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Weihnachten in Bethlehem : Trauriger die Glocken nie klingen

Ausbruch der Gewalt: Die israelische Polizei schießt Tränengasgranaten auf Palästinenser in Bethlehem. Bild: dpa

In diesem Jahr hätte es in Bethlehem fast kein Weihnachtsfest gegeben, denn Gewalt ist auch am Geburtsort Jesu zu einem traurigen Ritual geworden. Warum wird nun mit Trauerflor und ohne Feuerwerk gefeiert?

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          Die beiden Pauken geben den Rhythmus vor, die kleinen Trommeln schnarren, dann setzen die Dudelsäcke ein. Zackig marschieren die palästinensischen Pfadfinder auf der Stelle. „Wir üben zwei Mal in der Woche, damit wir bereit sind“, sagt Albert Hani. Jedes Jahr am 24. Dezember ziehen die Dudelsackpfeifer und Trommler der „Päpstlichen Pfadfindertruppe von Beit Jala“ vor der Geburtskirche in Bethlehem auf. Doch in diesem Jahr wussten die Pfadfinder aus der Nachbarstadt Bethlehems lange Zeit nicht, was aus dieser alten Tradition werden wird.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Normalerweise geht es am Geburtsort Jesu an Weihnachten laut und fröhlich zu. Hunderte Dudelsäcke spielen Märsche, Weihnachtslieder und singen patriotische palästinensische Lieder. Aber die Gewalt ist in den Nahen Osten zurückgekehrt und auch in Bethlehem zu einem traurigen Ritual geworden. Dienstags und freitags kommt es hinter dem israelischen Kontrollpunkt und am Rand des Aida-Flüchtlingslagers fast jede Woche zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen protestierenden Palästinensern und israelischen Soldaten. Erst fliegen Steine, dann schießt die Armee mit Tränengas zurück. Ein Schauplatz ist das Stahltor in der hohen israelischen Sperrmauer, an dem Papst Franziskus im Mai 2014 betete.

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          „Die Musikgruppe freut sich das ganze Jahr auf den Auftritt an Weihnachten, aber wir sind natürlich auch Teil der politischen Lage. Wir sind froh und traurig zugleich“, sagt Pfadfinderführer Albert Hani über die Debatte, die in Bethlehem bis kurz vor Heiligabend andauerte. Viele halten es für falsch, zu feiern, als sei nichts geschehen. Mehr als hundert Palästinenser kamen schon ums Leben, die meisten von ihnen, nachdem sie Israelis angegriffen hatten. Hunderte Palästinenser wurden verhaftet, unter ihnen auch viele Jugendliche aus Bethlehem.

          Doch die Christen wehren sich dagegen, ihr wichtigstes Fest in eine Trauerveranstaltung zu verwandeln. „Weihnachten ist doch nur einmal im Jahr“, sagen viele. Die Feuerwerke wurden abgesagt, und am Ende änderten auch die Pfadfinder ihr Programm. Sie werden wahrscheinlich zu ihren Uniformen eine schwarze Trauerbinde am Arm tragen und keine ausgelassenen Melodien spielen. „Nur religiöse und nationale Lieder“, sagt Albert Hani, der stolz auf die Pfadfinder ist, deren erste Gruppen in Palästina schon vor hundert Jahren gegründet wurden. Während der britischen Mandatszeit in den zwanziger Jahren, begannen sich die Palästinenser für die Dudelsäcke der schottischen Soldaten zu begeistern. Allein in Beit Jala, dem christlichen Nachbarort von Bethlehem, gibt es heute drei Dudelsackkapellen. Der Christbaum im Zentrum von Beit Jala ist festlich mit roten Kugeln geschmückt.

          Nicht immer blieben die Proteste gewaltlos

          Unter den 15000 Einwohnern ist die Stimmung jedoch schon seit dem Sommer bedrückt. Der jüngste Ausbruch der Gewalt, den viele Palästinenser eine Intifada nennen, hat ihren eigenen Kampf in den Hintergrund gedrängt. Im Sommer marschierten sie jeden Sonntag ins Cremisan-Tal am Stadtrand, in das sich die israelische Sperranlage immer tiefer hineinfrisst: Wenn das letzte Stück fertig ist, wird auch das benachbarte Bethlehem fast vollständig von Jerusalem abgeriegelt sein. Die Christen von Beit Jala wollen nicht tatenlos hinnehmen, dass ihre Olivenbäume und ihre Weinberge hinter dem hohen Zaun verschwinden. Katholiken, Griechisch-Orthodoxe, Protestanten und einmal auch ein Imam beteten sonntags an der Baustelle – bis israelische Soldaten sie mit Tränengas- und Blendgranaten vertrieben, denn nicht immer blieben die Proteste gewaltlos, und junge Palästinenser warfen Steine.

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