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Weihnachtsgeschichte : Traum und Wirklichkeit

  • -Aktualisiert am

Weihnachtskrippe Bild: dapd

Josef, Marias Mann, gehört seit je zu den Randfiguren der Weihnachtsgeschichte. Dabei ist er einer wie wir, ein Realist, der Zahlen und genauen Messungen mehr traut als Träumen und Verheißungen. Und doch lässt er einen Traum sein Leben verändern, noch bevor er in der Weihnachtsnacht in Erfüllung geht.

          3 Min.

          Mal schlägt Josef einem Ochsen zwischen die Hörner, weil er die Windel des Krippenkindes im Maul hält, wie im Freiburger Münster. Mal sitzt er, träumerisch in die Weite blickend, neben Maria und dem Kind wie in Autun oder hält den singenden Engeln die Noten wie in Rom bei Caravaggio. Josef, Marias Mann, gehört seit je zu den Randfiguren der Weihnachtsgeschichte. Auch in den vier Testamenten wird wenig über ihn berichtet. Markus nennt nicht einmal seinen Namen, Johannes erwähnt ihn nur beiläufig und Lukas berichtet von der Wanderung nach Bethlehem und dem Ausreißen des zwölfjährigen Jesus während einer Pilgerreise nach Jerusalem. Nur Matthäus erzählt ausführlich von all dem, was die Weihnachtsgeschichte Josef zumutet, und zwar in denkbar nüchterner Weise.

          Josef ist so einer wie wir, ein Realist, von Beruf Zimmermann, einer, der Zahlen und genauen Messungen mehr traut als Träumen und Verheißungen. Mit Maria hatte der Engel wenigstens vorher geredet und ihr angekündigt, dass sie ein Kind gebären werde, ohne geschwängert worden zu sein. Diese Jungfrauengeburt ist ein Mittel des Glaubenszeugnisses, sie hat keinen erklärbaren Hintergrund. Für Matthäus ist die Jungfrauengeburt eine Vorstellung, die ausdrücken soll, wie sehr Jesus der Immanuel, der „Gott mit uns“, ist.

          Ehebruchsprozess oder Scheidebrief?

          Aber Josef? Er betritt doch schon als entehrter Mann die Bühne, seine Verlobte ist schwanger, und das offensichtlich nicht von ihm. Der rechtschaffene Jude Josef hatte damals nur zwei Möglichkeiten: Er hatte die Wahl zwischen dem gesetzlich vorgeschriebenen Ehebruchsprozess und der Ausstellung eines Scheidebriefs. Verheimlichen lassen hätte sich auch der Scheidebrief nicht, weil zwei Zeugen gebraucht worden wären, aber er hätte deutlich weniger Aufsehen erregt. Josef entscheidet sich gegen den Aufruhr, denn er „wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen“, berichtet der Evangelist.

          Noch während Josef über seinen Entschluss nachsinnt, erscheint auch ihm im Traum der Engel und erklärt in dürren Worten und ohne theologischen Aufwand, wie er die Schwangerschaft seiner Verlobten zu verstehen habe. Der Engel befiehlt Josef, seine Frau zu sich zu nehmen. Denn was sie empfangen habe, sei vom heiligen Geist. „Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.“ Dieser Traum durchkreuzt die Pläne Josefs, und er ist eine schiere Zumutung für seinen Wirklichkeitssinn. Ein uneheliches Kind, das hätte sich irgendwie noch verkraften lassen, aber dieses Kind soll auch noch der Messias, der Erlöser sein, also alte prophetische Weissagungen erfüllen, die jedem mit der Tradition vertrauten Juden bekannt waren?

          Josef lässt seine Pläne durchkreuzen

          In der Weihnachtsnacht geht dieser Traum in Erfüllung. Aber er entspricht nicht dem, was sich der redliche Zimmermann hatte träumen lassen. Der Traum Josefs nach der Begegnung mit dem Engel ist unendlich weit entfernt von seinen soliden Vorstellungen des künftigen Lebens. Er verändert sein Leben entscheidend. Josef, der Zimmermann, lässt seine Pläne durchkreuzen. Er lässt seine Verlobte nicht sitzen, er nimmt Maria zu sich und übernimmt die väterliche Verantwortung. Josef (Joseph) bedeutet: Er (Gott) füge hinzu - nämlich ein Kind, das Josef als Vater annimmt. Dieses „Gott mit uns“ (Immanuel) erlebt Josef handfest als wirkliches Handeln Gottes in der Geschichte und nicht als abstrakte Vorstellung. Dadurch wird ihm mehr möglich, als Josef sich je hätte träumen lassen: „Fürchte dich nicht“, sagt der Engel, „Maria und das Kind zu dir zu nehmen.“ Mit Frau und Kind gewinnt Josef innere Stärke, er gründet und rettet die biblische „Patchworkfamilie“ später vor der Verfolgung durch Herodes.

          Die Verheißung des Traums lässt Josef von sich absehen. Sie macht ihn frei für neue Möglichkeiten. Diese Freiheit gibt Josef den Mut, mit der Tradition zu brechen und neue Wege zu gehen. Statt mit der Härte des Gesetzes klare Verhältnisse zu schaffen, nimmt er eine zweideutige Lage in Kauf. Er wehrt sich nicht gegen die Übernahme der Vaterschaft. Ist Josef also ein autoritätsgläubiger Mann, der sich als anpassungswillig bis zur Lebenslüge erweist?

          Josefs Traum erinnert an Gottes greifbare Nähe

          Nein, Josef ist einer, der Neues und Undenkbares in seine Träume hineinlassen kann. Er ist noch nicht traumlos geworden wie mancher hartleibige, aber im Grunde von seinem Leben enttäuschte Realist, der Träume nur noch als Traumhäuser, Traumjobs oder Traumurlaube denken kann und auf diese Weise Traum und Wirklichkeit in Einklang zu bringen versucht. Josefs Traum erinnert an das, was an der Weihnachtskrippe verheißen wird: Gottes greifbare Nähe in Gestalt eines Kindes, die Menschen innerlich stark und frei macht. „Gott wird Mensch, dir Mensch, zugute / Gottes Kind, das verbindt / sich mit unserm Blute“, heißt es in einem alten Weihnachtslied, das die unüberbietbare Nähe Gottes mit den Menschen besingt. In der Weihnachtsnacht zeigt sich nicht irgendein göttliches Wohlwollen aus überlegener Ferne oder gebührender Distanz, sondern eine so unmittelbare Nähe, dass Traum und Wirklichkeit miteinander verschmelzen.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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