loblied auf Vielfalt und Freiheit beikommen.

          Aber dafür steht Matt Sky an der falschen Stelle, nämlich an der Ecke von Church Street und Park Place. Zwei Blocks entfernt ist Ground Zero, wo islamistische Terroristen vor neun Jahren den schlimmsten Anschlag der amerikanischen Geschichte verübten. Und gleich hinter dem Demonstranten mit den ins Gesicht hängenden Haaren stehen Absperrgitter. Die Dutzenden von Polizisten, die an beiden Enden des Park-Place-Teilstücks zwischen Church Street und West Broadway postiert sind, halten jeden fern, der sich dem alten Haus mit der noch schemenhaft erkennbaren Schrift "Burlington Coat Company" nähern möchte. Denn dort will Imam Feisal Abdul Rauf ein großes muslimisches "Kulturzentrum" inklusive Moschee errichten, nur 230 Schritte entfernt von Ground Zero, wie man am Tag zuvor noch nachmessen konnte.

          Matt Sky hält das Schild "Ehret den 11. September - Ehret die Religionsfreiheit" in die Kameras. Sie richten sich auf den 26 Jahre alten Mann, weil sie den in New York weilenden potentiellen Koran-Verbrenner Terry Jones nicht finden. "Wir sollten uns doch nicht von Islamisten Angst einjagen lassen", meint Sky. "Wir sollten die Moschee zulassen." Da ruft ein Mann, der gerade von der Gedenkfeier kommt: "Die sollen nicht in der Nähe bauen, die wollen uns doch nur provozieren." "Aber wer sind ,sie'?", fragt Sky, "es gibt doch so viele verschiedene Muslime." Das versetzt einen anderen Mann in Wut: "Und wenn du ein Kind hättest, das vergewaltigt und ermordet wurde - möchtest du, dass die Eltern des Täters deine Nachbarn werden?"

          "Diese Muslime haben doch nichts mit Al Qaida zu tun", ruft Matt Sky. "Und 500 Meter wären dann auch wieder nicht weit genug weg." - "Weißt du überhaupt, was Wahhabiten sind?", ruft einer, der sich auf die Spekulationen bezieht, die Moschee solle durch dogmatische Sunniten aus Saudi-Arabien mitfinanziert werden. Matt Sky weiß es nicht und entgegnet: "Unsere Vielfalt hat uns stark gemacht. Wir können sie doch nicht hier enden lassen. Man darf sich doch keine Angst einjagen lassen."

          Den ganzen Samstag über, der ein so schönes Wetter aufbietet wie der fatale Dienstag vor neun Jahren, debattiert Downtown Manhattan über solche Fragen. Da sind die Liberalen, denen die Freiheit der Religionsausübung über alles geht. Da sind die Opferfamilien, von denen es viele nicht ertragen, dass Muslime ausgerechnet hier ihre Religion ausüben wollen - zumal das Haus am Park Place selbst zum erweiterten Katastrophenort gehört, weil Teile von Fahrwerk und Rumpf des durch den Südturm geschossenen Flugzeugs das Dach und die beiden oberen Stockwerke zerstörten. Da sind die Muslime, die angeblich genau diesen Ort fünf Mal am Tag zur Religionsausübung brauchen, und die Islamkritiker, die eine Unterwanderung der amerikanischen Gesellschaft fürchten. Sie alle überfrachten den Tag mit religiöser Symbolik und überdrehter Rhetorik.

          Die "Wütenden Omas" machen da keine Ausnahme. Lillian Pollak zum Beispiel, eine alte Dame von der Upper West Side, ist wirklich eine "Raging Granny", 95 Jahre alt, Sozialistin, Facebook-Eintrag, Blumen am Hut. Sie war in den Dreißigern Mitglied der "Communist League of America", besuchte damals sogar Leo Trotzki in seinem mexikanischen Exil und schrieb später darüber das Buch "The Sweetest Dream". Jetzt sitzt sie am City Hall Park, wohin die Polizei die Gegengegen-Demonstranten mit möglichst großer Entfernung zu den Gegen-Demonstranten dirigiert hat. Warum sie hier ist? "Ich gehe auf jede Demonstration!" Dann stimmen die Großmütter ihre inhaltlich und stimmlich wackeligen Lieder an: "Heute ehren wir die viel zu vielen Toten, aber wir sehen, wie jetzt Muslime angegriffen werden."

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