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Weißhelme in Syrien : Die schwierige Rettung der Retter

  • -Aktualisiert am

Kampf der letzten Rebellen: Eine Explosion erschüttert Quneitra auf der syrischen Seite der Golanhöhen am Sonntag. Bild: Reuters

In einer spektakulären Aktion wurden mehrere hundert „Weißhelme“ aus Syrien gebracht. Die Zeit zur Rettung der Zivilschützer war knapp geworden. Acht von ihnen werden mit ihren Familien nach Deutschland kommen.

          5 Min.

          Am Mor­gen da­nach hallt Ge­fechts­lärm aus dem nur ein paar hun­dert Me­ter ent­fern­ten Qun­ei­tra hin­über auf die is­rae­li­sche Sei­te der Go­lan­hö­hen. Am Grenz­über­gang zwi­schen Sy­ri­en und Is­ra­el fal­len zwei Schüs­se. Dann folgt ei­ne Ex­plo­si­on un­mit­tel­bar vor dem wei­ßen Gren­zer­haus der Is­rae­lis, ge­folgt von ei­ner rie­si­gen Rauch­wol­ke: Die sy­ri­schen Re­bel­len ja­gen ih­re Sei­te des Grenz­pos­tens in die Luft. In Qun­ei­tra fol­gen wei­te­re hef­ti­ge Ex­plo­sio­nen, dort, wo die letz­ten Op­po­si­tio­nel­len ge­gen den sy­ri­schen Macht­ha­ber Baschar al As­sad aus­har­ren. Offenbar sprengen sie ihre letzten Vorräte. As­sad hat im Ju­ni ei­ne Of­fen­si­ve be­gon­nen und mit Hil­fe rus­si­scher Luft­un­ter­stüt­zung und ira­ni­scher Hil­fe auch den Süd­wes­ten Sy­ri­ens un­ter sei­ne Kon­trol­le ge­bracht, nur klei­ne Nes­ter von Re­bel­len und Po­si­tio­nen des „Is­la­mi­schen Staats“ (IS) sind üb­rig.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Zwei Busse verlassen die zerschossene Stadt Quneitra. Es soll wie im Gouvernement Daraa jetzt auch hier eine Vereinbarung der Rebellen mit Assad und dessen Schutzmacht Russland gegeben haben: die Waffen niederlegen und bleiben – oder Qun­ei­tra auf­ge­ben, die Grenz­re­gi­on ver­las­sen und da­für un­ver­sehrt in die nord­west­li­che Pro­vinz Id­lib ge­lan­gen. Seit Frei­tag al­so fah­ren Bus­se aus dem Gou­ver­ne­ment Qun­ei­tra ab. Ge­fech­te un­mit­tel­bar an der Gren­ze zu Is­ra­el schei­nen As­sad zu hei­kel zu sein und könn­ten auch das in den sieb­zi­ger Jah­ren ge­schlos­se­ne Ab­kom­men über ei­ne ent­mi­li­ta­ri­sier­te Grenz­zo­ne ver­let­zen. Bis zu­letzt harr­ten hier Re­bel­len, Flücht­lin­ge und Re­gime­geg­ner aus – un­ter ih­nen Mit­glie­der des 2013 ge­grün­de­ten „Sy­ri­schen Zi­vil­schut­zes“, die in sy­ri­schen Re­bel­len­ge­bie­ten nach Luft­an­grif­fen Men­schen aus Ge­bäu­de­trüm­mern ber­gen und hu­ma­ni­tä­re Hil­fe leis­ten. Sie sind un­ter dem Na­men „Weiß­hel­me“ be­kannt.

          Warten auf die Umsiedlung in den Westen

          In die­ser La­ge wur­de in der Nacht zum Sonn­tag ei­ne spek­ta­ku­lä­re hu­ma­ni­tä­re Ent­satz-Ope­ra­ti­on durch­ge­führt. Nach wo­chen­lan­ger Vor­be­rei­tung hat Is­ra­el die Ret­tung von meh­re­ren hun­dert Weiß­hel­men und ih­ren Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen über die Go­lan­hö­hen nach Is­ra­el und schließ­lich nach Jor­da­ni­en er­mög­licht. Weiß­hel­me sam­mel­ten sich am Sams­tag­abend am Grenz­über­gang Qun­ei­tra so­wie vor dem Grenz­über­gang zwi­schen Is­ra­el und Jor­da­ni­en auf den Go­lan­hö­hen. Zum Teil sol­len sie mit ih­ren Fa­mi­li­en zu Fuß ge­kom­men sein, das letz­te Stück auf sy­ri­scher Sei­te un­ter dem Schutz der is­rae­li­schen Streit­kräf­te, um ei­nen letz­ten Feu­er­über­fall auf die bei den As­sad-Trup­pen ver­hass­ten Weiß­hel­me zu ver­hin­dern. Über von der Po­li­zei ge­sperr­te Stra­ßen auf der is­rae­lisch be­setz­ten Sei­te der Go­lan­hö­hen wur­den die Sy­rer in Bus­se ver­bracht und nach Jor­da­ni­en ge­fah­ren. Dort war­ten sie jetzt un­ter Ob­hut des Flücht­lings­hilfs­werks der Ver­ein­ten Na­tio­nen im Flücht­lings­la­ger Az­raq auf ih­re Um­sied­lung in den Wes­ten. Bis Ok­to­ber soll das ge­sche­hen.

          Das sy­ri­sche Staats­fern­se­hen nann­te die Ret­tung der Weiß­hel­me ei­nen „Skan­dal“. Es sol­len vor al­lem Ka­na­da, Groß­bri­tan­ni­en und Deutsch­land ge­we­sen sein, die in Is­ra­el und Jor­da­ni­en schon vor ei­ni­ger Zeit dar­auf dran­gen, die von As­sad und sei­nem rus­si­schen Ver­bün­de­ten vom Tod be­droh­ten Zi­vil­schüt­zer fort­zu­schaf­fen. Nicht nur von Deutsch­land mit ins­ge­samt zwölf Mil­lio­nen Eu­ro, son­dern auch von den Ver­ei­nig­ten Staa­ten wer­den die Weiß­hel­me maß­geb­lich fi­nan­ziert. Ame­ri­ka­ni­sche Stel­len hat­ten dem Sen­der CBN schon vor ei­ner Wo­che durch­ge­sto­chen, dass über ei­ne Ret­tung nach­ge­dacht wer­de, just ei­nen Tag vor dem Tref­fen der Prä­si­den­ten Do­nald Trump und Wla­di­mir Pu­tin in Hel­sin­ki. Un­klar bleibt, ob in Hel­sin­ki über die Ret­tung ge­spro­chen wur­de. Der is­rae­li­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Ben­ja­min Netan­ja­hu be­ton­te am Sonn­tag, er sei „vor Ta­gen“ von Trump, dem ka­na­di­schen Pre­mier­mi­nis­ter Jus­tin Tru­deau „und an­de­ren“ ge­be­ten wor­den, bei der Ret­tung zu hel­fen.

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